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Hanau

Neue Mordanklage im Hanauer Sektenfall

  • Gregor Haschnik
    vonGregor Haschnik
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Mutter soll Tod ihres vierjährigen Sohnes billigend in Kauf genommen haben.

Die Staatsanwaltschaft Hanau hat Anklage gegen Claudia H. erhoben, wegen gemeinschaftlichen Mordes an Jan H., dem am 17. August 1988 gestorbenen Sohn der 60-Jährigen. Wie Oberstaatsanwalt Dominik Mies am Dienstag sagte, wird ihr vorgeworfen, den Vierjährigen „aus niedrigen Beweggründen“ getötet zu haben. Sie habe ihn in einem Bad in einem etwa 90 mal 105 Zentimeter großen Sack, den sie über dem Kopf verschnürt habe, zum Mittagsschlaf gelegt und ihn „in die Obhut einer 73-jährigen Frau aus Hanau gegeben, die ihrem Sohn nach dem Leben getrachtet haben soll“.

Die 73-Jährige ist Sektenchefin Sylvia D., die vor einem halben Jahr vom Landgericht wegen Mordes an Jan H. zu lebenslanger Haft verurteilt worden war. D., zu deren Anhängerinnen Claudia H. seit Jahrzehnten zählt, sitzt seither im Gefängnis. Die Verteidiger bestreiten den Vorwurf und haben Revision eingelegt; das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Bundesgerichtshof dürfte in den nächsten Wochen darüber entscheiden.

Vorwürfe bestritten

Claudia H. habe ihr Kind Sylvia D. damals überlassen, weil D. sie davon überzeugt habe, dass Jan die „Reinkarnation Hitlers, ein Machtsadist und von den Dunklen besessen“ sei, so Mies. Die Mutter habe den Tod ihres Sohnes „billigend in Kauf genommen“, davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt.

An jenem Nachmittag vor mehr als 30 Jahren habe D. den Jungen in dem Sack sterben lassen, obwohl sie dessen Panik und intensive Schreie bemerkt habe.

Das Todesermittlungsverfahren 1988 war trotz vieler Ungereimtheiten eingestellt worden, die Ermittler gingen von einem Unfall aus. Nach Hinweisen von Aussteigern und Recherchen der Frankfurter Rundschau wurde der Fall 2015 neu aufgerollt. Kurz nach der Verkündung des Urteils gegen Sylvia D. wurde Claudia H. während einer Geschäftsreise in Leipzig verhaftet – wegen des dringenden Verdachts der Beihilfe zum Mord. Der Vorwurf des „gemeinschaftlich begangenen Mordes“ in der Anklage wiegt noch schwerer. Nach FR-Informationen haben Polizei und Staatsanwaltschaft während ihrer Ermittlungen Argumente dafür gefunden, dass H.s Tatbeitrag größer sei als ursprünglich angenommen. In den vergangenen Monaten wurden etwa erneut Durchsuchungen bei Claudia H. und Sylvia D. durchgeführt.

Die erste große Strafkammer, deren Vorsitzende Landgerichtspräsidentin Susanne Wetzel ist, wird die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft nun prüfen und entscheiden, ob sie einen hinreichenden Tatverdacht sieht und die Hauptverhandlung eröffnet. Für H. gilt die Unschuldsvermutung. Eine FR-Anfrage an ihre Anwältin blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Während des Prozesses gegen Sylvia D. hatte die 60-Jährige die Vorwürfe zurückgewiesen: Ihre Freundin D. sei wie eine Schwester für sie und habe Kinder stets gut behandelt. Sie seien Opfer einer Hetzkampagne.

Dagegen sprachen beispielsweise die Tagebuchaufzeichnungen von Claudia H., die im Zuge der Verhandlung verlesen wurden und offensichtlich auch zum Verdacht gegen H. beitrugen. Diese schreibt darin unter anderem sinngemäß, Jan H. sei provokativ-gemein gewesen. Die ganzen Jahre hätten sie mit Gottes Hilfe versucht, seinen „Wahn“ zu bremsen, damit Jan „eine Chance bekommt“. Aber der Vierjährige sei richtig sadistisch gewesen. In Einträgen, die Sylvia D. zugeschrieben werden, wird der kleine Junge als „kalter, eingebildeter Schauaffe“ bezeichnet. Er wisse, wie fies und gemein er sei. Kurz nach seinem Tod heißt es: „Um Schlimmeres zu verhindern, musste dein Alterchen weltweit eine Runde Jans abholen.“ Mit „Alterchen“ ist Gott gemeint. Jan H. wurde offenbar jahrelang vernachlässigt und misshandelt.

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