1. Startseite
  2. Rhein-Main

Nie zuvor erlebtes Chaos

Erstellt:

Kommentare

Kriminalhauptkommissar berichtet von Ermittlungen in der Arena-Bar

Kriminalhauptkommissar A. ist ein erfahrener Ermittler. Mehr als 40 Jahre lang war er bei der Polizei. Die Ermittlungen nach Gewaltverbrechen mit Todesfolge, Morde zum Beispiel, waren sein Spezialgebiet. In der Nacht vom 19. auf den 20. Februar 2020 wird der heute 63-Jährige, der sich mittlerweile im Ruhestand befindet, zu Hause alarmiert. 0.30 Uhr ist es da. In Hanau habe es eine Schießerei gegeben. Mehrere Opfer. Möglicherweise handele es sich um einen Anschlag. A. und seine Kollegen vom K11 treffen sich im Polizeipräsidium in Offenbach. Ihr Auftrag: die Kollegen in Hanau unterstützen.

Mit zwei Fahrzeugen fahren sie zur Dienststelle am Freiheitsplatz. „Ein Team sollte zum Heumarkt, das andere zum Kurt-Schumacher-Platz“, berichtet A. vor dem Hanau-Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags. Er ist der dritte Zeuge an diesem Montag. Vor ihm haben bereits zwei Beamte ausgesagt, auch der Kollege, mit dem er in der Tatnacht im Einsatz war (siehe nebenstehenden Text). Verhandlungsthema: der Notausgang. War er offen oder verschlossen? A. wird zu dieser Frage nichts sagen können. Er habe den Notausgang weder wahrgenommen noch an der Tür gerüttelt.

Von 2.30 bis 6 Uhr war A. vor Ort, hat die Leichen in Augenschein genommen: Vili-Viorel Paun in seinem Mercedes und die beiden Opfer in der Arena-Bar, Hamza Kurtovic und Said Nesar Hashemi. A. schildert das Chaos vor Ort. Rettungswagen, Angehörige, überall Beamte und Schaulustige. So etwas habe er in all den Jahren bei der Polizei nie zuvor erlebt.

Nein, sagt der Kriminalhauptkommissar mit Nachdruck, er habe keine Tatortaufnahme, sondern lediglich eine Inaugenscheinnahme gemacht, also die Verletzungen an den Leichnamen geschildert. „Für alles andere waren wir personell nicht ausreichend besetzt“, sagt er. Ein detaillierter Tatortbefundbericht enthalte alles. Jede Schublade, sagt A., müsste dafür geöffnet werden, jede Tür, das Geld in der Kasse gezählt. Der Tatortbericht ist die Grundlage für jede staatsanwaltschaftliche Ermittlung. Im Fall Hanau gibt es diesen Bericht nicht, obwohl es sich hier um ein beispielloses Verbrechen handelt. Angehörige haben dies immer wieder kritisiert.

Warum gibt es diesen detaillierten Bericht nicht? Die Frage bleibt unbeantwortet. Offenbar dachte der eine Beamte vom anderen, dass er dies tun würde. „Normalerweise“, erklärt A., „wird der detaillierte Bericht am Tag danach gemacht, mit Licht. Fotos, 3D-Aufnahmen, was war in welcher Schublade, wo lagen die Patronenhülsen. All das muss hier beantwortet werden.“ Das Landeskriminalamt (LKA) sei dort gewesen, sagt A., ergänzt: „Ich dachte, die machen das.“

Der erfahrene Beamte wird in einer Befragung des LKA ein Jahr nach dem rassistisch motivierten Attentat folgenden, vielfach zitierten Satz sagen: „Da hier der Täter offensichtlich bekannt und tot war, wurde hier auf Detailtreue verzichtet.“ Im Ausschuss gestern unterstreicht er das und ergänzt: „Die Justiz führt eben keine Ermittlungsverfahren gegen Tote.“

Saadet Sönmez, Obfrau für die Fraktion Die Linke im Untersuchungsausschuss sowie Wahlkreisabgeordnete für den Main-Kinzig-Kreis, hält A. genau diesen Satz aus 2021 vor. „Wie haben Sie zu dem Zeitpunkt wissen können, dass der Täter tot war, dass es keinen zweiten Täter gab?“, fragt sie. AfD und SPD stellen ähnliche Fragen.

A. räumt ein, dass auf das Funksystem in dieser Nacht kein Verlass gewesen sei, sie aber von den Hanauer Kollegen informiert wurden über Verbleib, Lokalisierung und den späteren Tod des Täters. Nein, sagt A. und widerspricht damit seiner Aussage aus 2021, an seiner Arbeit vor Ort habe dieses Wissen nichts geändert. Er habe gearbeitet wie immer.

Auch interessant

Kommentare