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Turgut Yüksel (l., SPD) und Taylan Burcu (Grüne) besuchten die Angehörigen der Hanauer Mordopfer.

Interview

Nach Terror von Hanau: „Man findet keine Worte, sie zu trösten“

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Die türkeistämmigen hessischen Landtagsabgeordneten Turgut Yüksel und Taylan Burcu sehen sich als Brückenbauer zwischen Politik und Angehörigen.  

Unmittelbar nach den tödlichen Schüssen von Hanau sind die türkeistämmigen hessischen Landtagsabgeordneten Turgut Yüksel (SPD) und Taylan Burcu (Grüne) zu Angehörigen der Opfer gefahren, oft gemeinsam. Seither hat es viele Begegnungen gegeben. Im Interview berichten die beiden Politiker aus Frankfurt, wie sie versuchen, Brücken zu bauen.

Herr Yüksel, Herr Burcu, Sie waren in den vergangenen Tagen oft in Hanau, haben Verletzte und Angehörige von Opfern getroffen. Welche Eindrücke haben Sie mitgenommen?
Turgut Yüksel:Ich habe schon nach den Anschlägen in Mölln und Solingen in den 90er Jahren mit Vätern und Müttern geredet, die ihre Kinder verloren hatten. Ich hatte gehofft, dass es nie wieder passieren würde. Ich war jetzt bei der Beerdigung eines 23-jährigen Mannes. Seine Mutter hat geredet und sagte, sie wünsche keiner Mutter, dass sie diesen Schmerz erfahren muss. Ich habe den Vater getroffen. Man findet keine Worte, sie zu trösten. Ich habe zwei Söhne in einem ähnlichen Alter. Ich kann nachvollziehen, wie die Eltern sich fühlen, wenn ein Rassist die Menschen tötet, weil sie anders aussehen.
Taylan Burcu:Es gab eine große Anteilnahme und Solidarität. Das ist bei den Angehörigen und den Freunden auch angekommen. Ich habe das große Leid dieser Familien erlebt, aber auch ihre große Stärke, in diesen Tagen noch einen Auftrag an die Politik zu geben. Die Mutter von Ferhat Ünvar sagte: Tut alles, damit keine andere Mutter ein solches Leid ertragen muss. Das ist etwas Bewundernswertes.

Zur Person

Turgut Yüksel (SPD) gehört dem hessischen Landtag seit 2014 an, nachdem er bereits 2008 für einige Monate ins Landesparlament eingezogen war. Der 63-jährige Frankfurter ist in der Türkei geboren und kam mit 22 Jahren nach Deutschland. Der Diplomsoziologe arbeitete 23 Jahre lang als Bildungsreferent für den Frankfurter Jugendring und war 17 Jahre lang Stadtverordneter im Römer.

Taylan Burcu (Bündnis 90/ Die Grünen) zog 2019 in den hessischen Landtag ein. Der 34-jährige gebürtige Frankfurter mit kurdischen Wurzeln hat Jura studiert, aber noch keinen Abschluss gemacht. Burcu arbeitete vor seiner Wahl ins Parlament in einer Anwaltskanzlei und als Geschäftsführer der Awo-Proserv. Er war von 2016 bis 2019 Stadtverordneter in Frankfurt. pit

Sie waren als Landtagsabgeordnete Vertreter der deutschen Politik. Wie wurde das aufgenommen?
Burcu:Das wurde definitiv positiv aufgenommen. Unser Bedürfnis war es, als wir am Donnerstag direkt dort hingefahren sind und in den Tagen danach, einfach da zu sein. Es ging vor allem darum, mit unserer Präsenz am Schmerz teilzuhaben und zu zeigen, dass die Menschen nicht alleine sind. Wir haben das parteiübergreifend gezeigt, von allen demokratischen Parteien, von allen, die unsere offene, vielfältige Gesellschaft verteidigen. Viele Angehörige haben ihren Dank ausgesprochen, dass man sie in diesen Zeiten nicht alleine lässt und dass man Hilfe anbietet.
Yüksel:Innerhalb der türkischen, kurdischen und muslimischen Communities gibt es eine andere Kultur der Anteilnahme. Man erwartet von Verwandten, Bekannten, Freunden, Nachbarn, dass sie schnell ihre Anteilnahme ausdrücken. Wir sind Politiker deutscher Parteien, und wir sind türkeistämmig. Man erwartet von Politikern, die den Anspruch haben, das Volk zu vertreten, aber gerade von uns, dass wir Anteil nehmen.
Burcu:Wir sind deutsche Politiker, ganz klar. Aber wir haben sprachlich und kulturell den Zugang zu den Betroffenen. Diese Mentalität zu verstehen, ist ganz wichtig, um Brücken bauen zu können. Auch Sozialminister Kai Klose war in Hanau. Er hatte zunächst rücksichtsvolles Bedenken, als Fremder den verletzten Jungen im Krankenhaus zu besuchen. Aber es war umgekehrt: Als wir im Krankenhaus waren, hat der Vater beklagt, dass außer den Türkeistämmigen kein Offizieller kommt. Dann ist Kai Klose dort hingegangen, und darüber waren die Leute sehr erfreut, dass ein Staatsminister Anteil nimmt und versucht zu helfen.
Yüksel:Wir haben in der SPD-Fraktion diskutiert, der Schock und die Betroffenheit waren groß. Für mich persönlich als Türkeistämmigen war selbstverständlich, dass ich vor Ort sein musste. Gleichzeitig war es uns aber wichtig, jeden Eindruck zu vermeiden, dass die schreckliche Tat parteipolitisch vereinnahmt werden könnte.

