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Nur noch tierfreie Zirkusatmosphäre in Rodgau

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Von: Annette Schlegl

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Gastspiele von Zirkussen mit Tieren sind in Rodgau auf öffentlichen Flächen untersagt. Die Stadt ist deutschlandweit die erste Kommune, die ein solches Verbot erlässt.

Die Tierrechtsorganisation Peta jubelt: Die Stadt Rodgau hat als erste Kommune in Deutschland Zirkusgastspiele mit Tieren aller Art auf städtischen Flächen untersagt. In der jüngsten Sitzung des Stadtparlaments fiel der Mehrheitsbeschluss, den die zweiköpfige Fraktion der Tierschutzpartei initiiert hatte. Der Circus Rolina, der derzeit auf einem Privatgelände in Rodgau im Winterquartier liegt, findet diesen Beschluss „sehr schade“. „Das macht ganze Existenzen kaputt“, sagt Giuliana Ortmann, Schwiegertochter des Zirkusdirektors Freddy Ortmann.

Laut Peta gab es bislang lediglich kommunale Wildtierverbote für öffentliche Flächen. Rodgau habe dieses Verbot nun als erste deutsche Kommune auf Zirkusse und Veranstalter ausgedehnt, die Tiere jedweder Art zur Schau stellten, heißt es in einer Pressemitteilung. „Wir wissen, dass Rodgau damit Vorreiter ist, weil wir schon seit Jahren eine Liste über kommunale Zirkus-Tierverbote in Deutschland führen“, sagt Yvonne Würz, Peta-Fachreferentin Zoo und Zirkus. Ihre Organisation bedankte sich nun in einem Schreiben an Bürgermeister Jürgen Hoffmann (SPD) und die Fraktionen für diese „zukunftsweisende und tierfreundliche Entscheidung“.

In vielen Kommunen sei die Wildtierhaltung auf kommunalen Flächen aus Gründen des Tierschutzes und der Sicherheit verboten, aber Wildtiere seien nicht nur Tiger, Löwe und Elefant. Es gebe auch Kamele und Lamas, „die nicht eindeutig zugeordnet sind“, so Würz. Einige Rechtsprechungen würden sie als Wildtiere ansehen, teilweise würden sie aber auch als domestizierte Tiere eingeordnet. Auch sie litten aber unter viel zu kleinen Käfigen und Gehegen, unter ständigen Transporten sowie unter „unnatürlichen Tricks, zu denen sie bei grellem Scheinwerferlicht und lauter Musik gezwungen werden“. Die Dressur mit der Peitsche sei bei Kamelen, Pferden und Ponys gang und gäbe, die Tiere würden immer wieder unter Verhaltensstörungen leiden.

„Eine artgerechte Unterbringung von Tieren in Zirkussen ist systembedingt nicht möglich“, verlautbart Peta. Der Circus Roncalli beweise, dass auch tierfreie Shows die Zuschauerinnen und Zuschauer begeistern könnten.

„Tiere sind unser Leben“

Das kommunale Verbot der Zurschaustellung von Tieren sei „ein Herzensanliegen“ ihrer Partei, sagt Paula Lopez Vicente, Fraktionsvorsitzende der Rodgauer Tierschutzpartei. Bei der Kommunalwahl im März 2021 waren die Tierschützer dort mit 3,8 Prozent aller gültigen Stimmen in die Stadtverordnetenversammlung eingezogen, gingen mit Grünen, SPD, FDP und Freien Wählern eine Kooperation ein. „Wir haben diese Forderung gleich im Koalitionsvertrag festgehalten“, sagt Lopez Vicente.

In den vergangenen Jahren zeigte einmal jährlich ein Zirkus seine Shows in Rodgau, und zwar meist auf dem öffentlichen Parkplatz des Badesees. Zuletzt gastierte Ende November 2021 der Circus Rolina in der Stadt, der sich auf Plakaten als „Deutschlands schönster Tiercircus“ bezeichnet. Er schlug seine Zelte diesmal aber auf einem Privatgelände an der Philipp-Reis-Straße im Stadtteil Jügesheim auf. Dort harrt er immer noch mit seinen 60 Zirkustieren aus, weil er kein eigenes Winterquartier hat und wegen der Corona-Beschränkungen andernorts keine kostendeckende Gastspiele geben kann.

„Man sollte nicht alle Zirkusunternehmen über einen Kamm scheren“, sagt Giuliana Ortmann. Die Tiere würden bei ihrem Zirkus mit zur Familie gehören. „Sie sind unser Leben. Wir haben Tiere, die wir von Geburt an mit der Flasche aufgezogen haben.“ Das Gelände an der Philipp-Reis-Straße sei für jedermann frei zugänglich, „wir verheimlichen nichts, freuen uns über jeden Besucher, der unsere Tiere anschauen will“.

Die Tierrechtsorganisation Peta wünscht sich tierfreie Vorstellungen. Michael schick
Die Tierrechtsorganisation Peta wünscht sich tierfreie Vorstellungen. Michael schick © Michael Schick

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