+
Traumhaft schön: die Landschaft im patagonischen Nationalpark Torres del Paine.

Naturfotografie

Der neben dem Puma ruht

  • schließen

Ingo Arndt, Fotograf aus Langen, hat weltweit einzigartige Bilder von den goldenen Jägern in Patagonien gemacht.

Herr Arndt, wie geht’s?
Ich habe eine Knochenhautabschürfung am Schienbein, einen Bänderriss, Erfrierungen an der Nase und eine Erkältung …

Au weia!
Aber die Bilder waren es wert, das ist das Wichtigste.

Wo kommen Sie gerade her?
Ich war in Sibirien unterwegs, am Baikalsee, da ist um diese Jahreszeit alles komplett zugefroren. Perfekt, um Eisdetails zu fotografieren, riesige Eisblöcke, kristallklar. Sie sehen Blaseneinschlüsse und alles Mögliche, wirklich ein Highlight für einen Fotografen. Man kann sich richtig Zeit nehmen. Es rennt nichts weg. Das ist nicht wie bei den Pumas.

Man stellt sich Ihr Leben vor als Abfolge unfassbarer Erlebnisse.
(lacht) Ich mache das ja seit 30 Jahren, da ist es schon fast zum Alltag geworden. Aber manchmal muss man sich besinnen: Was mache ich da – wie privilegiert bin ich eigentlich?

Andere fragen sich: Wie kriegt er bloß diese Puma-Fotos hin? Sie sitzen ja nicht einfach da und …
… doch, man sitzt tatsächlich oft da und beobachtet, was passiert. Aber gerade in den Jagdsituationen braucht man viel Erfahrung. Man muss ein bisschen vorahnen, wie so eine Jagd abläuft.

Eine Jagd, wie Sie sie in Ihrem Buch als ganze Strecke zeigen?
In diesem speziellen Fall geht es damit los, dass Sarmiento, das Puma-Weibchen, bei dem Angriff die Guanako-Herde erst mal verscheucht. Wir denken schon, das war’s für heute. Aber dann bleibt ein einzelner Hengst übrig, oben auf einem Plateau. Die Jägerin legt sich hin und wartet eine Stunde, und das Guanako vergisst offenbar einfach, dass noch ein Puma in der Nähe ist, fängt an zu fressen, und in dem Moment ist nicht nur der Puma aufgestanden, sondern auch ich.

Die Jagd beginnt.
Ich verteile meine Fährtenleser und gehe vor das Guanako, weil ich fotografieren will, wie der Puma angreift. Pumas springen von hinten drauf und versuchen, an den Hals zu kommen. Also postiere ich mich davor. Das Guanako läuft und läuft, immer geradeaus. Ich weiche immer weiter zurück.

Muss man Geduld haben als Tierfotograf?
Wie kommen Sie darauf? Oh ja, aber ich war ganz schön genervt, weil das Guanako nicht aufhörte, da rumzulaufen, und der Puma hat sich viel Zeit gelassen beim Anschleichen. Ich habe den teils gar nicht gesehen in dem hügeligen Gelände. Die machen sich auch unglaublich flach. Es ist faszinierend. Man kann gar nicht glauben, dass sich so ein großes Tier so klein machen kann.

Und dann rennt der Puma los?
Irgendwann kommt der Funkspruch von dem Tracker, der alles überblickt. Er sagt nur: zehn Meter. Da weiß ich, es geht los. Ich fokussiere nur noch auf den Hals des Guanakos und warte, bis der Puma losspringt –den ich nicht sehen kann. Ich sehe nur etwas springen und fotografiere einfach so viel, wie es geht, einfach draufballern, 16 Bilder in der Sekunde kann die Kamera. Viereinhalb Sekunden dauert die ganze Jagd nur. Ich achte darauf, dass ich den Fokus auf dem Hals halte, da muss der Puma sich festbeißen und das Guanako nach unten ziehen. Ich kriege gar nicht groß mit, wie das Bild nun aussieht, sondern bin nur darauf konzentriert, den Fokus zu halten.

