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Nur nicht in die Notunterkunft

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Im Safe House in Islamabad (v. l.): Homeira (10 Jahre), Nasir (7), Nadera (17), Kriegsjournalistin Vanessa Schlesier, Naser (17) und Amir (16). Jetzt sucht die Familie eine neue Wohnung. red © Red

Wetterau - Die Vorfreude von Sharifa ist riesig. Seit drei Jahren lebt die aus ihrer Heimat Afghanistan geflohene Mutter mit ihrer ältesten Tochter in Deutschland. Im Oktober sollen ihre fünf anderen minderjährigen Kinder endlich nachkommen. Noch ist aber unklar, wohin die Familie soll. Denn die aktuelle Butzbacher Mietwohnung ist zu klein für die siebenköpfige Familie.

Jetzt sind sie auf Hilfe angewiesen.

Sie hat insgesamt sechs Kinder, fünf davon hat sie seit über drei Jahren nicht mehr gesehen. Sharifa hat es 2018 mit ihrer ältesten Tochter nach Deutschland geschafft. Die beiden wohnen in Butzbach. Die anderen fünf Geschwister, alle minderjährig, sind noch in Pakistan. Es sind zwei Mädchen und drei Jungen. Am 30. September müssen Sharifa und ihre Tochter die Butzbacher Wohnung allerdings verlassen. Sie sind nun auf der Suche nach einer neuen Wohnung für insgesamt sieben Personen.

Die Aussicht auf Unterbringung in einer Notunterkunft macht Vanessa Schlesier große Sorgen, denn die Kinder sind traumatisiert. Von ihren Stiefbrüdern wurden sie misshandelt und eingesperrt. Die Filmemacherin und Kriegsjournalistin Schlesier begleitet die Familie dokumentarisch seit vergangenem Jahr.

Auf der Flucht aus Afghanistan hatte die Familie Unterstützung von der nicht staatlichen Organisation „Kabul-Luftbrücke“. In der vierteiligen ARD-Dokumentation „Mission Kabul-Luftbrücke“ zeigt Schlesier, wie Ortskräfte und Familien von der Organisation in Sicherheit gebracht werden.

Die siebenköpfige Familie wurde bei dem Versuch, in den benachbarten Iran zu fliegen, getrennt. Mutter Sharifa und ihre älteste Tochter kamen anschließend nach Deutschland. Den fünf minderjährigen Geschwistern, Nasir, Homeira, Amir, Naser und Nadera, gelang der Grenzübertritt damals nicht. Im Dezember konnte die Organisation Kabul-Luftbrücke die Fünf aus Afghanistan nach Pakistan evakuieren. Dort seien sie erst einmal aus dem Kriegsgebiet raus und vor den Taliban in Sicherheit. „Aktuell sind die Geschwister in einem sogenannten Safe House in Islamabad“, sagt Schlesier. Dort seien hauptsächlich Familien untergebracht. „Aktuell gehen die fünf jeden Tag in die Schule“, sagt Schlesier. „Zum ersten Mal haben sie einen richtigen Tagesrhythmus.“ Die 17-jährige Nadera habe sogar eine Vorliebe fürs Zeichnen und Malen gefunden.

Vor ihrer Flucht aus Afghanistan durften die Kinder zum Teil nicht das Haus verlassen. Von Sharifas Stiefsöhnen, Angehörige der Taliban, seien die Kinder schwer misshandelt und traumatisiert worden. Mutter Sharifa erzählt in der Dokumentation, dass ihre Stiefsöhne ihr die Hand verbrannt und auf sie geschossen hätten. Als ihr Bruder davon erfahren habe und eingeschritten sei, hätten die zwei ihn getötet.

ÜBER 2500 MENSCHEN EVAKUIERT

Die Kabul-Luftbrücke ist eine nicht staatliche Organisation. Sie setzt sich dafür ein, Ortskräfte und Menschen in Not aus Afghanistan in Sicherheit zu bringen. 2021 zog die NATO alle Truppen und somit auch zahlreiche deutsche Soldaten aus Afghanistan ab. Die Taliban gewannen daraufhin die Oberhand über mehrere Städte.

Die Organisation kritisiert in einer ARD-Dokumentation, dass die Bundesregierung die Verantwortung für zurückgebliebene Kräfte abgegeben habe. Sie finanziert sich durch Spenden und hat von September 2021 bis August 2022 nach eigenen Angaben mehr als 2500 Menschen evakuiert. ful

Mittlerweile gehe es den Kindern laut Schlesier in Islamabad wieder einigermaßen gut, nichtsdestotrotz hätten sie seit über drei Jahren ihre Mutter nicht gesehen. Nach aktuellem Stand soll es Oktober endlich so weit sein, und die fünf Geschwister dürfen auch nach Deutschland einreisen.

Die Vorfreude auf das Wiedersehen sei sehr groß. Nichtsdestotrotz wird die Freude für Mutter Sharifa und die älteste Tochter zurzeit von Sorgen überschattet. Denn der Mietvertrag der Butzbacher Wohnung endet am 30. September, am Freitag kommender Woche. Da Nasir, Homeira, Amir, Naser und Nadera im Oktober nachkommen, lohne es nicht, nach einer kleinen Wohnung zu suchen. „Ich habe der Familie zugesagt, dass ich ihnen helfe, eine neue Wohnung für sieben Personen zu finden“, sagt Schlesier. Bei der Zimmeranzahl sei die Familie flexibel, fährt sie fort. „Drei Zimmer reichen an sich, vier wären perfekt.“ Schlesier betont: „Die Familie ist unglaublich hilfsbereit. Die Kinder sind höflich und eine Bereicherung für jedes Haus.“

Nun ist Schlesier auf der Suche nach einer Drei- bis Vierzimmerwohnung für die Familie. Der Ort sei erst einmal zweitrangig. Die Wohnung muss sich nur im Wetteraukreis befinden, da die Familie diesem zugeordnet ist. „Am allerbesten wäre eine Wohnung in der Nähe von Bad Vilbel oder Karben, da dort die Sozialarbeiterin wohnt, die sich seit 2018 für die Familie einsetzt“, sagt Schlesier. Jeder andere Ort in der Wetterau sei aber auch besser als das, was im Raum steht, falls sich keine Wohnung findet: eine Notunterkunft. Da die Mutter und ihre Kinder schwer traumatisiert seien, ist das für Schlesier keine Lösung. Die Stadt Butzbach suche nach Schlesiers Anfrage nun ebenfalls nach einer Wohnung.

Die Journalistin hofft, dass sich bis Ende September eine Wohnung findet. „Es ist mir ein großes Anliegen, dass diese Familie vereint sein kann - und das in den eigenen vier Wänden.“

Wer eine Wohnung vermieten oder vermitteln kann, die drei bis vier Zimmer hat und im Wetteraukreis liegt, erreicht Vanessa Schlesier unter 01 76/23 20 10 23 oder an schlesiervanessa@gmail.com.

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