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Nazar tanzt jetzt in Hessen

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Von: Anne Lemhöfer

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Musical-Stars: Nazar (links) und sein Freund Vincent führen in der Theaterschule Stagecoach ein Musical auf, das sich um den mexikanischen Tag der Toten dreht.
Musical-Stars: Nazar (links) und sein Freund Vincent führen in der Theaterschule Stagecoach ein Musical auf, das sich um den mexikanischen Tag der Toten dreht. © Privat

Von Krywyj Rih nach Dreieich: In der Musicalschule Stagecoach tanzen und singen auch geflüchtete Kinder aus der Ukraine mit.

Es ist noch gar nicht lange her, da konnten Tourist:innen die Eisenerz-Mine in Krywyj Rih besichtigen. Wer wollte, konnte in der südukrainischen Großstadt sogar in die Grube hinunterfahren und riesige Lastwagen aus der Nähe sehen, deren Räder die Größe eines Einfamilienhauses haben. 800 Fußballfelder groß ist die Mine, der Bergbau hat sich bereits 404 Meter tief in die rotbraune Erde gefressen.

Natürlich gibt es noch mehr Dinge, die man in Krywyi Rih tun kann, oder zumindest bis zum 24. Februar tun konnte: Fußball spielen, Rechnen lernen, mit Mama und Papa am Abendbrottisch sitzen, mit dem kleinen Bruder Quatsch machen. Das alles hat jedenfalls Nazar Ozipenko getan, der vor kurzem sieben Jahre alt geworden ist. Doch dann kam der Krieg. Die Bomben fielen.

1800 Kilometer von der Ukraine nach Dreieich

Nazar ist ein sanfter, aufgeweckter Junge, dem man beim Spielen ansieht, wie viele lustige Ideen er hat. Im März ist er mit seiner Familie 1800 Kilometer im vollgepackten Auto gefahren, Tag und Nacht, von Krywyj Rih in der ukrainischen Oblast Dnipropetrowsk bis nach Deutschland, ins hessische Dreieich. Dreieich hat keine Eisenerzmine zu bieten, dafür gibt es die Burg Hayn und viele alte Fachwerkhäuser. Nazar und seine Familie sind aus ihrer Heimat geflüchtet, die jeden Tag ein Stück mehr zerstört wird. Für hessische Idylle haben sie wenig übrig, wichtig ist die Internetverbindung nach Hause. Sie wollen nicht bleiben, aber die Tage mit schönen Dingen füllen, das ist eben auch in der Fremde wichtig. So gibt es in Dreieich außer hübschem Fachwerk noch die Theaterschule Stagecoach, die jeden Mittwoch in den Räumen der Strothoff-International-School gastiert.

„Kommt, das geht noch besser, noch fröhlicher!“, ruft die Schulleiterin Lenka Wolf. Sie hat Spenden gesammelt, die die Unterrichtsgebühren für zwei Kinder von geflüchteten Familien zum Teil abdecken. 20 Jungen und Mädchen zwischen fünf und sieben Jahren blicken sie ernst an. Die Musik spielt „You make me un poco loco, un poquititito loco …“ Zwei Schritte nach links, zwei Schritte nach rechts, und alles synchron in einer Reihe, dann noch die richtigen Armbewegungen, hoch, runter, zur Seite, und noch mal. Gar nicht so leicht.

Flüchtling aus der Ukraine führt Musical auf

Nazar ist konzentriert bei der Sache, die Schritte sitzen, was sie auch müssen: Kommende Woche führen die Kinder von Stagecoach das Musical „Miguel – mehr als nur Musik“ auf, in Anlehnung an den Disney-Film Coco. Ein anspruchsvolles Werk, nicht nur, weil es dreisprachig ist: deutsch, spanisch und englisch.

Der mexikanische Junge Miguel liebt Gitarrespielen, darf es aber nicht, weil seine Familie Musik hasst. Klar, denn der Uropa hat seine Frau und die kleine Tochter Coco einst verlassen, um eine Band zu gründen. Am Dia de los Muertos, dem Tag der Toten, vermischen sich in Mexiko nach altem Glauben die Welt der Lebenden und die der Toten, sie feiern zusammen ein fröhliches Fest, geschmückt wird das Land mit bunten Totenköpfen – genau wie die Bühne in Dreieich. Miguel will sich ins Totenreich einschmuggeln, um den Uropa zu finden und um seinen Segen zu bitten: den Segen, endlich Gitarre spielen zu dürfen.

Die Generalprobe gelingt

Es geht um ein Wandern zwischen den Welten und um Zwischenstationen, um Freundschaft und Familie. Kein leichter Stoff, komplex und vieldeutig. Die Familie ist wichtig, lautet die Botschaft. Aber die eigenen Träume sind es auch. Und manche Menschen sind böse.

D ie Generalprobe gelingt, auch wenn Nazar zwischendurch einen Schuh verliert und kurz aus dem Rhythmus gerät. „Immer nach vorne spielen, kein Popotheater, wir wollen nicht eure Rückseiten sehen …“ ruft Lenka Wolf. Leidenschaftlich klingt das, humorvoll und ein bisschen streng, denn ehrgeizig sind hier alle. Lenka Wolf eröffnete 2014 die Stagecoach-Schule Frankfurt-Südost, und wegen großer Nachfrage 2019 auch die Mittwochsschule in Dreieich. Stagecoach ist ein Franchise-Unternehmen mit Schulen in vielen Ländern. Auch Emma Watson, die Hermine-Darstellerin aus den Harry-Potter-Filmen, hat bei Stagecoach Theaterspielen gelernt.

