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Im Game-Lab arbeiten Studierende an ihren Projekten: Gerade läuft die VR-Simulation eines Golfspiels am zentralen Monitor an der Decke.

Hochschule Darmstadt

Neue Welten entdecken

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Beim neuen Studiengang "Expanded Realities" an der Hochschule Darmstadt dreht sich erstmals alles nur um virtuelle Realität. In den Laboren auf dem Mediencampus entstehen die Anwendungen von morgen.

Eben noch in einem Vortragssaal der Hochschule Darmstadt, im nächsten Moment fahre ich auf einem Fahrrad durch eine fantastische Berglandschaft. Es strampelt sich schwer, doch die Aussicht ist genial. So macht trainieren Spaß. Aber: Ich komme ins Schleudern, knalle fast gegen die Leitplanke, die mich vor dem Absturz in den Abgrund bewahrt – puh, mein Herz schlägt, mir wird schwindelig …

Zum Glück war das nur ein kurzer Trip in die virtuelle Realität (VR). Schnell ziehe ich die klobige VR-Brille ab und gebe sie Martin Wolf zurück. Er und seine Teamkollegen, eine Gruppe von Studierenden des Studiengangs „Leadership in the Creative Industries“ haben das Programm für die Verfolgungsjagd eines Fahrradkuriers entwickelt. 

„Virtuelle Realitäten werden uns bald überall im Alltag begegnen“, sagt Claudia Söller-Eckert, Prodekanin des Mediencampus Dieburg, einem Standort der Hochschule. Dort wird ab nächstem Sommersemester der neue Studiengang „Expanded Realities“ angeboten. Es ist laut Hochschule einer der ersten Studiengänge für sogenannte „erweiterte Realitäten“ in Deutschland und der erste in Hessen.

Dass dieses neue Medium die Gesellschaft so tiefgreifend verändert, wie es das Internet in den 1990er Jahren tat, davon sind die Wissenschaftler der Hochschule überzeugt. „Mir fällt kein Bereich ein, wo man keine Expanded Reality einsetzen könnte“, sagt Studiengangsleiter Frank Gabler bei der Präsentation des neuen Lehrangebots. Als Beispiele nennt er Schüler, die künftig mit ihrem Lehrer zu den Pyramiden reisen oder Zeitreisen generell unternehmen; Ärzte, die während einer Operation die Lage der Organe des Patienten oder andere medizinische Funktionen eingeblendet bekommen; die Vernetzung von Maschinen in der Industrie, deren Reparatur- oder Wartungsbedarf dem Monteur über die VR-Brille angezeigt wird; Künstler, die Emotionen virtuell nachempfinden lassen oder natürlich in den sozialen Medien: Künftig werde man sich in virtuellen Räumen mit 3D-Avataren treffen anstatt Telefonkonferenzen abzuhalten. 

Für all das brauche es speziell ausgebildete Profis, die auf diesem Feld arbeiteten. In dem siebensemestrigen Bachelor-Studiengang sollen die Studierenden einerseits die technologischen Aspekte der verschiedenen virtuellen Realitäten zu beherrschen lernen. Sie sollen neue Welten aber auch inhaltlich konzipieren, gestalten und produzieren. „Die erweiterten Realitäten stellen vollkommen neue Anforderungen an mediales und transmediales Erzählen“, erklärt Tilman Kohlhaase, der den Studiengang mitentwickelt hat. „Unsere Studierenden werden mit dazu beitragen, eine komplett neue Mediensprache und den hierfür nötigen Content zu entwickeln.“
In diesen neuen Welten werden sich aber auch kritische Fragen eröffnen. Etwa: Ist es möglich in der virtuellen Welt ein Verbrechen zu begehen? Wie wird der Datenschutz gewährleistet? Deswegen solle der Studiengang auch für die ethischen und gesellschaftlichen Dimensionen des neuen Mediums sensibilisieren, so Kohlhaase. Zwei neue Professuren wurden dafür ausgeschrieben.

Schon jetzt ist VR Lehrinhalt in mehreren Studiengängen auf dem Mediencampus in Dieburg. Dessen Herzstück sind seine rund 30 Studios und Labore: vom Motion Capture-Lab über das Game-Lab bis hin zu professionellen Sound- und Filmstudios. Für das neue Studienangebot ist derzeit ein Labor im Aufbau.

In den Laboren arbeiten die Studierenden in kleinen Teams an Projekten. Manchmal bis tief in die Nacht hinein. Eines davon ist das Game-Lab. Hier werden Spiele entwickelt, die auch in der virtuellen Realität handeln. Sieben riesige Monitore stehen an den Wänden, davor bequeme Sessel, in der Mitte befinden sich mehrere Computerarbeitsplätze, an der Decke hängt zentral ein großer Monitor, auf dem Programmcodes zu aktuellen Projekten zu sehen sind. Eine Idee ist, dass diese Codes über Spracheingaben, etwa wie bei Alexa, der Sprachsteuerung eines großen Onlinehändlers, von verschiedenen Leuten im Raum geändert werden können. „Das ist eine neue Art des Lehrens“, sagt Will Weber, Dekan des Fachbereichs. Im Schrank lägen aber auch die alten Spiele von früher: Tetris, Super Mario. „Wir wollen herausfinden, was die Magie dieser Spiele ist.“

Herausfinden, wie sich ein Rollstuhlfahrer beim Basketballspielen fühlt, dass wollten Juliana Kralik und ihr Team. Sie programmierten Controller, die man über die Hand stülpt, so dass man mit ihnen einen Rollstuhl anschieben und den Ball werfen kann. „In der virtuellen Welt kann man sich nicht bewegen, ohne die Füße zu benutzen, so kamen wir auf Rollstuhl-Basketball“, sagt Lukas Hort. Um zu wissen, wie es sich in „echt“ anfühlt, ging das Team auch in Darmstadt zu den realen Rollstuhl-Basketballern. 

Also nicht alles nur Spielsüchtige hier, die sich nicht von der Konsole losreißen können? „Hier gibt es keine krassen Nerds“, sagt Juliana Kralik. „Aber alle sind voll dabei!“ Der 20-jährige Louis Vogt fügt hinzu: „Wir sind alle von dem Medium begeistert“. 

Viele der Kommilitonen wollten nach dem Abschluss in Nordamerika arbeiten, sagt Lukas Hort. Auch zu regionalen Firmen habe man Kontakte über Praktika. Laut Dekan Weber finden 95 Prozent der Abgänger einen Job. Das liege auch daran, dass die Lehre praxisorientiert sei und die Studierenden internationaler Herkunft seien. 

Fünf der dreizehn Studiengänge am Mediencampus finden auf Englisch statt – auch der neue. Geplant sei, mit anderen Hochschulen zusammenzuarbeiten, sagt Weber. Er habe schon positive Rückmeldungen aus Barcelona, Frankfurt und Offenbach. Generell sei die Nachfrage nach den Angeboten in Dieburg sehr groß: Auf einen Studiengang würden sich manchmal 500 Interessenten bewerben. 

Auch für „Expanded Realities“ habe man schon „Bewerber ohne Ende“, freut sich der Dekan. Im ersten Semester werden 20 Studierende nach einem Prüfungsverfahren aufgenommen. Danach sollen es 40 sein, die jeweils zum Wintersemester beginnen können.

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