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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

Gesundheit

Notfallzentren:  Spahns Gesetzentwurf umstritten

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Ärzte kritisieren geplante Reform. Die Kliniken erwarten Vorteil für sich und Patienten.

Das Klinikum Frankfurt-Höchst ist Vorreiter. Dort gibt es in der Notaufnahme eine zentrale Anlaufstelle, wo die Patienten nach Schweregrad ihrer Beschwerden vorsortiert werden. Das Klinikum Darmstadt errichtet bis Ende nächsten Jahres einen zentralen Neubau, in dem ebenfalls ein gemeinsamer Tresen mit dem Bereitschaftsdienst der Kassenärzte vorgesehen ist. „Dann können die Patienten direkt entweder nach links in die Notaufnahme oder nach rechts geschickt werden, wenn sie eigentlich nur einen hausärztlichen Bedarf haben“, sagt Kliniksprecherin Eva Bredow-Cordier.

Bislang ist in den beiden Krankenhäusern der Ärztliche Bereitschaftsdienst lediglich zu den Zeiten anzutreffen, in denen Arztpraxen üblicherweise geschlossen sind. Das will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mit seinem jüngsten Gesetzentwurf ändern. Der Politiker will die Notrufnummern des Rettungdiensts (112) und die des Ärztlichen Bereitschaftdienstes (116 117) zusammenführen, an sämtlichen Kliniken spezielle Notfallzentren einrichten, die rund um die Uhr besetzt sind. An dieser ersten Anlaufstelle wird entschieden, wie dem Patienten am besten geholfen werden kann.

Positive Reaktion aus Darmstadt

Bei den Akteuren in Hessen stoßen die Berliner Pläne auf ein unterschiedliches Echo. Das Klinikum Darmstadt reagiert positiv: „Dieser Tresen könnte natürlich – abhängig von der KV und den aktuellen politischen Entwicklungen – auch rund um die Uhr laufen, denn unsere Ärzte und Pflegekräfte sind immer da“, sagt Bredow-Cordier. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen hingegen hält nichts von einer bundeseinheitlichen Lösung: Die ständige Präsenz am Tresen könnte den Ärztemangel noch verschärfen, gibt KV-Vorstandsvorsitzender Eckhard Starke zu bedenken. Es werde zerstört, was in Hessen in den vergangenen Jahren aufgebaut worden sei. „Im Ärztlichen Bereitschaftsdienst (ÄBD) sind wir schon deutlich weiter als viele andere Bundesländer“ sagt Starke. Sämtliche ÄBD-Zentralen seien mittlerweile an Kliniken angesiedelt. „Wir erproben seit fast zwei Jahren mit großem Erfolg eine neue Form der Zusammenarbeit am gemeinsamen Tresen in Frankfurt-Höchst.“ Als erstes Bundesland habe Hessen sogenannte Partnerpraxen eingerichtet, an die die Klinik Patienten mit Bagatellerkrankungen schicken kann, die in der Notaufnahme fehl am Platz sind. Derzeit sei sogar ein regionales Projekt in Vorbereitung, bei dem die Disposition im Rettungsdienst einen Überblick über die Verfügbarkeit von ambulanten Behandlungskapazitäten erhalten solle. Details verrät die KV dazu nicht. Starke warnt: Mit seiner Reform gefährde Spahn solche progressiven Versorgungsmodelle. „Dies wäre kein Fortschritt, sondern ein klarer Rückschritt in der hessischen Notfallversorgung.“

Zusammenarbeit mit der Zentralen Notaufnahme nicht überall gegeben

Der Präsident der Landesärztekammer, Edgar Pinkowski, begrüßt zwar grundsätzlich die Absicht, die Notaufnahmen der Krankenhäuser durch sektorenübergreifende Versorgungskonzepte zu entlasten. Aber auch er fordert: Bereits existierende und gut funktionierende Strukturen müssten berücksichtigt und integriert werden.

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Höchst ist nach Angaben des Sozialministeriums ein Einzelfall. Obwohl im schwarz-grünen Koalitionsvertrag steht, dass das Modell landesweit eingeführt werden soll. Die vom Gesetzgeber geforderten Kooperationen zwischen Kliniken und KV existieren, doch sie sind in der Qualität sehr unterschiedlich, wie aus einer Antwort von Minister Kai Klose (Grüne) auf eine Anfrage der SPD-Abgeordneten Daniela Sommer hervorgeht. Demnach gibt es vereinzelt auch an anderen Häusern gemeinsame Tresen, von denen aus Mitarbeiter die Patienten steuern. Doch das in Höchst entwickelte, nach festen Regeln arbeitende Modell der Triage (Priorisierung) werde dort nicht angewandt. Die Zusammenarbeit mit der Zentralen Notaufnahme sieht Klose ebenfalls nicht überall gegeben. Bei der privatisierten Rhön-Uniklinik Gießen-Marburg (UKGM) oder dem Sana-Klinikum in Offenbach steht in dieser Rubrik „Nein“. Wie es dazu kommt, kann sich UKGM-Sprecher Frank Steibli nicht erklären: „Schon seit langer Zeit schicken wir Patienten zum ÄBD.“ Auch aus Offenbach heißt es, die Zusammenarbeit sei gut. Wer kein Notfall sei, werde an den ÄBD oder den Kinderärztlichen Notdienst innerhalb deren Öffnungszeiten verwiesen.

Das Klinikum Darmstadt verfährt ebenso. Doch zufrieden ist die Direktorin der Zentralen Notaufnahme, Sabine Jobmann, nicht mit dieser Lösung. Von der von Spahn beabsichtigen Neuerung verspricht sie sich nicht alleine eine Entlastung der Notaufnahmen: „Integrierte Notfallzentren wären eine Hilfestellung für die Patienten, sich in dem immer komplexer werdenden Gesundheitssystem zurechtzufinden.“

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