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Nordwestbahn und die Folgen

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Von: Jutta Rippegather

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Es war ein diesiger Tag: Vor exakt drei Jahren eröffnete der Kanzlerinnen-Jet die neue Landebahn.Andreas Arnold
Es war ein diesiger Tag: Vor exakt drei Jahren eröffnete der Kanzlerinnen-Jet die neue Landebahn.Andreas Arnold © Andreas Arnold

Das Wachstum des Flughafens hat seinen Preis, den so gut wie jeder in der Region bezahlen muss. Drei Jahre Landebahn und die Folgen – eine Analyse.

Es ist der 21. Oktober 2011, 14.31 Uhr: Mit dem Airbus A319 der Flugbereitschaft landet das erste Flugzeug auf der nagelneuen Nordwestbahn. An Bord Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die wenige Minuten später im großen weißen Festzelt ans Mikrophon tritt. Honoratioren aus Politik und Wirtschaft feiern die neue Betonpiste, die sogar über eine Autobahn führt. Ein Wunderwerk moderner Baukunst und ein weit sichtbares Zeichen dafür, dass es mit dem Flughafen und damit mit Hessen weiter voran geht.

Das Wachstum des Flughafens hat aber auch seinen Preis. Den bezahlt so gut wie jeder in der Region, denn auch im Main-Kinzig-Kreis oder in der Wetterau ist Fluglärm zu hören. Besonders teuer ist der Preis aber für jene, die plötzlich unter der Einflugschneise leben. Dass es so schlimm ist, hätten die Betroffenen in Frankfurt-Sachsenhausen, in Mainz, Flörsheim oder Offenbach sich nicht vorstellen können. Die mit der Eröffnung der Landebahn einher gegangenen Änderung der Flugrouten hat ihre Lebensqualität massiv verschlechtert. Nichts ist mehr so, wie es vor drei Jahren war. Jeden Montag pilgert der Lärmgeplagte mit Plakat und Trillerpfeife zur Demo an den Flughafen.

Es sind nicht die Chaoten und Weltverbesserer, die aufbegehren. Es sind die Bürgerlichen, oft betucht und reifen Alters, die sich in ihrem Garten, in ihrem nächtlichen Schlaf massiv gestört fühlen. Menschen, die sich zu wehren wissen. Und sich doch oft ohnmächtig fühlen. Flughafenbetreiberin Fraport ist ein mächtiger Gegner.

Proteste haben Erfolge

Es gab Erfolge. An erster Stelle ist das Nachtflugverbot von 23 bis 5 Uhr zu nennen – Bestandteil des Mediationsergebnisses. Die Landesregierung unter dem damaligen FDP-Verkehrsminister Dieter Posch wollte es einkassieren, unterlag damit vor dem Bundesverwaltungsgericht. Die Flugverkehrsbranche prophezeite daraufhin den Untergang des Mega-Hubs Flughafen Frankfurt. Weil die Airlines zunächst nicht gut organisiert waren, strandeten hunderte von Passagiere im Transitbereich. Inzwischen hat sich alles eingespielt. Nur bei den extremsten Wetterkapriolen sind vereinzelt Ausnahmen nötig.

Auch das Dachsicherungsprogramm für Flörsheim und Raunheim gäbe es nicht, wenn die Bürgerinitiativen nicht beharrlich auf die Gefahren hingewiesen hätten und es bis heute tun. Posch-Nachfolger Florian Rentsch (FDP) hatte es ins Leben gerufen. Tarek Al-Wazir (Grüne) nach Übernahme des Verkehrsministerium ausgeweitet. Jeder Hausbesitzer in den beiden Orten hat jetzt das Recht, sich auf Fraport-Kosten die Dachziegeln verklammern zu lassen, damit von Flugzeugen verursachte Wirbelschleppen sie nicht herunterfegen können. Sicher, es gibt organisatorische Probleme. Doch vor drei Jahren hätte kaum einer geglaubt, dass die Politik in Zweifel ziehen könnte, was im Planfeststellungsbeschluss aus dem Jahr 2007 zu lesen ist: In Flörsheim könnte sich in zehn Millionen Jahren nur ein Wirbelschleppenereignis mit Gefährdungspotential ereignen. Wie sehr die Experten mit dieser Einschätzung daneben lagen, zeigt die Realität.

Fluglärm ist in der Landespolitik angekommen

Der Flughafen als Jobmotor, der Planfeststellungsbeschluss rechtsgültig und deshalb unanfechtbar – die Zeit ist vorbei, in der die Politik mit diesen Totschlagsargumenten die Kritiker zum Schweigen bringen wollen. Lediglich die FDP, die bei der Landtagswahl denkbar knapp noch ins Parlament rutschte, postuliert weiter den uneingeschränkten Wachstumskurs. Die SPD laviert zwischen den Interessen der Fluglärmopfer und der Arbeitnehmervertreter bei Fraport, die voll auf Expansionskurs setzen. Auch im Aufsichtsrat, in dem Betriebsräte die Hälfte der Mitglieder stellen. Das macht die Arbeit der Politiker in dem Gremium so schwierig.

Denn auch das hat sich seit Eröffnung der Landebahn am 21. Oktober geändert: Als 2007 in Wiesbaden der Planfeststellungsbeschluss erging, regierte dort die CDU alleine. Sie hat die neue Betonpiste und die zunehmende Verlärmung zu verantworten. Dieselbe Union lässt nicht nur zu, dass am Denkmal Flughafen-Wachstum gerüttelt wird. Sie unterstützt sogar den Kurs des grünen Verkehrsministers, der den Bedarf für ein neues Terminal hinterfragt. Ob aus Überzeugung oder aus reiner Koalitionsdisziplin, wird sich zeigen.

Das Thema Fluglärm ist in der Landespolitik angekommen. Al-Wazir richtet in seinem Ministerium jetzt sogar dafür eine Stabstelle ein, hat mit den zuständigen Stellen Lärmpausen-Modelle erarbeitet. Das mag ein Fortschritt sein. Vom Wahlversprechen – ein striktes Nachtflugverbot und Deckelung der Flugbewegungen – sind die Grünen noch Meilen entfernt.

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