L enka Wolf ist selbstständige Tanz- und Theaterpädagogin und bereits in Madrid, Leipzig und Frankfurt aufgetreten. Ein Stück heile Welt ist die Stagecoach-Bühne nicht, das weiß Wolf und so würde sie es auch nicht formulieren: „Die Kinder wollen natürlich alle am liebsten zurück in die Ukraine, für die Familien ist das hier eine Zwischenstation, doch ich möchte dazu beitragen, dass die Kinder wenigstens ein paar Stunden in der Woche einem schönen Hobby nachgehen, Freude haben und mit deutschen Schülern gemeinsam auf der Bühne stehen.“

„Ich will meinen Papa wiedersehen“

W as wünscht sich Nazar? „Ich will meinen Papa wiedersehen“, sagt er ohne zu zögern. Nazars Vater kämpft an der ukrainischen Ostfront, er hat ihn seit Monaten nicht mehr gesehen. Sein Freund Vincent aus der ersten Klasse der Selma-Lagerlöf-Grundschule in Dreieich-Buchschlag hat ihn mit zu Stagecoach genommen. Vincent hat russische Wurzeln, seine Mutter hilft Nazars Familie bei Behördengängen. „Ich weiß, Putin hat diesen Krieg angefangen. Es ist schlimm, was in der Ukraine passiert“, sagt er. Dann schnappen sich die beiden ein Spielzeugauto und tollen über den Schulhof. Ausgelassen und bedrückt, bei Nazar wechseln sich die Stimmungen ab. Neulich hatten sie Handwerker in der Wohnung. Die Männer haben ihm eine kleine Bohrmaschine geschenkt, die Nazar wie einen Schatz hütet. „Die nehme ich auf jeden Fall mit in die Ukraine, wenn wir zurück dürfen.“

Zwei Stockwerke höher im Schulgebäude singt die Gruppe der Älteren, auch sie proben für „Miguel“. Hier trägt die 17-jährige Daria Melnikova heute einen Sombrero und übt ein letztes Mal die schwierige Choreographie und die Lieder in einer Sprache, die nicht die ihre ist. „Ich flieg zwischen den Welten hin und her …“, heißt es im Text, und irgendwie passt der Satz auch auf ihr Leben. Entspannt, in sich ruhend und souverän tanzt, singt und spielt Daria auf der Bühne. In der Pause jedoch erzählt sie, dass sie erlebt hat, wie zu Hause in Kiew ein Nachbarhaus zerbombt wurde, „mitten in der Nacht“. Einige Tage später trafen russische Flugzeuge ein Krankenhaus in der Nähe.

Traumatisierende Erfahrungen

Daria wirkt ruhig und gefasst, als sie von diesen traumatisierenden Dingen erzählt. Der Krieg ist plötzlich ganz nah, mitten in Hessen, in einem Klassenzimmer. Das schlanke, braunhaarige Mädchen ist mit der Mutter, dem Stiefvater und drei Geschwistern nach Neu-Isenburg gekommen, der Stiefvater durfte mitkommen, „weil wir so viele Kinder sind“. In Kiew hat Daria in einem Chor gesungen, sie ist oft aufgetreten. Kurz vor Kriegsbeginn hat sie ihr Abitur geschafft. „Am liebsten würde ich hier bleiben und programmieren lernen oder Psychologie studieren“, sagt sie.

W elten wechseln, Abschied nehmen, trauern, zwischendurch tanzen: Bei Stagecoach können Nazar und Daria zumindest einige Stunden etwas ganz anderes tun, als sich mit der Frage zu beschäftigen, wie es denn weitergeht mit ihrem Leben, morgen, nächsten Monat, nächstes Jahr. Diese Möglichkeit möchte Lenka Wolf noch weiteren Kindern und Jugendlichen aus der Ukraine eröffnen: Freie Plätze gibt es noch beim Stagecoach-Sommerworkshop in Frankfurt für die Zeit vom 1. bis 5. August. Wer Interesse hat, und den Kontakt und die Übersetzung zu einer ukrainischen Familie herstellen kann, kann sich per E-Mail melden:

frankfurtsuedost@stagecoach.de

„ Die Organisation und Übersetzung ist nicht immer einfach. Glücklicherweise gibt es Mütter, Lehrkräfte und Schüler bei Stagecoach, die Russisch oder Ukrainisch sprechen und übersetzen“, sagt Lenka Wolf. „Aber wenn jede und jeder in seinem Bereich Geflüchtete unterstützt, können wir einlösen, was eine demokratische Gesellschaft bedeutet.“

N azar hat seinen Schuh wiedergefunden, Daria tauscht Tanzschläppchen gegen Sneaker. Der Alltag hat sie wieder, die Gegenwart eines heißen Julitages mitten in Hessen – mit immerhin einem festen Termin in der unsicheren Zukunft: Die Musical-Aufführung von „Miguel – mehr als nur Musik“.

Generalprobe geglückt. Jetzt fiebern alle auf die große Show hin.
Generalprobe geglückt. Jetzt fiebern alle auf die große Show hin. © Privat
Daria (17) flüchtete aus Kiew.
Daria (17) flüchtete aus Kiew. © Privat

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