Justiz

Neugeborenes sollte sterben

Eine Mutter legte ihr Kind in einer Hecke ab. Ein Gericht verurteilt sie zu siebeneinhalb Jahren Haft.

Weil sie aus Sicht des Gerichts mit ihrem eigenen Leben überfordert ist und kein zweites Kind wollte, hat eine Frau aus Gießen ihr Baby nach der Geburt in einer Hecke versteckt und sich aus dem Staub gemacht. Das Landgericht München I verurteilte die 27-Jährige am Freitag wegen versuchten Totschlags und Misshandlung von Schutzbefohlenen zu siebeneinhalb Jahren Haft.

Laut Anklage hat sie im vergangenen August allein ein Kind auf die Welt gebracht, die Nabelschnur durchgebissen, das Neugeborene in die Hecke eines Vorgartens im Münchner Stadtteil Neuperlach gelegt und danach überstürzt und ohne ein Wort darüber zu verlieren die Heimreise nach Gießen angetreten. Das Baby wurde erst eine Stunde später stark unterkühlt und mit schweren Verletzungen zufällig von einer Passantin entdeckt – nur deshalb überlebte es.

Obwohl die Angeklagte einräumte, dass sie ein Kind geboren und zurückgelassen habe, konnte auch am Tag der Urteilsverkündung nicht abschließend geklärt werden, wo der kleine Junge tatsächlich zur Welt gekommen war. Nach Angaben der Mutter war der Fundort auch der Geburtsort – daran zweifelte das Gericht. „In der Hecke ist es sehr beengt, und es gab dort keine Spuren“, sagte der Richter. Zudem habe die Nachgeburt einige Meter entfernt auf der Wiese gelegen.

Hochschwanger war die Frau nach München gekommen, um eine Internetbekanntschaft zu treffen. Da auch der Mann weder von der Schwangerschaft noch der Geburt gewusst haben will, bleiben viele Fragen offen. Fest steht allerdings aufgrund der Verletzungen des Jungen, dass die Geburt alles andere als einfach gewesen sein muss. Vermutlich befand sich der Säugling in Steißlage und wurde von der Mutter herausgezogen, wodurch er unter anderem drei Brüche erlitt.

Dass sie kein zweites Kind wollte, hatte die Angeklagte laut dem Richter nicht nur in ihrem Bekanntenkreis erwähnt, sondern sie hatte mehrere Monate vor der Geburt im Netz nach Möglichkeiten gesucht, wie ein Baby sterben kann.

Außerdem habe die Frau nicht nur Probleme, ihren Alltag zu meistern. Sie fühle sich – aufgrund ihrer Gehörlosigkeit – oft missverstanden, suche die Schuld bei anderen. „Das alles hätte ein weiteres Kind verstärkt“, sagte der Richter. Trotzdem sei das Ganze keine Belastungsreaktion gewesen: Sie habe gewusst, dass das Baby kommt. „Sie hat das kleine, wehrlose Kind in die Hecke gelegt, in dem Wissen, dass es dort sterben wird.“

Gefasst, nahezu teilnahmslos nahm die Mutter das Urteil entgegen, das noch nicht rechtskräftig ist. Er habe seine Mandantin darauf vorbereitet, sagte der Verteidiger. Es brauche Zeit, das sacken zu lassen und müsse von der Gebärdendolmetscherin noch mal in Ruhe erklärt werden. Über eine Revision müsse man gemeinsam nachdenken. (dpa)

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