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Ulrike Gutbrod (2. v. r.) zeigt ihr zweites Wohnzimmer, die Altstadt.

Oberursel

Neuer Blick auf Altbekanntes

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Eine Führung durch die Altstadt öffnet manchmal eine völlig neue Sicht. Die Altstadtführung wird an jedem ersten Samstag im Monat angeboten.

Natürlich der Malerwinkel. Da muss man dran vorbei bei einer Führung durch die Altstadt. Der Blick von der Weidengasse aus über den Marktplatz mit dem historischen Gasthaus „Zum Hirsch“ und zwischen den alten Fachwerkhäusern hindurch bis hinauf zur St.-Ursula-Kirche, dem Wahrzeichen der Stadt. Gesehen, Foto gemacht, abgehakt und fertig. Die kleinen Schmankerl liegen oft gänzlich unerkannt am Wegesrand, wenn sie nicht von Ulrike Gutbrod ins rechte Licht gerückt werden.

Für die Stadtführerin ist die Altstadt eine Art zweites Wohnzimmer, in dem sie ihren Gästen auch die kleinen Details gerne zeigt. Jede Menge hat sie dabei zu bieten, wer sie kennenlernen will, muss so einen Stadtspaziergang mal mitmachen.

Überraschungen warten an jeder Ecke, selbst wenn man sich nur in einem kleinen Geviert bewegt, einst umrahmt von 680 Meter Stadtmauer im innersten Kern des alten „Ursel“, wie es hieß, als es vor 575 Jahren die Stadtrechte bekam. Seit mehr als 30 Jahren lebt Bärbel Müllerleile im Schatten von St. Ursula, seit dem späten Samstagnachmittag geht sie zumindest an einigen Stellen mit anderen Augen durch ihre Wahlheimat. Durchs alte Stadttor am Marktplatz etwa, das später zum Rathaus wurde, in dem heute wieder geheiratet werden kann. Mit Kerker auf der Rückseite und einem Stück im Sandstein der Vorderfront eingearbeiteten Eisen. Genau 54 Zentimeter lang ist das unscheinbare Stück, die „Oberurseler Elle“, nach dem Vorbild Frankfurts. Für Generationen von Händlern war sie das Maß für ehrbaren Handel auf dem Markt bei jeglicher Art von Geschäften mit Stoffen, Tuch und Seilen.

Hunderte Male ist Bärbel Müllerleile an der Kirche St. Ursula vorbeigelaufen, den „Flennels“ hat sie nie gesehen. Den an der Außenmauer einer Kirche skurril anmutenden Kopf aus Sandstein, der über dem Aufgang zur Empore eingemauert wurde. In der kleinen Gruppe mit einer Handvoll Neugieriger bei der ersten Altstadtführung des Jahres bleibt viel Zeit, das intensiv zu diskutieren. Ist es eine greinende Frau, eine „Flenn-Else“? Oder doch Abbild eines als Narren geächteten Ritters mit Eselsohren und Schellen auf der Narrenmütze?

„Gut, dass ich gekommen bin, ich habe so viel gelernt“, sinniert Müllerleile ein paar Meter weiter unten mit Ann-Kathrin Kofler und Blick auf St. Ursula mit Kirchturm. Gerade hat Ulrike Gutbrod die beliebte Frage zur geschätzten Höhe des Turms und zum Verhältnis von Turm und Helm gestellt. Bis zu 120 Meter haben ihre Wohnzimmergäste ihm gegeben, gerade mal die Hälfte misst er wirklich. Und der Umgang für Besucher zwischen Turm und Helm befindet sich in 31 Meter Höhe, nicht auf drei Viertel des Weges nach oben, wie alle mutmaßen. Spielerei am Rande, dem Ernst der Zeit geschuldet war der Verkauf des einstigen Stadtturms 1937 an die Kirche. Damit die Nazis dort nicht ihre Fahnen aufhängen konnten.

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