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Auch bei politischen Gegnern beliebt: Finanzminister Thomas Schäfer (CDU).

Nachruf

Nachruf auf den verstorbenen Finanzminister Thomas Schäfer

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Thomas Schäfer war ein ausgleichender Politiker, der gerne untertrieb. Sein politisches Lebenswerk ist herausragend. 

Im vergangenen Oktober, als wir durch die Weinberge von Kloster Eberbach spazierten, hat Thomas Schäfer eine Geschichte aus seinem Leben erzählt, die ihm offensichtlich viel bedeutete. Schäfers Vater hatte 30 Jahre lang die Geschäfte einer lokalen Brauerei geführt. Sie ging pleite, weil der Brauereibesitzer die Nachfolge falsch regelte – mit einem Sohn, der an dem Job nicht interessiert gewesen sei, wie Schäfer berichtete. Sein Vater habe sehr daran gelitten, wie sein Lebenswerk zu Ende gegangen war.

Nun ist Thomas Schäfer tot, gestorben an den Bahngleisen der ICE-Strecke bei Hochheim. Die Polizei geht von einem Suizid aus. Es ist eine unfassbare Nachricht für das politische Wiesbaden.

Gerade jetzt, in den Zeiten der Corona-Krise, war der Finanzminister der Mann, der die entscheidenden Akzente setzte, der einen Riesen-Nachtragshaushalt auf die Beine stellte und dabei stets kühlen Kopf zu behalten schien. Der Politiker aus Biedenkopf im ländlich geprägten hessischen Landkreis Marburg-Biedenkopf war seit vielen Jahren eine Konstante im Politikbetrieb, und er wirkte wie ein Fels in der Brandung.

Mit 1,97 Meter Körpergröße ragte er aus dem Landeskabinett heraus. Zudem brachte der ehemalige Handballtorwart kräftige 110 Kilo auf die Waage. 30 weitere Kilo hatte Schäfer gerade im vorigen Sommer abgespeckt.

Herausragendes politisches Lebenswerk

Auch Schäfers politisches Lebenswerk ist herausragend. Erst vor einer Woche hatte er angesichts der Corona-Krise quasi über Nacht den größten Nachtragshaushalt der Landesgeschichte aus dem Hut gezaubert, zwei Milliarden Euro schwer und mit weiteren Ermächtigungen in Milliardenhöhe ausgestattet. Insgesamt ging es um 8,5 Milliarden Euro, aber gerade Schäfer machte unmissverständlich deutlich, dass er von astronomischen Summen ausging, die am Ende erforderlich sein würden.

Noch am Dienstag legte er einen starken Auftritt vor dem Landtag hin, bei dem er deutlicher als alle anderen Redner klarmachte, für wie dramatisch er die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise hielt. Der Minister sprach von einer „Jahrhundertaufgabe“, deren Bewältigung mehrere Generationen benötigen werde. Vielleicht dachte er in diesem Moment an die Brauerei seines Vaters und daran, wie schwer Firmenpleiten zu verkraften sind.

Schäfer war es auch, der darauf drang, die Zweidrittelmehrheit im Parlament zu relativieren, wenn erneut eine Ausnahme von der verfassungsmäßigen Schuldenbremse nötig sein sollte. Der Minister wollte für den Fall vorbeugen, dass viele Abgeordnete unter Quarantäne stehen würden und der Landtag aus diesen gesundheitlichen Gründen keine ausreichende Mehrheit auf die Beine stellen würde.

Wenn einer in der Landesregierung außer Ministerpräsident Volker Bouffier Erfahrung mit Krisenbewältigung besaß, dann war das Thomas Schäfer. Vor gut zehn Jahren, im Jahr 2009, bestand der damalige Finanz-Staatssekretär seine Nagelprobe während der Opel-Krise. Der Jurist und Bankkaufmann koordinierte in den schwierigen Verhandlungen zur Rettung des Autobauers effektiv die Interessen der Bundesländer mit Opel-Standorten – und der hessische Standort in Rüsselsheim konnte gesichert werden.

Schäfer strahlte bei allen Schwierigkeiten

Auch in der Finanzkrise setzte Schäfer wichtige Akzente. Zuletzt allerdings drang er geradezu händeringend darauf, die Europäische Union möge eine Konsequenz aus der Finanzkrise wieder lockern, indem sie die Kreditvergabe durch die Banken erleichtert. Denn in der Corona-Krise schien es ihm überragend wichtig zu sein, dass die Unternehmen schnell an Geld kommen.

Schäfer strahlte bei allen Schwierigkeiten, egal wie groß sie schienen, immer Zuversicht aus. Auf Facebook kommentierte er in dieser Woche seinen Landtagsauftritt mit den Worten: „Zum Reinschauen vielleicht etwas für Zeitgenossen, die das Laute, Martialische und den Leuten alles Versprechende nicht mehr so richtig hören können oder wollen.“ Dann zitierte er sich selbst: „Wir können leider nicht zaubern, sondern nur alles Menschenmögliche tun, um Schaden von unserem Land abzuwenden!“ In der CDU und darüber hinaus galt Schäfer schon lange als Kronprinz von Ministerpräsident Volker Bouffier. Auf der Landesbühne hatte er als Büroleiter von Justizminister Christean Wagner (CDU) und später von Ministerpräsident Roland Koch (CDU) reüssiert. 2005 ging er ins Justizministerium als Staatssekretär. Vier Jahre später wechselte er als Staatssekretär ins Finanzministerium unter Karlheinz Weimar (CDU), dem er 2010 im Amt nachfolgte.

Schäfer, Vater zweiter Kinder, war beliebt. Er saß gerne lange mit anderen zusammen und parlierte jovial. Der Minister war durch die Junge Union geprägt, er hatte ein klar konservatives Profil zu bieten, war aber zugleich als Pragmatiker von allen Seiten geschätzt. So machte er sich für eine CO2-freie Landesverwaltung stark zu einem Zeitpunkt, als eine Koalition der Union mit den Grünen den meisten noch sehr unwahrscheinlich erschien. Doch er hatte auch zu Sozialdemokraten einen besseren Draht als andere Unionskollegen.

Dazu hat manche pragmatische Entscheidung beigetragen. So holte er, als der Staatssekretärsposten in seinem Ministerium 2017 neu zu besetzen war, nicht etwa eine aufstrebende Kraft der CDU zur Profilierung ins Amt. Nein, er machte den langjährigen Leiter seiner Haushaltsabteilung, den Fachmann Martin Worms, zum Staatssekretär. Bemerkenswert war auch, dass es ihm nach vielen Jahren und mehreren Anläufen gelang, sich mit früheren Steuerfahndern zu verständigen. Sie waren zur Amtszeit von Schäfers Vorgänger Karlheinz Weimar mit falschen psychiatrischen Gutachten aus dem Dienst entfernt worden. Besonders stolz war er darauf, dass er bei der jüngsten Landtagswahl im Jahr 2018 sein Direktmandat in Marburg-Biedenkopf erobern konnte, das vorher von seiner SPD-Widersacherin Angelika Löber gehalten worden war – und auf seine bundesweiten Erfolge als mehrfacher Vorsitzender der Finanzministerkonferenz.

Bodenständige Tour

Als Finanzminister hatte Thomas Schäfer auch den Aufsichtsratsvorsitz der hessischen Staatsweingüter übernommen – von Roland Koch, der das Staatsunternehmen mit Schäfers Hilfe neu aufgestellt hatte. Jetzt floriert es wieder – auch darauf war der Minister stolz, als er, mit Blick über das Rheintal, im Oktober durch die Weinberge lief.

Seine Besichtigungstour damals absolvierte er bodenständig und mit Terminen, die schöne Bilder lieferten: Schäfer bei der Weinlese, Schäfer im Elektrotrecker bei Auszubildenden. Es schien, als ob sich da einer warmliefe für höhere Ämter und zugleich die Gelassenheit behielt zu warten. Denn die Opposition hatte Schäfer bereits zum „Prinz Charles der hessischen Politik“ erklärt, weil er seit Jahren als Bouffiers Kronprinz galt. Den Begriff übrigens wollte er nicht verwenden: Er sei Demokrat und könne mit monarchistischer Terminologie nichts anfangen, gab Schäfer zu verstehen.

Wie er ohnehin immer ein Bonmot auf den Lippen führte. Ein typischer Schäfer: Wenn der Minister etwas für völlig ausgeschlossen hielt, formulierte er gerne: „Die Wahrscheinlichkeit ist nicht übertrieben hoch, dass …“

Schäfer war ein Mann der Untertreibung, des Understatements, und offenbar hat er auch seinen seelischen Alarmzustand so sehr untertrieben, dass kein Weggefährte ihn für gefährdet hielt. Am Donnerstag noch entschuldigte er sich bei seinen Followern, dass er „hier auf Insta und Facebook so wenig machen“ könne. Er befinde sich „ziemlich heftig im Moment im 24/7-Modus“.

Die Nachfolge von Thomas Schäfer als Finanzminister in Hessen steht fest 

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