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Pierre Fontaine freut sich auf seine neue Aufgabe, mit der er eine Vorreiterrolle einnimmt.
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Pierre Fontaine freut sich auf seine neue Aufgabe, mit der er eine Vorreiterrolle einnimmt.

PORTRÄT DER WOCHE

Neu-Isenburg: Barrierefreiheit beginnt im Kopf

  • Annette Schlegl
    VonAnnette Schlegl
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Der Neu-Isenburger Pierre Fontaine ist der erste Dezernent für Inklusion im Kreis Offenbach. Er will die Menschen für die Belange von Behinderten sensibilisieren.

Halbherzigkeiten gibt es bei Pierre Fontaine nicht. Was er anpackt, macht er aus voller Überzeugung. Genauso will er auch in dem Amt agieren, das er nun für eine Legislaturperiode in Neu-Isenburg bekleidet: Der 52-Jährige ist Dezernent für Inklusion und Barrierefreiheit.

Erstmals hat eine Stadt im Kreis Offenbach ein solches Dezernat geschaffen – und Fontaine ist sich seiner Verantwortung in dieser Vorreiterrolle bewusst. Umso mehr will er in dem Amt bewirken, mit dem er nun in den Fokus rückt – und zwar möglicherweise im gesamten Rhein-Main-Gebiet. Denn seines Wissens nach gibt es bisher in keiner einzigen anderen Stadt in der Region ein solches Dezernat.

Der Inklusion wegen trat Fontaine in die Politik ein

Ob er denn stolz sei, dass er der Erste sei? „Natürlich“, antwortet Fontaine. Schließlich sei er ja gerade deswegen in die Politik gegangen. Er habe gemerkt, dass es in Sachen Inklusion sehr viel Verbesserungsbedarf gebe, habe festgestellt, dass das Thema nur weitergetrieben werden könne, wenn die Politik mitspiele. Deswegen sei er 2016 in die CDU eingetreten. Trotzdem sei die Idee, eine solche Dezernentenstelle einzurichten, für ihn eine Überraschung gewesen, über die er sich „tierisch gefreut“ habe.

Die Aufgabe ist in Neu-Isenburg ehrenamtlich und wohl zeitintensiv, Fontaine bekommt nur eine Aufwandsentschädigung. Sollte die Aufgabe denn nicht im Hauptamt ausgeführt werden? Das könne er noch nicht beantworten, sagt er.

20 000 Euro hat er als Budget in diesem Jahr zur Verfügung. Nicht sehr viel, oder? Fontaine winkt ab. Er sei ein Meister darin, „Dinge so zu gestalten, dass sie relativ kostenneutral laufen“.

Tonangebend im Frankfurter Rollstuhlbasketball

Die Stadt hätte keinen besseren Kandidaten für das Dezernat finden können: Der 52-Jährige, der am Samstag Geburtstag feierte, ist zwar nicht behindert, beschäftigt sich aber privat seit 15 Jahren mit Rollstuhlsport. Bei der Frankfurter Rollstuhlbasketballmannschaft ING Skywheelers ist er aktuell Teammanager und 1. Vorsitzender des Fördervereins. „Bis auf Spiele habe ich dort schon alles gemacht“, sagt er.

Das neue Amt

Nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt will Pierre Fontaine nun in dem neuen Amt als Dezernent für Inklusion und Barrierefreiheit durchstarten. Er verschafft sich gerade eine Übersicht, welche Einschränkung die 6622 Menschen mit Behindertenausweis in Neu-Isenburg jeweils haben, um intensiv an den Zielgruppenthemen zu arbeiten. Im Juni wurde er in den Magistrat gewählt, im Juli teilte ihm Bürgermeister Herbert Hunkel (parteilos) das neue Dezernat zu. ann

Für Fontaine ist Barrierefreiheit nicht nur das, was in der UN-Behindertenrechtskonvention steht: die selbstständige Teilnahme von Menschen mit Einschränkungen am Leben. Für ihn beginnt die Barrierefreiheit im Kopf. Die Vorurteile bei Nichtbehinderten abzubauen, das ist ihm wichtig. „Wenn wir irgendwann so weit sind, dass ein Rollstuhl als selbstverständlich wie ein Fahrrad gesehen wird, haben wir viel erreicht“, sagt er.

