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Andreas Balser spricht in Leun.

Neonazis in Stockhausen

Rechter Hass in Hessens Hinterland

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Im Bistro Hollywood in Leun feiern Neonazis bei Rechtsrock-Konzerten. Dagegen gibt es Proteste. Die Rechten ziehen derweil weiter in den Westerwald.

Es ist kein gewöhnlicher Freitagabend in Stockhausen. Um kurz nach 18 Uhr, in dem zu Leun im Lahn-Dill-Kreis gehörigen Ort ist es bereits dunkel geworden, entrollen drei junge Männer eine Juso-Fahne. An der Dorfkreuzung, unter einem Tannenbaum mit Lichterkette, haben sich rund 40 Menschen versammelt. Sie sind einem spontanen Aufruf der „Antifaschistischen Bildungsinitiative“ aus Friedberg gefolgt, gegen die lokale Neonaziszene zu protestieren.

„Ich find’s schlimm, dass der Ort durch diese permanenten rechtsradikalen Umtriebe in Verruf gerät“, sagt ein Anwohner. Er sei hier, um zu zeigen, dass die Mehrheit der Dorfbewohner demokratisch ticke. „Es ist unfassbar, was es hier für ein Potenzial gibt“, sagt Julian Stroh, ein Juso-Mitglied, das aus einem Nachbarort angereist ist. Er mache sich große Sorgen wegen der Neonazis in Stockhausen – und wegen ihres lokalen Treffpunkts.

Dieser Treffpunkt, das in Sichtweite der Kundgebung gelegene „Bistro Hollywood“, ist der Anlass für den Protest. Am Mittwoch war das verwinkelte Gebäude, in dem es seit Jahren Rechtsrock-Konzerte gibt, von der Polizei gestürmt worden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen mehrerer Delikte gegen den Besitzer des Hauses, den Leuner NPD-Stadtverordneten Thomas G., und vier weitere Beschuldigte aus Leun und umliegenden Ortschaften. Bei der Razzia wurde ein improvisierter Schießstand entdeckt, eine scharfe Pistole und weitere verbotene Waffen, außerdem NS-Devotionalien wie eine Hakenkreuzbinde.

Was sich in dieser Immobilie im scheinbar friedlichen Hinterland abspiele, sei alles andere als harmlos, sagt Andreas Balser von der „Antifaschistischen Bildungsinitiative“. Bei Rechtsrock-Konzerten werde offen Mord und Totschlag verherrlicht, Musikveranstaltungen seien zentral für die Vernetzung und Radikalisierung der rechten Szene. Die NPD laufe unter dem Schlagwort „Schutzzone“ schon seit Monaten Streife im Lahn-Dill-Kreis. „Da ist es natürlich umso verheerender, wenn die den Umgang mit Waffen üben“, sagt Balser. „Die Gefahr ist absolut real.“ Aber man werde die Zivilgesellschaft in Leun nicht alleinlassen.

Rechtsrock in Wahlrod

Auch Björn Hartmann, CDU-Bürgermeister von Leun, der ebenfalls zur Kundgebung gekommen ist, ist besorgt. Es gebe nachvollziehbarerweise Unruhe, wenn hier in Stockhausen Waffen entdeckt würden, sagt Hartmann. „Natürlich ist das nicht angenehm.“ Die meisten Bewohner würden Thomas G. und die Leute, die er anziehe, gerne loswerden – und seien auch die ständigen Polizeieinsätze leid.

Aus dem Bistro Hollywood dröhnen derweil laute Bässe. Die Bewohner versuchen, die kleine Kundgebung mit Techno zu übertönen. Eigentlich sollten an diesem Freitagabend hier ganz andere Klänge zu hören sein: Wochenlang hatte der „Club H5“, ein Zirkel bekannter Neonazikader aus der Region, für einen rechten „Balladenabend“ mit Rechtsrock-Bands wie „Kategorie C“ und „Nahkampf“ geworben. Die Frankfurter Rundschau und andere Beobachter hatten bereits öffentlich darauf hingewiesen, dass der Abend im Bistro Hollywood stattfinden solle.

Doch die Rechten planen kurzfristig um. Während es in Stockhausen ruhig bleibt, treffen sie sich gut 60 Kilometer nordwestlich in Rheinland-Pfalz. Von einem konspirativen Treffpunkt in Altenkirchen im Westerwald aus geht es mit dem Auto in eine Kneipe in der Ortschaft Wahlrod. Dort feiern letztlich rund 50 Neonazis zur Musik von „Kategorie C“ und vom Neonazi-Liedermacher „Reichstrunkenbold“. Die Polizei ist vor Ort, besonderen Ärger gibt es diesmal nicht. Und Stockhausen bleibt an diesem Freitagabend von einem weiteren Rechtsrock-Konzert verschont. Zumindest vorerst.

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