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In Hessen haben 21,7 Prozent der neu eingestellten Polizeibeamten einen Migrationshintergrund.

Nachwuchs

Zahl der Migranten bei der Polizei steigt in Hessen

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Immer mehr Polizisten haben einen Migrationshintergrund. Doch ob die Behörde dadurch anders auftritt, ist umstritten.

Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen. In Rheinland-Pfalz gibt ein Polizist muslimischen Glaubens seiner Kollegin nicht die Hand. Zwar legt er als Alternative die Hand auf sein Herz, doch das reicht der Behörde nicht. Sie leitet ein Disziplinarverfahren ein. An dessen Ende wird der Beamte zu einer Geldstrafe von 1000 Euro verurteilt. Außerdem muss er unterschreiben, dass er „Frauen ohne Ausnahme und ohne Vorbehalte als gleichberechtigt ansieht“ und ihnen den Handschlag künftig nicht verweigert.

Für den Soziologen Rafael Behr, Leiter der Forschungsstelle Kultur und Sicherheit an der Akademie der Polizei in Hamburg, zeigt der Fall vor allem eines: Wenn sich die Polizei damit rühmt, in den vergangenen Jahren vermehrt Bewerber mit Migrationshintergrund eingestellt zu haben, greift das zu kurz. Denn wie der Umgang mit dem Beamten in Rheinland-Pfalz zeigt (Behr: „Da hätte es sicherliche andere Möglichkeiten gegeben“), gehe es der Polizei nicht etwa um Diversität in der Behörde: „Ungleiche Herkünfte werden gleich behandelt“, sagte Behr am Dienstag bei einem Gespräch in Frankfurt, zu dem der Mediendienst Integration eingeladen hatte.

Behr bezeichnete die Polizei als „kulturdominante Organisation“ und sprach von einer „starken Polizeikultur“. Diese verändere sich auch nicht dadurch, dass vermehrt junge Leute, deren Eltern nicht in Deutschland geboren wurden, die Uniform tragen. Viele der neuen Polizisten seien im Wesentlichen „Assimilationsgewinner“. Nur weil jemand aus einem Elternhaus mit etwa türkischen Wurzeln komme, sei er noch kein Gewinn für die Polizei. „Migrant zu sein ist kein Merkmal einer besseren Qualifikation“, sagte Behr. Die Behörde könne mehr profitieren, wenn sie darauf achte, in welcher sozialen Umgebung jemand groß geworden ist.

Eva Hertel, Leiterin der Abteilung Nachwuchssicherung bei der Polizeiakademie Hessen, und Necati Benli, Migrationsbeauftragter der hessischen Polizei, sehen das Werben um Nachwuchs mit Migrationshintergrund hingegen uneingeschränkt positiv. Hertel verwies darauf, dass die deutsche Staatsangehörigkeit schon seit 25 Jahren keine Voraussetzung für eine Bewerbung bei der Polizei sei. Dass die Behörde darauf verstärkt hinweise – auf Flyern für junge Leute findet sich unter den abgebildeten Beamten immer mindestens einer mit „erkennbarem Migrationshintergrund“ – zahle sich aus. Von den 3000 Neueinstellungen in den vergangenen drei Jahren hätten 200 junge Männer und Frauen keinen deutschen Pass gehabt. 40 Nationen seien vertreten gewesen.

Wichtig sei, auf potenzielle Bewerber zuzugehen, sagte Hertel. Deshalb schicke sie Berater auch ins Kino oder ins Fitnessstudio. Menschen mit Migrationshintergrund „wollen wir zeigen, dass sie bei uns willkommen sind“.

Necati Benli erfuhr vor 21 Jahren durch ein Flugblatt im türkischen Generalkonsulat von der Möglichkeit, sich bei der Polizei zu bewerben. Überzeugt ist er vor allem vom Konzept der hauptamtlichen Migrationsbeauftragten, das es nur in Hessen gibt. Sie könnten einen Dialog zwischen Migranten und der Polizei herstellen.

Über die Ausbildungspraxis an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung berichtete Kathrin Hartmann, die dort Soziologie lehrt. In fast jedem Modul gehe es auch um das Thema Migration. So übten die Polizistinnen und Polizisten regelmäßig in Rollenspielen, „wie sie vorgehen sollen, wenn die Kommunikation schwierig ist“.

Problematisch seien übrigens Rechtschreibschwächen mancher angehenden Polizisten, sagte Eva Hertel. Zwar seien die Leistungen in Diktaten in den vergangenen Jahren unverändert geblieben. Doch gerade in längeren Texten – etwa für Abschlussarbeiten – stellten Ausbilder oft eine Vielzahl von Fehlern fest. Diese Entwicklung habe aber nichts mit der gestiegenen Zahl von Polizeischülern mit Migrationshintergrund zu tun, stellte Hertel ausdrücklich fest. Vielmehr machten sich veränderte Anforderungen im Deutschunterricht bemerkbar. Während es früher entscheidend gewesen sei, möglichst fehlerfrei zu schreiben, komme es mittlerweile in der Schule viel stärker auf die inhaltliche Auseinandersetzung mit Texten an.

Hintergrund: Polizisten mit Migrationshintergrund

Elf Bundesländer erfassen Daten zum Migrationshintergrund bei der Polizei. Bayern, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Thüringen erheben die Zahlen nicht. In der Regel beziehen sich die Statistiken nur auf Bewerber oder Neueinstellungen, nicht aber auf alle Polizisten in einem Bundesland.

Der Mediendienst Integration hat die Zahlen aufbereitet und den Anteil der Neueinstellungen mit Migrationshintergrund bei der Polizei mit der Größe der entsprechenden Gruppe in der Bevölkerung eines Bundeslandes verglichen. Daraus ergab sich: Menschen mit Migrationshintergrund sind bei der Polizei unterrepräsentiert. Nur in Berlin und Sachsen-Anhalt ist die Quote der Polizeianwärter mit Migrationshintergrund höher als in der Bevölkerung.

In Hessen haben 21,7 Prozent der neu eingestellten Polizeibeamten Migrationshintergrund. Der entsprechende Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt zehn Prozentpunkte höher. Die Polizei verweist aber darauf, dass sich nur junge Menschen mit Abitur oder Fachabitur bewerben können. Und genau 21 Prozent der (Fach-)Abiturienten in Hessen hätten einen Migrationshintergrund.

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