Ohrgeräusche

Mit Musik gegen den Tinnitus

  • schließen

Immer mehr Krankenkassen bieten eine Therapie per App an. HNO-Ärzte sind involviert.

Millionen von Menschen leiden unter Tinnitus, sagt Silke Doß. Selbst Kinder kommen schon mit Ohrgeräuschen in die Praxis, die die Hals-Nasen-Ohren-Ärztin mit einer Kollegin in Frankfurt betreibt. In der Akutphase kann der Einsatz von Medikamenten helfen, sagt Doß. Wenn der Tinnitus nach rund drei Monaten chronisch ist, wird es schwieriger. Eine relativ neue Therapieoption ist die sogenannte Tinnitracks-App, die immer mehr Krankenkassen bezahlen. Die Techniker-Krankenkasse (TK) ist dabei, jetzt haben auch die Betriebskrankenkassen die kostenfreie Versorgung ihrer Versicherten beschlossen. 

Ein Angebot, aber kein Wundermittel, wie eine Umfrage der TK ergab: „Bei jedem dritten Tinnitus-Patienten, der die Tinnitracks-App nutzt, bessert sich das Ohrgeräusch“, teilt sie mit. Eine Erfahrung, die sich mit der von Doß deckt: „Manche Patienten sind zufrieden, bei anderen hat sich nichts geändert“. Die Ärztin warnt denn auch vor zu hohen Erwartungen: „Ziel ist mehr Lebensqualität, zum Beispiel beim Schlafen.“ Auch sei die Therapie zeitaufwendig. „Es muss ein starker Leidensdruck herrschen.“ 

Seit mehr als einem Jahr bieten sie und ihre Kollegin Christiane Kannengießer die Smartphone-App an. Für die Ärztin ist es einer von vielen Ansätzen in der Therapie des Tinnitus. 

Zunächst bestimmt sie die Frequenz des Pfeiftons. „Zischen oder Rauschen ist nicht geeignet.“ Auch der Hörverlust darf nicht zu groß sein. Eignet sich der Patient, kann er die App aktivieren. Ein Jahr lang sollte er für 90 Minuten täglich von ihm gewählte Musik hören, in der die betreffende Frequenz gefiltert wird. 

„Durch das veränderte Klangbild kann sich die Aktivität der überaktiven Nervenzellen, die für den Tinnitus verantwortlich sind, reduzieren, so dass die Lautstärke des störenden Tons nach einer zwölfmonatigen Behandlungsdauer abnimmt“, erläutert Christiane Kannengießer. Die Art der Musik kann der Patient selbst wählen, sagt Doß. Klassik eigne sich in der Regel weniger als Popmusik. 

Die TK bietet jetzt im Rahmen eines Pilotprojekts ein weiteres Modul für Tinnitus-Patienten in digitaler Form an. Beteiligt sind fünf Bundesländer, darunter auch Hessen mit rund 50 Hals-Nasen-Ohren-Ärzten. Hier geht es darum, Bewältigungsstrategien zu vermitteln, die die psychischen Belastungen verringern. Patienten erfahren über einen Onlinekurs beispielsweise, wie Tinnitus entsteht, welche Auslöser es gibt, wie sie sich vermeiden lassen und was konkret hilft, die Ohrgeräusche als weniger störend zu empfinden. Nach vier bis sechs Wochen wird der Behandlungserfolg kontrolliert. Besteht weiterer Beratungsbedarf, können die Patienten innerhalb der App eine Videosprechstunde mit einem Experten einer Spezialklinik vereinbaren. 

Ob diese Therapie hilft, werde sich zeigen sagt Doß. „Es gibt noch keine Langzeiterfahrung.“ Die vom Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte unterstützten Therapien per App seien eine „Therapieoption“, die sie ihren Patienten nicht verwehren wolle. „Es kann ja nicht schaden, Musik zu hören.“ 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare