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Elly Deumer und Wilhelm Leuschner rasten bei einer Wanderung - die Aufnahme ist um 1930 entstanden.

NS-Widerstandskämpfer

Wilhelm Leuschners mutige Geliebte

Die unbekannte Elly Deumer spielte in den letzten Tagen des ehemaligen hessischen Innenministers und Verschwörers gegen Hitler eine wichtige Rolle. Das zeigen Dokumente aus dem Hessischen Staatsarchiv Darmstadt.

Am 27. Dezember 1947 richtet die Medizinstudentin Elly Deumer ein Schreiben an den Vorsitzenden des Ausschusses für die ärztliche Prüfung beim Berliner Landesgesundheitsamt. Die Studentin bittet darum, weiter studieren zu können. Ihre Begründung: „Durch Kriegseinwirkungen und schwere persönliche Verluste“ habe sie ihr Studium ohne ihr persönliches Verschulden länger unterbrechen müssen, nachdem sie ihre „ärztliche Vorprüfung im August 1944 im Zusammenhang mit der Verhaftungswelle des 20. Juli“ nicht zu Ende führen konnte.

Vier Tage später erläutert Elly Deumer die Gründe für ihre Studienunterbrechung nach dem 20. Juli 1944 genauer – verbunden mit der Bitte, ihre Angaben „vertraulich zu behandeln“. Die Berliner Medizinstudentin berichtet, dass sie Anfang August 1944 zeitweise den von der Gestapo dringend gesuchten Wilhelm Leuschner versteckt habe. Leuschner, einer der führenden zivilen Mitverschwörer des 20. Juli 1944, kann zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in seiner Privatwohnung übernachten, da die Gestapo das Haus überwacht.

Dass Elly Deumer nach dem 20. Juli 1944 Wilhelm Leuschner Unterschlupf bietet, hat eine lange Vorgeschichte. Da ist dieses besondere Foto im Bestand des Hessischen Staatsarchivs Darmstadt. Es zeigt den damals rund 40 Jahre alten hessischen Innenminister Wilhelm Leuschner entspannt vor einer Holzhütte sitzend mit einer etwa zehn Jahre jüngeren Frau, die genau wie er in die Kamera lächelt. Das Bild aus dem Jahr 1930 zeigt Leuschner mit Elly Deumer. Sie war seine langjährige Geliebte, mindestens seit 1928.

Man könnte jetzt sagen: Das sind private Dinge. Doch in diesem Fall muss die Geschichte heute – 75 Jahre später – erzählt werden. Denn Elly Deumer hat nach dem gescheiterten Umsturz vom 20. Juli 1944 für Wilhelm Leuschner ihr Leben riskiert. Sie versteckte den führenden zivilen Verschwörer gegen Hitler tagelang in Berlin und versuchte auch nach seiner Verhaftung alles, ihn wieder frei zu bekommen.

Elly Deumer hat für Wilhelm Leuschner ihr Leben riskiert

Sie nimmt Kontakt zu ihrem Darmstädter Jugendfreund Karl Wolff auf. Der ist inzwischen ein General der Waffen-SS und im persönlichen Stab Himmlers. Deumer will Wolff davon überzeugen, sich bei Himmler dafür einzusetzen, Leuschner zu schonen. Weil sie selbst Angst hatten, schreibt Elly Deumer nach dem Krieg, taten „diese Kreise“ jedoch nichts. In den wichtigsten Leuschner-Biografien wird Deumer auch als Initiatorin dieses Rettungsversuches bis heute nicht erwähnt.

Ein aussagekräftiges Dokument zu diesen tragischen Berliner Wochen nach dem 20. Juli 1944 ist Deumers Terminkalender aus dem Jahr 1944, der ebenfalls im Darmstädter Staatsarchiv aufbewahrt wird. Seit 1943 lebt Elly Deumer wie Leuschner – auf dessen Bitte hin – bereits in Berlin und studiert im dritten Semester Medizin. Mit blauer Tinte hat sie unter dem 11. September 1944 notiert: „Urteil über Helm. Der Strang“. Es geht um das Todesurteil gegen Leuschner und die Art, wie es vollstreckt werden soll. Deumer hat die Angewohnheit, Leuschners Vornamen immer wieder spielerisch zu zerlegen. In den Kalendernotizen 1944 nennt sie ihn meist „Helm“. In früheren Liebesbriefen hat sie ihn bisweilen auch „Wil“ genannt. Das Todesurteil gegen ihren „Helm“ ist von den Nationalsozialisten bereits am 7. September gesprochen worden. Doch Elly Deumer erfährt das erst vier Tage später während einer Reise, auf der sie den SS-General Wolff treffen will.

