+
Nancy Faeser legt Wert auf pragmatische Politik.

Sozialdemokratie

Nancy Faeser, das Gesicht der Hessen-SPD

  • schließen

Die designierte Vorsitzende der hessischen SPD, Nancy Faeser, mag eine „im Leben stehende Partei“. Am Samstag will sie Chefin werden

Die politische Karriere der Nancy Faeser ist nicht leicht verlaufen, aber leichter als die Geburt ihres Sohnes Tim. Mehrere Monate lang bangten sie, ihre Familie und ihre Genossinnen und Genossen in der hessischen SPD, 2015 um die Gesundheit der werdenden Mutter und ihres Kindes. Doch alles ging gut.

Kein Wunder, dass das Foto des kleinen Tim der erste Einrichtungsgegenstand war, den die designierte hessische SPD-Vorsitzende ins neue Büro nahm, als sie im September zur SPD- Fraktionschefin im hessischen Landtag gewählt worden war. Die Erinnerung an diese persönliche Krise hat Faeser geprägt – und ihr gezeigt, dass es manchmal wichtigere Dinge gibt als die Politik. Selbst für eine Vollblutpolitikerin wie Nancy Faeser.

In jenen Monaten im Jahr 2015 haben die hessischen Sozialdemokraten aber auch gespürt, wie schmerzlich ihnen Faeser an allen Ecken und Enden fehlt, wenn sie ausfällt. Als pointierte Rednerin, als Parteigeneralsekretärin, als Innenpolitikerin und Juristin, als hartnäckige Abgeordnete in Untersuchungsausschüssen und als gut gelaunte Integrationsfigur.

Faeser will SPD-Chefin werden

Am Samstag stellt sich die 49-jährige Schwalbacherin im nordhessischen Baunatal zur Wahl als hessische SPD-Chefin. In einem anderen Bundesland wäre Nancy Faeser längst Ministerin. In Wiesbaden hat das nicht geklappt, denn ausgerechnet im jahrzehntelang roten Hessen sind die Sozialdemokraten seit 20 Jahren nicht mehr in die Regierung gekommen. Das soll die bisherige SPD-Generalsekretärin ändern. Nach drei Anläufen mit ihrem glücklosen Vorgänger Schäfer-Gümbel dürfte die hessische SPD mit Faeser in die nächste Landtagswahl ziehen.

SPD-Parteitag
Die hessische SPD veranstaltet am Samstag ab 10 Uhr in der Stadthalle Baunatal ihren Landesparteitag.

Thorsten Schäfer-Gümbel nimmt nach fast elf Jahren an der Parteispitze seinen Abschied. Nancy Faeser, bisher Generalsekretärin, soll ihm nachfolgen.

Christoph Degen, Bildungspolitiker im Hessischen Landtag, ist als neuer Generalsekretär vorgesehen. Die Parteispitze hat Leitanträge vorgelegt zum Kampf gegen rechts, zur Ökologie, zur Verkehrswende und für gut entlohnte Arbeit.

Inhaltlich stehen sich die beiden nicht fern mit ihren Schwerpunkten in der Bildungs-, Verkehrs- und Wohnungspolitik. Doch im Stil unterscheiden sie sich enorm. Nancy Faeser lacht viel, umarmt viele und fühlt sich sichtlich wohl, wenn sie unter Leuten ist. Vielleicht ist es ein Erbe ihrer Familie, die aus Duisburg kam. Nancy Faeser beherrscht es, Kumpel zu sein, sie kann aber auch deutliche Töne finden wie in einer Bierkneipe im Ruhrpott.

Richtung Staatskanzlei

Faesers Großvater war ein einfacher Arbeiter bei der Bahn. Sie sei die Erste gewesen in ihrer Familie, die habe studieren können. Das hat sie mit Schäfer-Gümbel gemeinsam. Beide stammen aus sozialdemokratischen Familien. Ihr Vater und alle vier Onkel und Tanten seien Mitglieder der nordrhein-westfälischen SPD gewesen. „Das ist eine sehr pragmatische, sehr im Leben stehende Partei“, schildert sie. „So bin ich sozialisiert worden.“

Vater Horst Faeser war nach dem Umzug nach Hessen bereits sehr erfolgreich politisch tätig. Von 1988 bis 2002 amtierte er als Bürgermeister von Schwalbach, der Stadt im Main-Taunus-Kreis, in der Nancy Faeser aufgewachsen ist. Anschließend wurde Horst Faeser zum ersten Direktor des Planungsverbands Rhein-Main gewählt. Ein Jahr später, 2003, starb er überraschend an einem Herzinfarkt. Seine Tochter war gerade ein halbes Jahr vorher in den Landtag eingezogen.

Als eine der wenigen Juristinnen in der SPD-Fraktion hatte Nancy Faeser von Anfang an eine herausgehobene Rolle inne. So kam es keineswegs überraschend, dass sie schon am Ende ihrer ersten Wahlperiode, 2008, als Schattenjustizministerin der damaligen SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti ausgewählt wurde. Schon damals verhandelte Faeser einen rot-grünen Koalitionsvertrag mit aus – der aber nicht umgesetzt wurde, weil Abweichler aus der SPD die Wahl Ypsilantis nicht mitmachten. Seinerzeit erwies sich Faeser als Brückenbauerin, die zwischen ihrem eigenen Realoflügel und den Parteilinken vermittelt hatte – wenn auch letztlich vergebens.

Im Laufe der Jahre festigte sie diese Position und erscheint vor dem Parteitag unangefochten in der Hessen-SPD. In den vergangenen Monaten ließ sie die Chance verstreichen, Bundesjustizministerin zu werden, und verzichtete auch auf die Gelegenheit, als Oberbürgermeisterin von Wiesbaden zu kandidieren. Faeser hat sich entschieden, dass ihr Weg Richtung Staatskanzlei weitergehen soll. Einen großen Schritt dazu will sie am Samstag machen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare