+
Angekündigter Tod: Andreas Goerke zeigt den Brief, in dem sein Sohn mit Mord bedroht wird.

Rechte Gewalt in Hessen

Mit dem Tod bedroht

  • schließen

In Osthessen eskaliert der Streit zwischen Rechten und Linken. Andreas Goerke, Sprecher des Bündnisses "Fulda stellt sich quer", und seine Familie werden bedroht.

Ganz am Ende der Pressekonferenz bricht noch einmal der ganze Frust aus Andreas Goerke heraus: „Man muss auch irgendwann mal offen sagen: Ja, wir haben ein Problem mit Rechtsradikalen hier!“ Der Sprecher des Bündnisses „Fulda stellt sich quer“ klingt wütend und verzweifelt. Eine gute Stunde lang haben er und sein Sohn Lucas an diesem Donnerstagabend über Anfeindungen und Drohungen, denen sie sich seit mehr als einem Monat ausgesetzt sehen, berichtet. „Da kann man doch nicht sagen, wir leben hier in der heilen Welt Fulda“, sagt Andreas Goerke.

Von einer „heilen Welt“ zu sprechen, wäre angesichts dessen, was Goerke schildert, mehr als zynisch. Es begann Anfang Februar mit einem Großeinsatz der Feuerwehr, ausgelöst durch einen anonymen Anrufer, der meldete, dass das Gartenhaus der Goerkes brenne. Am 11. Februar standen plötzlich Polizisten mit gezogener Waffe vor der Tür der Familie. Ein Anrufer hatte sich bei der Polizei als Andreas Goerke ausgegeben und behauptet, dass dieser seine Frau ermordet habe. Einige Tage später erhielt die Familie einen Brief, in dem die Ermordung des 17-jährigen Sohnes angekündigt wird.

Es sind die drei schwerwiegendsten Vorfälle, keinesfalls die einzigen. Drohbriefe, massenhafte Bestellungen von Lebensmitteln und Büchern auf Andreas Goerkes Namen, Schmähungen im Netz – das alles erscheint angesichts der jüngsten Eskalation beinahe harmlos. Dass es Andreas Goerke trifft, ist kein Zufall. Der Gewerkschafter ist das prominenteste Gesicht von „Fulda stellt sich quer“, ein Sprecher im wahrsten Wortsinne, manchmal auch ein undiplomatischer Schreier, der selbst von ehemaligen Weggefährten wegen seines Führungs- und Kommunikationsstils kritisiert wird. Dazu Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP). Alles in allem die perfekte Reizfigur für die politische Rechte. „Ich bin oft ein politischer Brandstifter“, sagt Goerke über sich selbst. Und das Umfeld, in dem er aktiv ist, ist politisch leicht entflammbar.

Wenn Goerke davon spricht, dass „Fulda“ ein Problem mit Rechtsradikalen habe, ist das eine Verkürzung. Tatsächlich haben sich in ganz Osthessen teilweise schon seit Jahrzehnten feste rechtsextreme Strukturen etabliert. Die ländliche Region zwischen Fulda und Bad Hersfeld gilt als Hochburg sogenannter Freier Kameradschaften. Prominente Kader der NPD stammen aus der Region. Kreis und Stadt Fulda waren auch mehrere Jahre lang Zentrum der Aktivitäten der Identitären Bewegung in Hessen. Seit Mitte vergangenen Jahres ist zudem die Neonazi-Partei „der Dritte Weg“ rund um Fulda aktiv. Auf dem Fuldaer Weihnachtsmarkt konnten die Neonazis ungestört als Weihnachtsmänner auftreten und Propaganda-Flugblätter verteilen.

Nicht zuletzt ist Osthessen auch eine Hochburg der AfD. Mit dem Ex-CDUler Martin Hohmann verfügt die Partei über ein ebenso umstrittenes wie prominentes Aushängeschild. Bei der Kommunalwahl 2015 wurden die Rechtspopulisten in den Landkreisen Fulda und Hersfeld-Rothenburg jeweils drittstärkste Kraft. Dort, wo sie nicht antraten – etwa in der Stadt Fulda – schnitten die rechtsradikalen „Republikaner“ überdurchschnittlich gut ab.

