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Daniel May ist bildungspolitischer Sprecher der Grünen. Er hätte gerne besser Französisch gelernt.

Bildung

„Noten schaffen eine vermeintliche Ordnung“

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    Peter Hanack
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Der hessische Grünen-Politiker Daniel May berichtet, welche neuen Wege das Land für pädagogisch selbstständige Schulen eröffnet. Dazu kann auch der Verzicht auf Noten gehören.

Die schwarz-grüne hessische Koalition macht nächstes Schuljahr den Weg frei für bis zu 30 Schulen, die ohne Noten oder auf andere Weise pädagogisch anders arbeiten als bisher. Der Grünen-Bildungspolitiker Daniel May erklärt, was er daran gut findet.

Herr May, Sie wollen den Schulen erlauben, pädagogisch neue Wege auszuprobieren. Was stellen Sie sich vor?

Diese Schulen dürfen zum Beispiel jahrgangs- und fächerübergreifend unterrichten, die Schülerinnen und Schüler sollen mehr Mitsprache bei der Unterrichtsgestaltung erhalten, und die Schulen dürfen auf Zeugnisnoten verzichten. Weitere Reformen wie das Arbeiten in Projekten statt nach der Stundentafel sind möglich und erwünscht.

Kommt da die antiautoritäre Pädagogik der 60er und 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts wieder nach Hessen, wie etwa in der Summerhill-Schule?

Nein. Was damals an reformpädagogischen Modellen entwickelt worden ist, ist eine Basis. Was aber den kompletten Verzicht auf das Setzen von Standards angeht, sage ich ganz klar: Das wollen wir definitiv nicht.

Sie setzen also schon Grenzen?

Zum Ende der zehnten Klasse müssen bestimmte Kompetenzen erworben sein. Dabei gelten die Bildungsstandards ebenso wie der hessische Referenzrahmen Schulqualität und die Kerncurricula. Wir sehen an Vorbildern wie der Offenen Schule Waldau oder der Reformschule Kassel, die über Jahre solche Konzepte entwickelt haben, dass dort Kompetenzentwicklung sehr wohl stattfindet. Es ist kein Minus an Qualität, sondern ein anderer Weg dahin – und oft sogar ein mehr an Qualität.

Wie stellen Sie fest, ob diese Kompetenzen erreicht werden, und zwar vor dem Abschluss der zehnten Klasse, wenn es bis dahin keine Zeugnisse mit Noten gibt? Dann wäre es doch zu spät, um noch etwas zu ändern.

Auch in einer reformpädagogischen Schule erhalten die Schülerinnen und Schüler regelmäßig eine Rückmeldung über ihren Kompetenzerwerb. Lernen ohne Rückmeldung ist sicher nicht das, was wir wollen. Die Sorge, dass mit einer anderen Organisation von Unterricht weniger gelernt wird, ist meiner Überzeugung nach unbegründet – ganz im Gegenteil.

Dennoch hat die Möglichkeit, auf Noten zu verzichten, viel Besorgnis gerade bei Eltern erregt. Was, wenn am Ende keiner weiß, was die schriftlichen Bewertungen zu bedeuten haben, wie das bei Zeugnissen von Arbeitgebern nicht selten der Fall ist?

Die Ziffernnoten haben den großen Vorteil: Sie sind allen bekannt, das begründet ihre hohe Akzeptanz. Sie schaffen eine vermeintliche Ordnung und Vergleichbarkeit. Aber sie sind nicht die einzige Möglichkeit, eine Leistung zu bewerten. Natürlich wird eine schriftliche Bewertung nur akzeptiert, wenn sie auch verstanden wird. Sie kann aber über die reine Bewertung hinaus Hinweise geben, worauf beim Lernen mehr geachtet werden müsste, wo Stärken und wo Schwächen sind, und kann damit gegenüber den Ziffernnoten einen Mehrwert schaffen. Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer sollen über die Bewertungen miteinander ins Gespräch kommen.

Wie weit geht der Verzicht auf die Noten?

Zur Person

Daniel Mayist bildungspolitischer Sprecher der Grünen im Hessischen Landtag. Der 39-jährige Korbacher gehört dem Parlament seit 2009 an. Seit 2017 führt er den Grünen-Kreisverband Waldeck-Frankenberg. May hat Lehramt für Physik und Mathematik studiert. Da er bereits Abgeordneter war, hat er seit dem Referendariat nicht mehr unterrichtet.