Spüren Sie da schon, dass etwas Besonderes passiert?
Das Einzige, was ich in Erinnerung habe, als die Situation vorbei ist: dass der Puma am Hals hing. Da weiß ich, ich hab was. Die Kamera ist da noch am Rechnen, weil sie total viele Bilder gemacht hat, und ich gebe den Jungs über Funk Bescheid: Ich hab’s! Dann gucke ich kurz aufs Display, und sehe die Bilder, die ich auch im Kopf habe. Als ich wieder bei meinen Fährtenlesern bin, fallen wir uns erst mal um den Hals.

Wie lang hatten Sie auf diesen Moment hingearbeitet?
Fünf Monate und viele, viele erfolglose Jagden! Es war eine große Anspannung – und dann so eine gute Situation. Wir waren total happy. Dann wollten die Jungs die Bilder sehen, ich drücke aufs Display – und dann kommen die ersten Bilder, die ich gar nicht realisiert habe beim Fotografieren. Das waren noch bessere! So etwas ist noch nie fotografiert worden.

Von keinem Fotografen der Welt?
Der Mann, Hugh Miles, der den ersten Film über Pumas in Patagonien drehte, vor 25 Jahren etwa, hat drei Jahre lang ein Puma-Weibchen an sich gewöhnt. Und er hat keine einzige Guanako-Jagd in seinen Film bekommen – in drei Jahren.

Ihre Jagdfotos springen einen ja richtig an.
Sie werden beim „World Press Foto“-Wettbewerb ausgezeichnet. Ob es der erste, zweite oder dritte Preis ist, wird erst am 11. April in Amsterdam bekanntgegeben. Wo ich die Bilder auch eingereicht habe, sind sie überall im Finale.

Warum wollten Sie ausgerechnet zu den Pumas?
Das Beste, was einem Tierfotografen passieren kann, ist, dass er ein großes attraktives Säugetier findet, über das er die erste Geschichte fotografieren kann. Ich bin nach Washington geflogen zum Magazin „National Geographic“, noch an demselben Tag war klar: Die Geschichte wollen wir machen. Aber das war nur die Hälfte der Kosten, ich brauchte noch Sponsoren. Und was liegt näher, wenn man eine Pumageschichte fotografiert, als bei einem gewissen Sportartikelhersteller in Herzogenaurach nachzufragen? Ich bekam ein Leichtathleten-Sponsoring für ein Jahr.

Man sieht im Buch die kleinen Pumas erwachsen werden. So lang sind sie vor Ort geblieben?
Nein, ich bin mehrmals nach Patagonien gereist, aber jeweils für einen langen Zeitraum am Stück, insgesamt sieben Monate.

Sie beschreiben, dass die Pumas Vertrauen fassten. Einer hat sich in Ihrer Nähe schlafen gelegt – wie umwerfend ist das denn?
Das ist sicher eine der emotionalsten Sachen, die ich überhaupt erlebt habe, das war schon unglaublich. Speziell dieses eine Weibchen, fast ausgewachsen zu dem Zeitpunkt, ein Jungtier von Sarmiento, war besonders neugierig. Das hatte wirklich Vertrauen gefasst. Es war ganz klar, dass die Puma-Familie mich kannte nach ein paar Monaten, die ich sie immer wieder begleitet hatte. Pumas können individuell Menschen unterscheiden.

Unabhängig von der Kleidung?
Selbst wenn du jemanden in die Kleider eines anderen steckst, der sie die ganze Zeit beobachtet hat, merken die Pumas den Unterschied. An dem Tag hatte ich mich 40 Meter entfernt zu einem Gebüsch gesetzt, weil ich wusste, die sind da drin. Sie haben mich natürlich gesehen, ein Puma sieht dich immer, bevor du ihn siehst.

Und dann?
Plötzlich kam dieses fast ausgewachsene Jungtier auf mich zu, da schluckt man erst mal, aber die Körpersprache war total entspannt. Überhaupt nicht Jagdmodus, sondern Neugier. Es hat sich 15 Meter vor mir auf einen wunderbaren Platz gelegt, es waren die letzten paar Minuten des schönsten Abendlichts, dann kurz eingeschlafen, gegähnt, mich angeguckt – ich konnte fotografieren, wie ich wollte. Zum Schluss ist es sogar auf so einen kleinen Felsen neben mir geklettert. Meine Tracker konnten es gar nicht fassen. Als Tierfotograf sagt man: Das größte Kompliment, das dir ein Tier machen kann, ist, wenn es vor dir einschläft.

