Banner am Regierungspräsidium in Kassel. uwe zucchi/dpa
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Mordfall Lübcke

Mutmaßlicher Attentäter gilt als fest verankert in der rechten Szene

  • vonJoachim F. Tornau
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Stephan Ernst – ein Überzeugungstäter, der das heute ableugnet

Freunde und alte Kameraden aus der rechtsextremen Szene haben Stephan Ernst als zurückhaltend beschrieben. Als ruhig und besonnen. Mangelnde Impulskontrolle aufgrund einer Borderline-Störung bescheinigte ihm dagegen einst ein Psychiater.

1995 war das, als Ernst in Wiesbaden erstmals vor Gericht stand, nach der Messerattacke auf einen türkischen Imam und dem versuchten Rohrbombenanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft im Taunus. Mehr über den heute 46-Jährigen, der vor einem Jahr den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke erschossen haben soll, verrät aber wohl ein Foto aus dem Sommer 2002.

Der unscharfe Schnappschuss, mittlerweile vielfach veröffentlicht, zeigt eine Gruppe von Rechtsextremen, die sich nach einer Wahlkampfkundgebung der NPD vor ihrer Stammkneipe in der Kasseler Innenstadt aufgebaut haben. Neben Stephan Ernst zu sehen sind unter anderem: NPD-Funktionäre, ein führender Aktivist der Kameradschaft „Freier Widerstand Kassel“, ein wiederholt vorbestrafter Fußballhooligan und Neonazischläger, Galionsfigur der Kasseler Rechten seit den frühen Neunzigern.

Und Stanley R., der sich später zu einem der Anführer von „Combat 18“ aufschwingen sollte, jener internationalen Neonaziorganisation, die das Konzept des bewaffneten Kleingruppenkampfs predigt und dennoch in Deutschland erst in diesem Jahr verboten wurde. Anders ausgedrückt: Zu sehen ist ein Who’s who extremer Rechter aus Kassel und Umgebung, die meisten von ihnen bis heute aktiv. Und Stephan Ernst gehörte dazu. Fest verankert in der militanten Szene und bereit, mit Gewalt für seine Überzeugungen einzutreten. Denn auch das zeigt das Foto: Ernst hält einen umgedrehten Stuhl in den Händen, bereit zum Zuschlagen, falls ihm ein Gegendemonstrant zu nahe kommen sollte. Zu sechs Jahren Jugendstrafe hatte ihn das Landgericht seiner Geburtsstadt Wiesbaden 1995 verurteilt. Als er freikam, ließ er sich in Kassel nieder und wurde zu einem der Aktivposten im braunen Lager. Er tauchte bundesweit auf Demos auf, beging weiter einschlägige Straftaten. Und er perfektionierte, was im Kreis der Kasseler Kameraden zu dieser Zeit hoch im Kurs stand: das „Anti-Antifa“ genannte Sammeln von persönlichen Informationen über politische Gegner. Etwa 60 Dossiers soll Ernst zwischen 2001 und 2007 angelegt haben, über Politiker, Journalisten, die jüdische Gemeinde, dazu die Notiz: „Alles was der Vernichtung der Feinde dient, ist gut.“

Ein Überzeugungstäter, der heute jedoch keiner mehr gewesen sein will. Vor rund einem Jahrzehnt zog sich Ernst zurück, um mit Frau, Kindern und Siedlungshaus in der Kasseler Vorstadt ein nach außen unauffälliges Leben zu führen. Mit dem Aufstieg der AfD, die er im Wahlkampf unterstützte, sollte er sich dann zwar wieder aus der Deckung wagen. Gleichwohl beteuerte er kürzlich auf eine Anfrage des ZDF, er habe sich damals „wirklich abgewendet“ von der rechten Szene. Die überraschende Begründung: Abgestoßen, ließ Ernst wissen, habe ihn auch die „latent vorhandene Gewalt“. Die Feinddossiers auf dem USB-Stick hat er jedoch nie gelöscht.

Der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke jährt am 02.06.2020 sich zum ersten Mal. Während das Gedenken in Corona-Zeiten bescheiden ausfällt, wird der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter mit großer Spannung erwartet.

Der später ermordete Politiker Walter Lübcke engagierte sich schon in den 90ern gegen Rechte – in der Region des späteren NSU.

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