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Eine Krankenschwester hält die Hand einer Frau in einem Pflegeheim. (Symbolfoto/Archiv)
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Eine Krankenschwester hält die Hand einer Frau in einem Pflegeheim. (Symbolfoto/Archiv)

Pflege in Mühlheim

Neue Details zu Missständen im Pflegeheim

  • Annette Schlegl
    VonAnnette Schlegl
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Ehemalige Mitarbeiter und Angehörige von Heimbewohnern sprechen bei einer Bürgerversammlung über die katastrophalen Zustände im DRK-Seniorenwohnheim in Mühlheim. Es laufen Ermittlungen gegen Mitarbeiter.

Der Film, den RTL über die katastrophalen Zustände im Mühlheimer DRK-Seniorenheim gedreht hat, ist schon schlimm genug. Das, was Familienangehörige von Heimbewohnern sowie ehemalige Pflegerinnen am Dienstagabend in Mühlheim berichtet haben, ist aber genauso starker Tobak. Personalmangel, zu wenig examinierte Kräfte, lückenhafte Dokumentationen, Ruhigstellen mit Medikamenten, Wundliegegeschwüre, „Kleinreden“ der Missstände vonseiten der Heimleitung – so lauten die Vorwürfe derer, die einen Einblick hinter die Kulissen hatten und am Dienstag auf einer Bürgerversammlung darüber redeten. Doch es wurde auch klar, dass nicht das gesamte Pflegepersonal in dem Heim über einen Kamm geschert werden kann.

Die Ermittlungen gegen Heimmitarbieter sind indessen ausgeweitet worden. Im Verdacht stehen nun drei Frauen und ein Mann, wie die Staatsanwaltschaft Darmstadt am Mittwoch mitteilte. Eine Verdächtige sei hinzugekommen. Es gehe um Misshandlung von Schutzbefohlenen sowie Körperverletzung.

Ein Ventil für die Wut

Am Dienstagabend nutzten viele der rund 400 Anwesenden die Bürgerversammlung, zu der Bürgermeister Daniel Tybussek (SPD) eingeladen hatte, als Ventil für die Wut, die sich nach dem Filmbeitrag aufgestaut hatte. Die Heimleiterin hatte diese Wut schon vorher zu spüren bekommen: Nach Morddrohungen gegen ihre Person sagte sie die Teilnahme an der Veranstaltung ab.

Doru Somesan, Geschäftsführer des Kreisverbandes des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), stellte sich dagegen den Fragen der Anwesenden. Und wurde nicht geschont: „Wenn Sie beim DRK nicht wissen, was in Ihren Heimen läuft, dann nehmen Sie ihren Hut und gehen!“, forderte ihn ein Bürger auf. Somesan hatte vorher erklärt, im DRK-Kreisverband habe es bis zum Zeitpunkt des RTL-Beitrags keinerlei Beschwerden über das Heim gegeben. Im Gegenteil, es habe eine „beruhigende Situation“ geherrscht, seitdem die derzeitige Heimleiterin am Ruder gewesen sei.

Nach der „Welle der Empörung“ habe der DRK-Kreisverband sofort mit einem Maßnahmenplan reagiert, sagte Somesan. Im Heim wurden ihm zufolge ein sofortiger Aufnahmestopp verhängt, die betroffenen Mitarbeiter freigestellt, das Team durch externe Kräfte, zum Teil aus anderen Organisationen verstärkt und die Mitarbeiter in Infoveranstaltungen für den richtigen Umgang mit den Heimbewohnern sensibilisiert.

Was einige Redner in der Bürgerversammlung über die Zustände in der Pflege erzählten, war schockierend. Drei Altenpfleger hätten die Körperpflege von über 30 Personen bewältigen müssen, sagte eine junge Frau, die drei Jahre in dem Heim arbeitete. Eine Mühlheimerin, deren Mutter dort einen Dekubitus bekommen, sich also wundgelegen hatte, wurde zigmal bei der Pflegeleitung vorstellig. „Die Ärztin sagte, das sei in allen Pflegeheimen so“, erinnerte sie sich.

„Wenn man sich für die Bewohner Zeit genommen hat, hieß es: ,Sie arbeiten zu hart, das liegt nicht in Ihrer Kompetenz‘“, sagte eine ehemalige Angestellte. Sie wechselte daraufhin nach Offenbach, aber „dort hat sich nichts geändert“. „Wir mussten sogar Pflegeprodukte für die Heimbewohner aus unserer eigenen Tasche bezahlen.“ Vor mehr als drei Jahren sei sie dann seelisch zusammengebrochen.

Ungelernte Kräfte, „die wirklich keine Ahnung haben“, seien eingestellt worden, sagte eine Auszubildende, die ebenfalls Morddrohungen bekommen hat. „Wegen 50 oder 100 Euro mehr sind gute Schwestern zur Konkurrenz gegangen“, ärgerte sich ein Heimbewohner. Dass ein Konzern wie das Rote Kreuz nicht mehr Gehalt bezahlen wolle, sei ein Armutszeugnis.

Geschäftsführer Somesan gab denn auch zu, dass der Anteil der examinierten Altenpfleger im Mühlheimer Heim bei 32 Prozent lag; fast 70 Prozent waren angelernte Kräfte. Die gesetzlichen Vorgaben sehen dagegen eine Fachkraftquote von 50 Prozent vor. „Wir finden nicht genügend Kräfte“, verteidigte er sich. Nun habe man einen externen Pflegedienst dazugenommen und dadurch im Heim „einen hohen Qualifikationsgrad“ erreicht.

Pflegekräfte würden viel verdienen, aber sehr wenig bekommen, meinte ein Mühlheimer. „Die Rahmenbedingungen in der Pflege stimmen nicht.“ Die große Politik sei gefordert. Eine Rednerin, deren Mutter zwei Jahre in dem Heim lebte, konnte dagegen nichts Negatives sagen – weder über das Pflegepersonal noch über Sauberkeit oder mangelnde Informationen. „Die Sache hing an zwei bis drei Personen.“

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