+
Elly Deumer und Wilhelm Leuschner im Neckartal 1928.

NS-Widerstandskämpfer

Das Frankfurter Widerstandsnetzwerk

  • schließen

Zwei Bücher beleuchten den Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Frankfurt und Umgebung.

Die mutigen Verschwörer gegen Adolf Hitler trafen sich im Frankfurter Bahnhofsviertel. Zum Beispiel im Hotel-Restaurant „Zimmermann“ in der Kronprinzenstraße 52, die heute Münchner Straße heißt. Oder in einem Wettbüro in der Moselstraße 18.

Schon viele Jahre vor dem Stauffenberg-Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 organisierten sich Sozialdemokraten und Liberale, Gewerkschafter, Geistliche und andere Antifaschisten, um dem braunen Terror etwas entgegenzusetzen. Sie retteten Juden und warnten politische Freunde dank Kontakten in die Polizei.

Gerade im Frankfurter Polizeipräsidium bestand eine „bislang wenig beachtete Widerstandszelle“, wie die Journalisten Ludger Fittkau und Marie-Christine Werner recherchiert haben. In ihrem Buch „Die Konspirateure“ zeichnen sie das Netzwerk jener Menschen nach, die nach einem erfolgreichen Attentat des militärischen Widerstandskreises um Stauffenberg die zivile Verwaltung hätten übernehmen sollen.

Hessen spielten darin eine zentrale Rolle, nicht nur in der Person des früheren hessischen Innenministers Wilhelm Leuschner, der nach der Beseitigung Adolf Hitlers als Vizekanzler unter einem Reichskanzler Carl Friedrich Goerdeler vorgesehen war. Auch Leuschners enge Mitarbeiter aus Hessen, Ludwig Schwamb und Carlo Mierendorff, waren in dem Widerstands-Netzwerk aktiv, und viele andere, deren Bedeutung die Autoren gründlich ausleuchten. Kenntnisreich und anschaulich widmen sie ihre Kapitel den einzelnen Konspirateuren und deren Treffpunkten.

Etliche dieser mutigen Männer und Frauen überlebten den Nationalsozialismus nicht. Leuschner etwa wurde verhaftet, gefoltert und hingerichtet. Andere spielten nach der Befreiung eine wichtige Rolle beim Aufbau der Bundesrepublik, so der erste gewählte Nachkriegs-Ministerpräsident Christian Stock oder Ludwig Bergsträsser, der unmittelbar nach Kriegsende vom US-Militär zum Präsidenten eines hessischen Volksstaats mit Sitz in Darmstadt ernannt worden war.

Anna Beyer war eine der wenigen bekannten Frauen aus dem Widerstandsnetzwerk

Der Frankfurter Polizist Christian Fries war derjenige, der nach einem Attentat den Frankfurter Rundfunk hätte besetzen sollen, um die politischen Botschaften Stauffenbergs, Goerdelers und Leuschners zu verbreiten. Christian Fries überlebte die Nazizeit trotz der lebensgefährlichen Untergrundarbeit und wurde von den US-Amerikanern zum Chef der Kriminalpolizei gemacht. Doch dann wurde der Sozialdemokrat von Kommunisten bei den Alliierten als angeblicher Kollaborateur der Nationalsozialisten verunglimpft. Die Frankfurter Rundschau, zu deren Gründungs-Herausgebern der Kommunist Emil Carlebach gehörte, spielte dabei eine ungute Rolle, wie Fittkau und Werner herausarbeiten. Sie sehen darin ein Zeichen der „verhängnisvollen Entfremdung zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten“, die den Versuch belastet habe, „aus den Trümmern des Krieges ein demokratisches Deutschland aufzubauen“.

Die Frankfurterin Anna Beyer zählt zu den wenigen Frauen, die aus dem Widerstandsnetz bekannt sind. Sie eröffnete 1935 ein vegetarisches Restaurant im Steinweg, das als Treffpunkt der NS-Gegner diente.

Ihr begegnen die Leserinnen und Leser im Werk von Fittkau und Werner – und auch in einem weiteren Buch, das sich jetzt dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Frankfurt widmet. Während in „Die Konspirateure“ die letzten NS-Jahre im Vordergrund stehen, konzentriert sich Sigrun Müller auf die ersten Jahre 1933 und 1934.

Anna Beyer, liest man dort, „besaß einen Koffer, dessen Boden mit ausgestanzten Buchstaben aus Schwämmen, einer Farbflüssigkeit und einer Silbernitratlösung ausgestattet war“. Nachts ging sie gemeinsam mit Ludwig Gehm, „als Liebespaar getarnt“, durch Frankfurts Straßen. „Jedes Mal, wenn beide sich umarmten, stellten sie den Koffer auf dem Asphalt ab und hinterließen dabei die Parole ,Nieder mit Hitler!‘. Die Silbernitratlösung sorgte dafür, dass die Schrift erst bei Tageslicht sichtbar war.“

Ein Treffpunkt der NS-Gegner: Die Wohnung der Familie von Valentin Senger in der Kaiserhofstraße

Auch in Müllers Buch lernen die Leserinnen und Leser die konspirativen Treffpunkte der NS-Gegner kennen: einen Obststand in der Fischerfeldstraße, die Wohnung der Familie Senger in der Kaiserhofstraße, ein Pelzgeschäft in der Berger Straße, einen Lebensmittelhändler in der Römerstadt und viele andere.

Der spätere Rundschau-Herausgeber Carlebach spielte im Frankfurter Widerstand von Anfang an eine wichtige Rolle, doch bereits 1934 wurde er verhaftet und musste elf Jahre in Haft und in Konzentrationslagern verbringen. Müller beschreibt, wie die Jungkommunisten um Carlebach eine Bäckerei in der Eschersheimer Landstraße 438 zu ihrem Treffpunkt machten, wo nicht nur Brötchen gebacken, sondern auch Flugblätter gedruckt und heimlich ausgeliefert wurden.

Mit ihren Büchern zeigen die Autoren nicht nur, wie mutig die Widerständler agierten. In dem Werk „Die Konspirateure“ erfährt man auch, wie gut vorbereitet die Zivilisten waren, um die Macht nach einem erfolgreichen Attentat übernehmen zu können – auch auf der lokalen Ebene. „Ohne die zivilen Strukturen in der Fläche wäre ein womöglich erfolgreiches Attentat auf Hitler schnell verpufft“, heißt es darin.

Damit entreißen Fittkau und Werner 75 Jahre nach dem gescheiterten Attentat den zivilen Widerstand dem Vergessen, der so viel unbekannter ist als die Hollywood-taugliche Geschichte der Militärs um Stauffenberg. „Vielleicht trägt dieses Buch ein wenig dazu bei, den Gedächtnisverlust zu verhindern“, formulieren sie hoffnungsvoll.

Ludger Fittkau/Marie-Christine Werner, Die Konspirateure, WBG, 336 S., 25 Euro

Sigrun Müller, „Der Sozialismus lebt auch in Deutschland noch!“, Draupadi, 132 S., 14 Euro

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare