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Pitt von Bebenburg

Gut gebrüllt

Närrische Prozente

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Ein Kegelstübchen in Weilburg beschäftigt das Parlament. Die Kolumne aus dem Landtag.

Man könnte es für eine närrische Idee halten, aber es ist wahr: Wer in der Hotelbar eines Frankfurter Traditionshauses zwei Whisky zum Preis von einem trinken möchte, muss dafür nachweisen, dass er eine betriebliche Berufsausbildung absolviert.

Es sieht plüschig aus in der Bar und eher nicht so, als ob regelmäßig schweißnasse Tiefbaufacharbeiter ihren Feierabend dort ausklingen lassen würden. Aber vielleicht ändert sich das ja.

Hat der Gast die neue hessische Azubi-Card zur Hand, gibt es das zweite Getränk in der Lobbybar umsonst. Klingt so, als ob angehende Industrieelektriker, Werkzeugmechaniker oder mathematisch-technische Softwareentwickler dringend einen Schnaps gebrauchen könnten.

Auch bisher erhielten Auszubildende allerhand Vergünstigungen, denn als Berufsschüler verfügen sie über einen Schülerausweis. Aber mit welchem Schülerausweis gibt es schon zwei Whisky zum Preis von einem?

Vielleicht war es eine närrische Idee von den Grünen, die Azubi-Card ausgerechnet zum Auftakt des Karnevals zum Thema im Hessischen Landtag zu machen. Das bot dem FDP-Abgeordneten Stefan Naas die Bühne, um seinen Vortrag im Stile einer launigen Büttenrede zu halten.

Mit der Lobpreisung einer Karte, die vergünstigten Alkoholausschank ermöglicht, habe die schwarz-grüne Koalition „wohl ein bisschen die Bodenhaftung verloren“, urteilte Naas. Er persönlich würde andere Angebote vorziehen, witzelte er, und zitierte aus der Liste der Vergünstigungen: „20 Prozent auf Herrenrasierer, Bartschneider, Ladyshaver“ oder „10 Prozent auf alle Speisen und Getränke im Kirschhöfer Kegelstübchen in Weilburg“.

Da keimte Gelächter im Saal auf, was Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir fuchste. Niemand solle die Bedeutung der Azubi-Card ins Lächerliche ziehen, mahnte der Minister. Es gehe schließlich um Wertschätzung für diejenigen, die eine berufliche Ausbildung einschlügen. Das Ganze sei, wenngleich eine Aktuelle Stunde der Grünen, natürlich keineswegs als Werbung für die Landesregierung gedacht, sondern als Unterstützung für eine Initiative der Industrie- und Handelskammern und der Handwerkskammern, der Landesärztekammer und der Landeszahnärztekammer.

„Das ist doch nicht meine Azubi-Card“, rief Al-Wazir. Doch auch damit erntete er bei den närrischen Kritikern ein Gelächter, das an Karnevalssitzungen erinnerte. FDP-Mann Stefan Naas und Linken-Fraktionschefin Janine Wissler hielten ihm die Titelseite im Online-Auftritt der Azubi-Card entgegen. Dort lächeln den Betrachtern unter dem Titel „Satte Rabatte für Azubis“ nicht etwa die Chefs der Handwerkskammern und der Landeszahnärztekammer entgegen, sondern nur einer: Al-Wazir.

Während die Debatte lief, hatten Kultusminister Alexander Lorz, Innenminister Peter Beuth und etliche andere Abgeordnete bereits ihre halbe Krawatte eingebüßt. Denn es war Weiberfastnacht, und an diesem Datum kennt Umweltministerin Priska Hinz keine Gnade. Wer weiß, wo sie den närrischen Abend ausklingen ließ. Doch nicht etwa beim Whisky in einer Hotelbar?

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