Eine weitere Notiz findet sich im Kalender unter dem 11. September 1944 neben der Nachricht zum noch nicht vollstreckten Todesurteil gegen Leuschner. Nämlich: „Terrorangriff auf Darmstadt“. In leuchtendem Rot ist rechts daneben am Kalenderrand notiert: „Herdweg 67 zerstört.“ Damit ist das Darmstädter Haus gemeint, in dem Deumer ihre Jugend verbracht hatte.

Wilhelm Leuschner wird als Mitverschwörer von der Gestapo gesucht 

Noch einen knappen Monat vorher, am Sonntag, 13. August 1944, hatten Deumer und Leuschner den ganzen Tag gemeinsam in Deumers Wohnung in der Sesenheimer Straße 1 in Berlin-Charlottenburg verbracht. Elly Deumer lernt im Rahmen ihres Medizinstudiums für eine Prüfung im Fach Zoologie am nächsten Tag. Leuschner habe den Stoff abgefragt, notiert sie im Kalender. Als Wilhelm Leuschner mit ihr übt, wird er bereits seit Wochen von der Gestapo gesucht. Elly Deumer muss den führenden zivilen Mitverschwörer des 20. Juli 1944 verstecken. Den Kopf frei für Uni-Prüfungen hat sie deshalb in diesen Tagen nicht.

Zwei Tage später, der Prüfungstermin ist verstrichen, verabschiedet sich Leuschner in der Wohnung von Elly Deumer. Doch schon am nächsten Morgen, am Mittwoch den 16.8.1944, wollen sie sich wiedersehen. Das Paar hatte verabredet, gemeinsam einen befreundeten Arzt aufzusuchen. Doch Wilhelm Leuschner kommt nicht zum vereinbarten Treffpunkt. Der Anruf „in großer Sorge“ beim Arzt zeigt: Leuschner ist auch dort nicht eingetroffen. Später wird klar: Der Verschwörer gegen Hitler ist an diesem Morgen verhaftet worden, weil er denunziert worden ist.

Dass wir bis heute wenig über Deumer wissen, liegt möglicherweise nicht zuletzt an ihr selbst. Als der Leuschner-Biograf Joachim G. Leithäuser 1962 die erste große Monografie zu Leuschner veröffentlicht, gibt er noch eine ganze Reihe überlebender Zeitzeuginnen und Zeitzeugen an, mit denen er Kontakt hatte, etwa den Darmstädter Nachkriegs-Oberbürgermeister Ludwig Metzger, der zu den südhessischen „Leuschner-Konspirateuren“ gehörte. Leithäuser spricht in seinen Quellenhinweisen aber auch von „Zeugen der Geschehnisse, die ausdrücklich darum baten, daß ihr Name nicht genannt wird.“ Ist unter diesen Zeugen auch Elly Deumer?

Im Darmstädter Staatsarchiv befindet sich ein Brief, den Deumer 1947 an einen Berliner Medizin-Professor schreibt. Darin schildert sie die Tage in der ersten Augusthälfte 1944, als sie Leuschner in ihrer Berliner Wohnung verstecken musste. Damit erklärt sie dem Professor, warum sie damals eine Prüfung nicht machen konnte, die sie nun – drei Jahre später – nachmachen möchte. Sie bittet explizit darum, den Inhalt des Briefes vertraulich zu behandeln.

Nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat ist Leuschner auf der Flucht

Aus dem langjährigen Briefwechsel zwischen Deumer und Leuschner, den das Hessische Staatsarchiv in Darmstadt inzwischen auch digitalisiert hat, geht hervor, dass es für die beiden Liebenden damals nicht einfach war, ihre Beziehung öffentlich zu leben. Deumers Eltern waren eingeweiht, Leuschners Frau Elisabeth und seine beiden Kinder wissen spätestens seit Anfang der 40er Jahre von der Affäre, die Wilhelm Leuschner mit Elly Deumer hat. Elisabeth Leuschner denkt zeitweise darüber nach, Deumer zur Rede zu stellen. Möglicherweise ist es auch in den Nachkriegsjahren für die beiden Frauen schwer, über diese Beziehungskonstellation öffentlich zu reden.

