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Aus dem Familienbuch Hippe.
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Aus dem Familienbuch Hippe.

Weltfrauentag

Geschieden und gemieden

  • Meike Kolodziejczyk
    vonMeike Kolodziejczyk
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Hanne Hippe setzt mit ihrem Roman „Die Geschichte einer unerhörten Frau“, der am Weltfrauentag erscheint, ihrer Mutter ein Denkmal - und wirft ein Licht auf die Nachkriegsjahre.

Als der Goetheturm im Herbst 2017 dem Feuer zum Opfer fiel, sei sie sehr bestürzt gewesen. „Dort waren wir sehr häufig, als ich ein Kind war.“ Umso erfreuter ist Hanne Hippe, als sie am Telefon erfährt, dass das beliebte Frankfurter Ausflugsziel just vor einem halben Jahr wiedererrichtet wurde und nur noch auf seine Eröffnung wartet. „Und er ist aus Holz, so wie früher?“ In der Tat, das ist er. „Wie schön.“ Das sei doch ein Anlass, mal wieder ihre Geburtsstadt zu besuchen, sobald es Corona zulasse.

Der alte Goetheturm ist Schauplatz einer kurzen Episode am Anfang des am 8. März erscheinenden Romans der Autorin und Hörfunkjournalistin, die heute in Köln und an der Mosel lebt. Auch das Senckenbergmuseum und diverse Kneipen und Nachtlokale tauchen auf in „Die Geschichte einer unerhörten Frau“, ebenso das IG-Farben-Haus, der Stadtwald, die Paulskirche sowie die Siedlung Westhausen, letztes Großprojekt des Neuen Frankfurt unter Leitung des Architekten Ernst May. Die 1951 geborene Hanne Hippe hat selbst als kleines Mädchen mit Eltern und Bruder in einem der Wohnbauten in der Ludwig-Landmann-Straße in Praunheim gelebt.

Im Buch findet auch die Familie Fink – Mutter Augusta, genannt Gussy, Vater Hermann, Tochter Eva und Sohn Volker – in den 1950er Jahren eine Zeit lang Quartier in Westhausen – was natürlich kein Zufall ist. So wie die übrigen Orte, Personen und Ereignisse nicht gänzlich erfunden sind, sondern viele Parallelen zur Lebensgeschichte der Autorin aufweisen. „Trotzdem ist es kein autobiografischer Roman“, betont diese. „Er beruht vielmehr auf wahren Begebenheiten, die in die Handlung eingewoben sind, inspiriert von der Geschichte meiner eigenen Familie.“

Vor allem ist nicht Hanne Hippe die „unerhörte Frau“ der Erzählung. Patin für diese Figur stand ihre Mutter. „Ihr habe ich mit diesem Buch ein kleines Denkmal gesetzt, ihr und den vielen Frauen, die damals nach dem Krieg allein dastanden, als Witwen oder mit kriegsversehrten Männern.“

Gussy Fink steht zunächst nicht allein da nach dem Krieg. Nach der Flucht aus Schlesien über Gotha und Fulda trifft sie im zerbombten Frankfurt ihren Mann Hermann wieder, dank seines Charmes und seiner Weltgewandtheit fasst das junge Paar schnell Fuß in der sich neu sortierenden Frankfurter Gesellschaft, nicht zuletzt die US-amerikanischen Soldaten sind schwer angetan von „the finch“ – und natürlich von seiner attraktiven Angetrauten, die sich lange so verhält, wie es von einer Frau in den 1950er Jahren erwartet wird: Sie führt ein Leben als perfekte Gattin und Mutter zweier wohlgeratener Kinder. Bis sie erfährt, dass ihr Mann in dubiose Geschäfte verwickelt ist und sie hintergangen hat. Gussy reicht die Scheidung ein – und wird damit zur unerhörten Frau. So wie dereinst Hanne Hippes Mutter.

„Ich habe diesen tapferen Schritt meiner Mutter genommen als Anlass für das Buch“, sagt die Autorin. „Sie hat entschieden, sich scheiden zu lassen von einem gebildeten, wohlsituierten und in Frankfurter Kreisen sehr beliebten Mann.“ Und wurde damit zur argwöhnisch beäugten Außenseiterin. Um neu anzufangen, zog sie Ende der 1950er mit den beiden Kindern nach Köln. Im Roman tut es ihr Gussy gleich, während Hermann, der Vater, sich in die DDR absetzt, um seiner Haftstrafe zu entgehen.

„Die Eckpunkte der Geschichte standen“, sagt Hanne Hippe. „Ich habe lediglich das Dazwischen gefüllt.“ Wobei die Perspektive ihrer Mutter, aber auch die ihres Vaters, stark fiktionalisiert sei. Autobiografisch seien nur die Kapitel, in denen Eva Fink, die Tochter, ihre Sicht der Dinge schildert. Und ihre Erfahrungen im Frankfurt und Köln der Nachkriegs- und Wirtschaftswunderzeit. „Was meine Mutter getan hat, hatte später einen sehr großen Einfluss auf mein Selbstbewusstsein als junge Frau“, sagt Hippe. Sie habe ihr Mut gemacht in einer Zeit, in der es neue Leitbilder brauchte. „Wenn die Frau nur als Anhängsel des Mannes allein zu Hause hockt, dann wirkt sich das natürlich anders aus.“

Zur Person:

Hanne Hippe, geboren 1951 in Frankfurt, hat als Schriftstellerin bisher zehn Romane veröffentlicht, „Die Geschichte einer unerhörten Frau“ ist ihr elfter.

Als freie Autorin und Journalistin arbeitete sie für alle ARD-Sender, außerdem schreibt sie Hörspiele und Kurzgeschichten. Nach dem Studium lebte sie viele Jahre in Irland und Großbritannien, unter dem Pseudonym Hannah O’Brien erscheint eine erfolgreiche Krimi-Reihe um die Ermittlerin Grace O’Malley. (myk)

Wer nun allerdings denkt, das Buch sei nur etwas für Frauen, liegt falsch, selbst wenn das Buch am Internationalen Frauentag am Montag erscheint. „Das war vor allem eine Entscheidung des Verlags.“ Selbstredend ist Gussy Fink die titelgebende Protagonistin, doch sie ist eben nicht die einzige Hauptperson. Den Erzählungen der heranwachsenden Eva werden mehrere Kapitel eingeräumt, und auch Vater Hermann Fink erhält seinen Platz in der Geschichte, die nicht schwarz-weiß und verbittert daherkommt, sondern oft überraschend und humorvoll. „Es muss ja nicht alles bierernst und traurig erzählt werden, um seriös rüberzukommen.“ Da halte sie es wie die Engländer:innen, die auch harte Themen witzig darstellen könnten, sagt Hanne Hippe, die lange in Irland und Großbritannien gelebt hat und unter dem Pseudonym Hannah O’Brien an einer erfolgreichen Krimi-Reihe um die Ermittlerin Grace O’Malley arbeitet. „Die Geschichte einer unerhörten Frau“ ist ihr elfter Roman und eben „kein Frauen-, sondern ein Gesellschaftsroman“.

Aus drei unterschiedlichen Perspektiven – Mutter, Vater, Tochter – zeichnet er die Zeit zwischen 1945 und 1965 in Deutschland nach, die oft ganz anders dargestellt werde, als die Menschen sie wirklich erlebt hätten. „Es war mir ein Anliegen, diese Jahre anhand meiner eigenen Erinnerungen zu schildern“, sagt Hanne Hippe. Und anhand der Rolle der Gussy Fink.

Komisch sind dabei besonders die Anekdoten, die Tochter Eva, also Hanne Hippes Alter Ego, einstreut. Zum Beispiel, dass man von Gleichaltrigen als aufmüpfig geächtet wurde, wenn man vor Ostern Kniestrümpfe anzog. Oder dass der Sitz des Reißverschlusses an der Hose einem Akt der Rebellion gleichen konnte, jedenfalls für Frauen und Mädchen. Die nämlich öffneten und schlossen ihre Hosen an der Seite. Ein Reißverschluss vorne in der Mitte war für weibliche Wesen verpönt, lenkte er doch die Aufmerksamkeit auf eine geradezu unaussprechliche Körperzone. Nur Männer trugen den Hosenschlitz mittig im Schritt. Bis Mitte der 1960er die „Texashosen“ Einzug hielten und die Mode in Deutschland umkrempelten.