In Osthessen ist die politische Mitte nach rechts gerückt. Wer dagegen zu opponieren wagt, muss mit heftigen Reaktionen rechnen. Bundesweite Beachtung etwa fand die Diskussion um den Karnevalverein Südend, dessen Mitglieder beim Rosenmontagszug in Kolonialuniformen auftreten oder sich als „Neger“ verkleiden – inklusive schwarz geschminkter Gesichter, Kraushaarperücke und Schmuck aus nachgebildeten Menschenknochen.

Als Mitarbeiter der Fuldaer Hochschule diese Darstellung öffentlich als rassistisch kritisierten, sah sich die Hochschule einer Flut von Hassmails bis hin zu Drohungen ausgesetzt. Die Initiative „Fulda postkolonial“ sah sich aufgrund anhaltender Beleidigungen genötigt, ihre Facebook-Präsenz und Homepage abzuschalten. „In Fulda muss man sich sehr bewusst sein, was man sagt“, resümiert eine Sprecherin der Initiative, die anonym bleiben möchte; „man muss nicht nur mit Kritik rechnen, sondern mit Gewaltandrohungen.“

Ähnliche Erfahrungen musste auch Ferdinand Meise aus Nentershausen bei Bad Hersfeld machen. Der Holzkaufmann ist nicht politisch aktiv. Trotzdem geriet er unlängst in den Fokus eines rechten Shitstorms. Sein vermeintliches Vergehen: In einem Leserbrief an die „Hessisch-Niedersächsische Allgemeine“ hatte er es gewagt, Aussagen bei einem AfD-Neujahrempfang als rassistisch zu kritisieren. Die Folge: Beschimpfungen und Drohungen per Post und in den sozialen Netzwerken. Ein unbekannter Absender schickte Meise ein Paket mit abgepacktem Hundekot. Meise sah sich ähnlich wie „Fulda postkolonial“ gezwungen, die Facebook-Seite seiner Firma vom Netz zu nehmen. Zu übel waren die Beschimpfungen dort geworden. Soziale Netzwerke sind schon lange das Hauptschlachtfeld im Kampf um die politische Deutungshoheit. Jeder Gegner, der da zum Schweigen gebracht wird, ist eine gewonnene Schlacht.

Im Gegensatz zu Meise haben Andreas Goerke und „Fulda stellt sich quer“ bereits seit Gründung des Bündnisses Ende 2014 offen die Konfrontation mit Rechten gesucht. Im Netz machte sich Goerke unbeliebt, weil er immer wieder Einzelpersonen anprangerte, die seiner Meinung nach rassistisches oder rechtspopulistisches Gedankengut verbreiteten. In der realen Welt sah sich die AfD Mitte Januar gezwungen, eine Veranstaltung mit Björn Höcke in Fulda abzusagen, nachdem „Fulda stellt sich quer“ Protest angekündigt hatte. Die AfD behauptete, dass die Aktivisten um Goerke planten, Besucher mit Kot zu bewerfen. Goerke erstattete daraufhin Anzeige gegen Martin Hohmann und den Fuldaer AfD-Kreissprecher Hermann Krauss.

Die neuesten Anfeindungen gegen Goerke sind der vorläufige Tiefpunkt dieser politischen Auseinandersetzung. Dass der oder die Täter ermittelt werden, scheint derzeit unwahrscheinlich. Die Polizei hat Spuren in einer Telefonzelle gesichert. Von dort wurde vermutlich der Anruf getätigt, in dem der fiktive Mord an Goerkes Frau geschildert wurde. Zudem wurde der Anruf mitgeschnitten. Nach Auskunft der Fuldaer Staatsanwaltschaft könnte dies einem Sprachgutachter vorgelegt werden. Darüber hinaus lägen kaum erfolgversprechende Ermittlungsansätze vor, heißt es bei der Staatsanwaltschaft.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare