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Ansicht der Schriftgießerei Gebr. Klingspor.

Klingspor-Museum Offenbach

Erfolgreich auch mit Frakturschrift

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Der Offenbacher Schriftkünstler Karl Klingspor hat zur Nazizeit gut verdient. Historiker Andreas Hansert erforscht seine Biografie und hält kommende Woche im Klingspor-Museum Offenbach einen Vortrag.

Die im Offenbacher Nordend beheimatete ehemalige Schriftgießerei Klingspor machte im Dritten Reich mit dem Verkauf vonSchriften ordentlich Geld. Das geht aus Zahlen der Geschäftsentwicklung hervor, die der Frankfurter Historiker Andreas Hansert im Hessischen Wirtschaftsarchiv in Darmstadt ausfindig gemacht hat. Demnach stieg der Umsatz des Offenbacher Unternehmens, in dem auch Zwangsarbeiter tätig waren, zwischen 1936 und 1939 deutlich an.

Dies ist nur eine von etlichen Informationen zum Schriftkünstler Karl Klingspor und dessen Schriftgießerei, die Hansert zusammengetragen hat und noch zusammenträgt. Seit 2014 erforscht der Historiker im Auftrag der Stadt Offenbach und der Hochschule für Gestaltung (HfG) die Rolle von Offenbacher Kulturinstitutionen und -personen während der Nazizeit, darunter der Gründer des Deutschen Ledermuseums, Hugo Eberhardt. Und eben auch Karl Klingspor: Der Mitbegründer des Deutschen Werkbundes galt zu Lebzeiten (1868-1950) als einer der führenden Anbieter moderner Schriften in Deutschland und ging als Förderer künstlerischer Buch- und Drucksachengestaltung in die Stadtgeschichte ein.

Jugendstilkünstler wie Otto Eckmann und Peter Behrens, Walter Tiemann und der Schriftgestalter Rudolf Koch arbeiteten mit Klingspor zusammen. Doch erfreuten sich auch die deutschtümelnden Frakturschriften aus Klingspors Haus Beliebtheit, auch wenn diese Schriftarten in den 1940ern bei den Nazis in Ungnade fielen. Klingspors Privatsammlung bildete 1953 den Grundstock für die Sammlung des städtischen Klingspor-Museums im Büsing-Palais. Der Schriftguss in der Firma Klingspor wurde 1956 eingestellt.

Noch bis 2019 forscht Andreas Hansert zum Thema, dann soll ein Buch publiziert werden. Gut möglich, dass die Geschichte von Offenbach als Kulturstadt dann ein Stück weit neu bewertet werden muss. Schon jetzt bezeichnet Hansert seine Recherchen als einen „Quantensprung“ in der Aufarbeitung der Offenbacher Nazizeit. Denn im Vergleich zur Universitätsstadt Frankfurt sei in Offenbach vieles bislang noch nicht – etwa von Doktoranden – ans Tageslicht befördert worden.

Ein konkretes Beispiel dafür sei Klingspors Mitgliedschaft bei der Deutschnationalen Volkspartei, die 1933 mit Adolf Hitlers NSDAP koalierte. Als weiteres Beispiel nennt Hansert Klingspors Kontakte mit der SS-Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe. Im Auftrag dieser Organisation stellte Klingspors Unternehmen in Offenbach in Frakturschrift gehaltene buchkünstlerische Werke her, erzählt Hansert. Details will er aber erst kommenden Mittwoch in einem Vortrag zum Thema verraten – und später dann in seinem Buch.

Hansert hat die Informationen zu Karl Klingspor unter anderem im Klingspor-Museum selbst zusammengetragen, wo er auf Briefwechsel mit befreundeten Typografen und Buchbindern in Leipzig gestoßen ist. Unter anderem hat Hansert außerdem im Deutschen Literaturarchiv in Marbach recherchiert.

Im Klingspor-Museum begrüßt man die Arbeit des Historikers: „Das ist auf jeden Fall sehr wichtig“, sagt die Betreuerin der Bibliothek im Klingspor-Museum, Martina Weiß. Vieles, sagt sie, harre noch der Aufarbeitung.

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