Haben Sie vor Ort auch Skepsis und Empörung erlebt, weil der deutsche Staat die Menschen nicht hat schützen können?
Burcu:Aus vielen Gesprächen habe ich mitgenommen, dass Menschen mit Migrationsbiografie, die vor allem etwas anders aussehen als die Mehrheitsgesellschaft, durchaus Angst haben. Und es ist höchst problematisch für eine Demokratie, wenn Minderheiten in Angst leben.
Yüksel:Der Großvater eines Opfers kam vor etwa 60 Jahren nach Hanau. Er hat dort die Straßen mitgebaut und sagte: Mein Enkel ist auf dieser Straße erschossen worden. Das war für ihn ein großer Schmerz. Er sagte: Wir haben alles getan, um dieses Land mit aufzubauen. Dass unsere Kinder hier. in diesem Land erschossen werden, das konnte er nicht fassen. Es gibt einen gewissen Vertrauensverlust innerhalb der Migrantencommunity. Seit 1990 sind fast 180 Menschen zu Tode gekommen durch rassistische und rechtsradikale Angriffe.

Welche politischen Konsequenzen müssen gezogen werden?
Burcu:Das werden wir jetzt in Ruhe analysieren. Aber es gibt vor allem eine Wut, die sich auf die rechtsgerichtete Partei in den Parlamenten richtet. Für mich ist die AfD ganz klar eine Partei, die die geistigen Voraussetzungen dafür schafft, dass so etwas in Gewalt endet. Auch viele Familienangehörige glauben, dass wir die AfD noch härter als bisher bekämpfen müssen.
Yüksel:Es geht aber nicht nur um die AfD. Wenn der CSU-Bundesinnenminister Horst Seehofer sagt, die Mutter aller Probleme sei die Migration, dann sollte man sich nicht wundern, wenn jemand solches Denken aufgreift. Ich teile Taylans Auffassung, dass wir präventiv früh ansetzen müssen, damit die Kinder demokratiefähig werden. Aber im Moment haben wir ein Problem mit Terror und mit der Bekämpfung von Terror. Ich erwarte auch vom hessischen Innenminister und von den Verfassungsschutzbehörden einen anderen Umgang mit diesem Thema. Ich sehe da ein Versagen. Als Landtagsabgeordneter frage ich mich: Wie kann es passieren, dass gerade in Hessen solche Fälle stattfinden, von der Ermordung Halit Yozgats über Walter Lübckes Tod bis Hanau? Wir haben ein Terrorproblem. Ich bin seit 1978 in Deutschland. Ich weiß, wie die Sicherheitsorgane gegen die RAF vorgegangen sind. Dieses Vorgehen erwarte ich jetzt auch gegen die Rechtsradikalen.
Burcu:Gerade in Hessen ist das Problem schon lange bekannt. Allerspätestens seit den NSU-Morden und dem Mord an Walter Lübcke ist die Politik wachsam. Ich bin sicher, dass der Landesinnenminister dafür sensibel ist, nicht erst seit Hanau. Es gab viele richtige Maßnahmen in Hessen. Das Programm „Hessen gegen Hetze“ ist eine davon. Wir haben von Hessen aus außerdem eine Initiative im Bundesrat vorangebracht, um das Waffenrecht zu verschärfen. Waffenbesitzer müssen erst vom Verfassungsschutz überprüft werden, damit keine Extremisten an Waffen gelangen. Ohne reflexartig Aktionismus betreiben zu wollen, bin ich dafür, das Waffengesetz auch weiter zu verschärfen. Ich habe nie verstanden, warum man als legaler Waffenbesitzer Munition mit nach Hause nehmen kann und sie nicht dort lagert, wo man damit schießt. Aus Sicht der Grünen-Fraktion im Bundestag wird man sicher noch schärfer mit dem Waffengesetz umgehen müssen.

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