Schulen, die dieses Modell für sich wählen, verzichten nahezu komplett auf die Notengebung, also nicht nur bei Zeugnissen, sondern auch bei Klassenarbeiten. Alles andere wäre inkonsequent. Ein Zeugnis mit Ziffernnoten gibt es lediglich am Ende der Schullaufbahn oder bei einem Wechsel auf eine andere Schule.

Gerade hat Ihr Parteifreund Winfried Kretschmann als Ministerpräsident von Baden-Württemberg gesagt, Rechtschreibung sei nicht mehr so wichtig. Teilen Sie diese Bewertung? Und wäre es auch für eine Schule eine Möglichkeit zu sagen, uns ist die Rechtschreibung aus reformpädagogischen Gründen nicht mehr so wichtig?

Rechtschreibung muss auch weiterhin zum Unterricht gehören, sie ist eines unserer Bildungsziele. In den Bildungsstandards ist das ganz klar definiert. Am Ende des Tages gilt für alle Schulen, dass sie verpflichtet sind, dafür ein Angebot zu machen. Und vielleicht können die Schülerinnen und Schüler solcher Schulen ja sogar mehr. Die Aufgabe von Rechtschreibkompetenz ist nicht Teil unserer Initiative. Es geht bei der pädagogisch selbstständigen Schule nicht darum, weniger zu lernen, sondern um andere Wege, die Standards zu erreichen. Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer sollen wissen, dass Schule nicht beliebig wird.

Was meinen Sie, wenn Sie sagen, die Schüler könnten vielleicht sogar mehr lernen?

Sie lernen, selbstständiger zu arbeiten, sind darin geübt, selbst Themen zu recherchieren, kennen die Arbeit im Team. Aber auch der Kompetenzerwerb bei den fachlichen Lernzielen kann sich verbessern. Ich selbst habe fünf Jahre lang den Französisch-Unterricht besucht, trotzdem habe ich heute meine liebe Not, mich bei einem Gespräch auf Französisch auszudrücken. Ein Unterricht, der stärker auf die Lebenswelt eingeht oder auch mehr in Projekten arbeitet, kann da ein nachhaltigeres Ergebnis erzeugen.

Sie wollen bis zu 30 Schulen je Schuljahr den Weg in die pädagogische Selbstständigkeit eröffnen. Haben Sie die schon beisammen?

Bislang haben wir dazu von rund 20 Schulen eine entsprechende Rückmeldung erhalten. Wir sind gespannt, wie viele es am Ende der Antragsfrist am 16. März sind.

Haben die Schulen nicht schon genug um die Ohren? Sie sollen Zuwanderer und Flüchtlinge integrieren, die Inklusion umsetzen, pädagogische Konzepte für die Digitalisierung erstellen und nebenbei Quereinsteiger in den Beruf einarbeiten.

Die pädagogische Selbstständigkeit bietet die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln, und wir geben die Freiheit dazu. Die Schulen tun das, weil sie glauben, dass es ihnen hilft, neue Wege zu gehen. Natürlich haben die Lehrkräfte nicht zu viel Freizeit, im Gegenteil. Aber Selbstständigkeit, mehr Spielräume und Eigenverantwortlichkeit zu bekommen, das kann sehr motivierend wirken. Am Ende kann es helfen, die vielen Voraussetzungen, die es ohne Frage gibt, besser zu meistern.

Erinnern Sie sich noch an den Landtagswahlkampf von 2013? Da warnte Volker Bouffier wörtlich: „Wir wollen und werden nicht zulassen, dass die Versetzungen abgeschafft werden, es keine Noten mehr gibt und die Menschen alle in eine Einheitsform gepresst werden. Das ist nicht nur inhuman, das ist auch falsch und wir werden alles tun, unsere Kinder vor dieser Irrfahrt zu bewahren.“ Geben inzwischen die Grünen die Richtung in der Schulpolitik vor?

Die CDU und wir machen zusammen Bildungspolitik und wir verantworten das gemeinsam. Die CDU hätte dieses Programm vielleicht nicht ohne uns auf den Weg gebracht. An dieser Stelle haben die Koalitionsparteien verschiedene Rollen. Wir tragen die Rolle derjenigen, die die Schule in diesen Punkten neu entwickeln wollen. Die CDU repräsentiert ebenfalls einen ganz wichtigen Teil der Bevölkerung, nämlich diejenigen, die Sorge haben, dass Neuerungen dazu führen, dass die Schülerinnen und Schüler nicht genug lernen. Wenn wir über diese Punkte offen ins Gespräch kommen, können wir damit einen Interessenausgleich in der Gesellschaft schaffen: mehr Freiheit, mehr Qualität und mehr Freude am Lernen.

Interview: Pitt von Bebenburg, Peter Hanack und David Zinnbauer

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