Als Nichtbehinderter im Rollstuhl unterwegs

Um nachzuempfinden, wie es Behinderten geht, hat er sich selbst in den Rollstuhl gesetzt, hat versucht, sich einen Tag lang damit zu bewegen. Die Herausforderungen seien gewaltig. „Ich bin oft an Grenzen gestoßen, an denen ich nicht weiterkam.“

Drei Stunden lang hatte er auch schon eine Dunkelmaske auf, mit der er nichts sah. „Plötzlich sind Geräusche extrem laut, weil einer der fünf Sinne ausfällt, mit denen Menschen ausgestattet sind. Man hat das Gefühl, es platzt einem das Trommelfell, gerade wenn man an Kreuzungen steht.“

Andere Städte sollten sich ein Beispiel nehmen

„Sehr glücklich“ sei er gewesen, als der Bürgermeister auf die Idee gekommen sei, das Dezernat für Inklusion und Barrierefreiheit einzuführen. Schließlich gebe es in der Stadt 6622 Menschen, die einen Behindertenausweis hätten. „Nicht nur Neu-Isenburg braucht einen solchen Posten. Der würde vielen Städten und Gemeinden gut tun“, ist Fontaine überzeugt.

Überhaupt hinke Deutschland in punkto Barrierefreiheit hinterher. An Bahnhöfen gebe es beispielsweise immer wieder Probleme. Der Fahrstuhl gehe oft nicht, die Rampen seien teilweise sehr steil für Rollstuhlfahrer. „In Frankfurt hatten wir da schon Erlebnisse, die waren, gelinde gesagt, spannend“, sagt er und berichtet von Rollstuhlfahrern, die laut Bahn zur nächsten Haltestelle fahren sollten und dann mit der S-Bahn zurück. Dann könne der Fahrstuhl auf der anderen Seite genutzt werden. „Das ging über Wochen und Monate, weil der Fahrstuhl nicht repariert wurde.“ Die Sensibilisierung fehle, stellt er fest. Dabei betreffe das Thema ja nicht nur Behinderte oder Menschen mit einem Rollator, sondern auch Eltern mit einem Kinderwagen. Auch die will Fontaine in den Blick nehmen.

Fünfjährige Arbeit mit festen Zielen

Er wolle „nicht den Grüßaugust geben“, betont er. „Dass außer sinnlosem Gerede nichts rumkommt, ist nicht der Anspruch, den ich habe.“ Deshalb baut er das Thema Inklusion gerade konzeptionell auf. Er hat mehrere Säulen für seine fünfjährige Arbeit identifiziert: Bauliche Maßnahmen will er begleiten, Vermieter über Möglichkeiten aufklären, ihre Bausubstanz barrierefreier zu gestalten, sie über Zuschüsse vom Staat informieren. Bei der Planung von Neubauten will er behinderte Menschen integrieren, um Fehler zu vermeiden. Als Beispiel nennt er eine Sporthalle, die zwar barrierefrei geplant wurde, bei der die Feuertüren aber so schwer sind, dass ein Rollstuhlfahrer sie nicht alleine öffnen kann.

Menschen, die schwere Texte nicht aufnehmen könnten, müsse mit einer leichten Sprache geholfen werden. Bei Veranstaltungen müsse außerdem mit Gebärdedolmetschern gearbeitet werden. Überhaupt will er Menschen mit und ohne Behinderung so zusammenbringen, „dass sie miteinander Spaß haben“. Als er sein Paradebeispiel nennt, wird er enthusiastisch: Das inklusive Sportfest in Frankfurt sei „eine total geniale Geschichte“. Auch barrierefreie Spielgeräte seien durchaus ein praktikabler Weg. Dass Behindertenparkplätze immer wieder zugeparkt würden, zeige, wie wichtig es sei, die Bevölkerung zu sensibilisieren.

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