Dafür spricht auch, dass Leuschners Ehefrau Elisabeth „Elsbeth“ Leuschner die Geliebte ihres Mannes nicht erwähnt, als sie ihre Sicht der Ereignisse in den Tagen nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat in einem vierseitigen Bericht aufschreibt. Elisabeth Leuschner bestätigt, dass ihr Mann ab Anfang August nicht mehr zu Hause schlafen will, weil er sich unsicher fühlt. Sie spricht von „Bekannten“, die gefragt werden, ob Leuschner dort Unterschlupf finden kann.

Am 3. August 1944 schlägt sie geistesgegenwärtig die Tür zu, als drei Gestapo-Beamte in die Wohnung eindringen wollen, in der sich Leuschner in diesem Moment noch befindet. Die Gestapo-Leute kommen tatsächlich erst am nächsten Tag wieder, um Elisabeth Leuschner zu verhaften. Wilhelm Leuschner beobachtet die Szene von der anderen Straßenseite aus.

Im September 1944 wird Wilhelm Leuschner hingerichtet

Während Elisabeth Leuschner in Moabit verhört wird, kurzzeitig auch ins Konzentrationslager Ravensbrück gebracht wird und dort Todesängste durchlebt, bleibt ihr Mann bis zu seiner Verhaftung meist bei Elly Deumer. Die Studentin vermerkt in ihrem Kalender die Orte, an denen sie sich Anfang August mit ihrem „Helm“ bis zu seiner Verhaftung aufhält. Während Elisabeth Leuschner erst bei ihrer Entlassung aus dem Gefängnis Moabit Anfang Oktober von der am 29. September vollstreckten Hinrichtung ihres Mannes erfährt, konnte Elly Deumer zuvor noch ihren Rettungsversuch bei der SS unternehmen.

Doch der mutigen Medizinstudentin erreicht nicht, was Wilhelm Leuschner junior, dem Sohn des Widerstandskämpfers, am 25. August 1944 gelingt – den Verhafteten noch einmal zu sehen. Beide, der Leuschner-Sohn und Elly Deumer, fahren an diesem Tag zur „Sicherheitspolizeischule Drögen“ auf dem Stadtgebiet von Fürstenberg/Havel. Wilhelm Leuschner junior, der die kriegswichtigen Geschäfte seines Vaters weiterführt, bekommt dort tatsächlich die Möglichkeit, drei Stunden lang streng bewacht ein letztes Mal mit dem Vater und dem ebenfalls inhaftierten engen Leuschner-Mitarbeiter Hermann Maaß zu sprechen – allerdings nur über geschäftliche Angelegenheiten. Elly Deumer wird nicht in die Polizeikaserne eingelassen und geht in der Zwischenzeit um den örtlichen Röblin-See spazieren, wie sie in ihren Kalender schreibt. Die Gegend ist „sehenswert“, notiert sie: „Aber Helm fehlt. Helm. Helm. Wiederkommen“.

„Helm“ kommt nicht wieder. Ein Abschiedsbrief Leuschners an seine Geliebte findet sich nicht im Darmstädter Staatsarchiv. Im letzten Schreiben an seine Ehefrau schreibt Leuschner: „Liebe Lisbeth, sei mir nicht böse, ich habe es gut gewollt. Immer Dein Wilhelm.“

Der Leuschner-Sohn wird die verarmte und in Darmstadt ausgebombte Elly Deumer nach dem Krieg jahrelang finanziell unterstützen. Im Alter von 47 Jahren nimmt sie ihr Medizinstudium in Berlin wieder auf. Auch, um in Gedenken an Leuschner einen sozialen Beruf auszuüben, wie sie in ihrem Wiederzulassungs-Antrag an die Hochschule schreibt.

Zur Person:

Wilhelm Leuschner war ein führender Gewerkschafter, Stadtverordneter in Darmstadt und hessischer Innenminister in der Weimarer Republik. Der Sozialdemokrat übernahm das Amt 1928. Er wurde 1933 daraus vertrieben und inhaftiert.

Nach seiner Freilassung 1934 zählte Leuschner zu den zentralen Figuren des Widerstands. Die von ihm 1936 übernommene Fabrik für Bierschankutensilien in Berlin-Kreuzberg wurde zur Schaltzentrale des gewerkschaftlichen Widerstandsnetzwerks.

Als Vizekanzler hätte Leuschner eine herausgehobene Stelle in einem demokratischen Deutschland nach einem erfolgreichen Attentat auf Adolf Hitler einnehmen sollen. Nach dem Scheitern des Attentats wurde er verhaftet und am 29. September 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Nach Leuschner ist seit 1964 die Wilhelm-Leuschner-Medaille benannt, die höchste Auszeichnung des Landes Hessen. (pit)

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