So wie sich Eva Fink mit ihrer Backfisch-Freundin in einen Kölner Laden für Berufsbekleidung schleicht und ihre erste Jeans ersteht, hat auch Hanne Hippe sich eine dieser verruchten Buchsen gekauft, „von meinem Konfirmationsgeld. Damals kam ich mir sehr mutig vor. Aber dann hatte ich lange doch nicht die Courage, den Reißverschluss sichtbar zu tragen, da hatte ich immer einen langen Pullover drüber.“

Vieles, was damals normal und schicklich war, sei „für heutige Generationen kaum noch nachvollziehbar“. Es dürfe aber nicht vergessen werden, dass es Frauen wie Gussy Fink zu verdanken sei, dass sich die Gesellschaft in den folgenden Jahrzehnten immerhin allmählich geändert habe. Gleichzeitig sind es im Roman aber ausgerechnet Frauen, die jegliche emanzipatorische Regung ausbremsen. Besonders Gussys Mutter Erna und ihre Schwestern Alma und Maria tun sich hier hervor und machen ihrer alleinerziehenden, männerlosen Anverwandten zusätzlich das Leben schwer. „Es sind die Frauen der Familie, die Gussy kleinhalten.“ Um einen Ausflug mit dem gutaussehenden holländischen Verehrer zu vereiteln, wird schon mal der nahende Tod von Mutter Erna vorgetäuscht.

Hanne Hippe, geboren 1951 in Frankfurt.

Und dann ist da noch Hermann Fink, „der charmante Hallodri“, dessen Figur für einen Roman „eindeutig überfrachtet“ sei, wie Hanne Hippe es selbst formuliert. Aus einer assimilierten jüdischen Familie stammend, war er Offizier in Hitlers Armee, wird später von den US-Amerikanern in Frankfurt gefeiert, flieht in die DDR und kurz vor dem Mauerbau wieder zurück in die BRD: „Wer glaubt denn so was?“ Tatsächlich sei Hermann Fink ihr Vater und dies seine Geschichte, sagt Hanne Hippe. Bei all seinen Fehlern sei er „ein netter, angenehmer Mann und guter Vater gewesen“, auch wenn er sich manch Widersprüchliches geleistet habe. Etwa, als er seine sechsjährige Tochter nach einem Besuch des Senckenbergmuseums auf eine Kneipentour mitschleifte. Hanne Hippe lässt die kleine Eva Fink diese Szenen unnachahmlich trocken im Buch erläutern.

Das heutige Frankfurt kenne sie leider viel zu wenig, gibt Hanne Hippe zu. „Doch es ist meine Geburtstadt und die Stadt meiner Kindheit.“ Während ihres Studiums, das sie unter anderem im hessischen Marburg absolvierte, habe sie allerdings viel mit Studierenden vom Main zu tun gehabt. „Mir war damals gar nicht klar, dass es sich mit Frankfurt und Offenbach ähnlich verhält wie mit Köln und Düsseldorf.“ Einmal habe ein Frankfurter Student einen Witz erzählt. „Die Offenbacher haben jetzt die Atombombe“, habe er nur angesetzt. „Da lagen die anderen schon auf dem Boden vor Lachen.“ Wie der Witz weiterging und wie die Pointe war, wisse sie nicht mehr.

Dafür weiß sie noch von einem kleinen Dorf im Taunus, in dem ihre Familie nach dem Krieg ebenfalls einige Zeit wohnte und das auch im Roman erwähnt wird, jedoch nicht namentlich. Auf Nachfrage identifiziert sie es als Michelbach im Usinger Land. An die nahe gelegenen Eschbacher Klippen kann sie sich indessen nicht mehr erinnern. Dafür aber umso mehr an den Frankfurter Goetheturm. Im Roman überlegt Gussy kurz, ob sie sich aus Verzweiflung über die Fehltritte ihres Mannes dort hinunterstürzen soll. Hanne Hippe stellt klar, dass diese Episode „reine Fiktion“ sei. Sie verspricht: Wenn sie das nächste Mal Frankfurt besuche, werde sie auf den neuen Goetheturm klettern, „obwohl ich mittlerweile etwas Höhenangst habe“.

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