Wurde es auch mal gefährlich?
Ein Jungtier des Weibchens Colmillo war ein bisschen schwierig. Das kam oft eben nicht im entspannten Modus, sondern in einem aggressiven: Wie weit kann ich gehen, so ungefähr. Und da hatte ich schon Probleme, das auf Abstand zu halten. Darum haben wir beschlossen: Wenn wir zur Colmillo gehen, muss immer einer der Tracker direkt neben mir stehen und um mich rum alles im Auge behalten. Sonst fotografiert man einen Puma, und der nächste schleicht sich von hinten ran.

Klingt haarsträubend.
Es gibt tödliche Unfälle, es sind große, gefährliche Raubkatzen. Man darf das nicht unterschätzen. Auch wenn sie einen kennen, das Tier braucht nur im Spieltrieb zu sein, einen Scheinangriff zu machen, man verhält sich falsch, dreht sich weg, macht sich klein, dann springen sie auf einen drauf.

Im Buch sprechen Sie den zunehmenden Druck auf den Lebensraum der Pumas an.
Es ist wichtig, die Leute gescheit durch den Park zu lenken. Außenrum gibt es Hotels, die die Leute anziehen, und nun wird noch ein Kanal ausgebaggert, damit die großen Schiffe da durchfahren können. Das heißt, die Leute werden mit dem Bus in den Park gekarrt, sind drei Stunden drin und werden wieder zu ihrem Kreuzfahrtschiff zurückgebracht. Das war’s dann.

Was muss geschehen?
Man muss die Gruppengröße der Besucher limitieren, dass die Pumas nacheinander besucht werden und nicht alle zu einem Puma gehen, weil der kleine Junge hat. Wenn da zehn Leute sind, fühlt der Puma sich schon sehr gestört und verkriecht sich. Auf der anderen Seite ist es so: Gäbe es dort keinen Pumatourismus, würden die Schafhalter einfach die Pumas illegal abschießen, wie sie es schon auf vielen Farmen machen. Das sagen die auch ganz geradeaus. Ein Farmer hat mir erzählt, dass er in seinem Leben über 100 Pumas erschossen hat.

Es geht ums Geld, oder? Um die Lebensgrundlage der Menschen?
Ja, klar. Mitunter wird der Puma als Problemtier dargestellt. Aber der Puma war schon immer dort. Der Mensch kam irgendwann und fing an, Schafe zu züchten, wo es Pumas gibt. Dann gibt’s Probleme. Aber warum muss dann der Puma abgeschossen werden, statt sich was zu überlegen? Etwa: Hunde entsprechend zu trainieren. Aber das ist den Schaffarmern alles zu teuer. Eigentlich hätte es der Mensch besser wissen müssen, als da hinzugehen, wo die Pumas viel länger waren.

Colmillo zeigen Sie auf einem Foto verwundet, ein Fangzahn hängt ihr aus dem Maul heraus. Ist das ein Todesurteil?
Dachten wir auch. Der Unfall ist wohl so passiert, dass sie ein Guanako jagte, das dann austrat, ich denke, sie hat einen Huftritt ins Gesicht bekommen. Aber sie lebt glücklicherweise noch – sie ist vor kurzem gesehen worden.

Person & Buch

Ingo Arndt, geboren 1968, fotografiert seit rund 30 Jahren die Natur rund um den Globus. Was er findet, erscheint in renommierten Magazinen wie Geo, Stern, National Geographic oder BBC Wildlife. Für seine Fotos erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den World Press Photo Award.

„Pumaland – Im wilden Patagonien“, sein neuer Bildband, ist im Knesebeck-Verlag erschienen, hat 192 Seiten und 206 farbige Abbildungen und kostet 45 Euro.

Sein Bildband „Architektier“ (2013) war unter anderem Basis einer vielbeachteten Ausstellung im Senckenberg-Museum. Zuletzt erschien von ihm „Grasland“ (2017).

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare