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Auf dem Rollwagen: das Gemälde „Kirche zu Rott am Inn“ von Fritz Beckert.

NS-Zeit

Mühevolle Suche nach der Herkunft von Kunst

In Wiesbaden wollen zwei Forscherinnen den Raub durch Nazis klären.

In den Beständen hessischer Museen lagern zum Teil Kunstwerke, die die Nationalsozialisten ihren Besitzern geraubt haben. Andere haben eine interessante Herkunftsgeschichte. Zwei Provenienzforscherinnen bringen sie zu Gehör.

Golden verzierter Altar, üppiges Deckenfresko, von Engeln umrahmt. Prächtigster Rokoko, auf Leinwand gebannt von dem Maler Fritz Beckert. Schön, aber nicht weiter ungewöhnlich, möchte der Betrachter als Laie meinen. Doch das Gemälde „Kirche zu Rott am Inn“ von 1930 hat Miriam Merz einiges Kopfzerbrechen bereitet. Seit 2015 durchleuchten Merz und ihre Kollegin Ulrike Schmiegelt-Rietig an der Zentralen Stelle für Provenienzforschung die Herkunft der Gemäldebestände in den staatlichen Museen Hessens. Die Häuser wollen ausschließen, dass sich NS-Raubkunst in ihren Beständen befindet, die zwischen 1933 und 1945 ihren meist jüdischen Besitzern abgepresst wurde, und dass Erben dafür nicht entschädigt werden. Auf Anfrage beraten die Wissenschaftlerinnen, die im Museum Wiesbaden arbeiten, auch private, kirchliche oder kommunale Einrichtungen. Gerade hier ist teils noch Aufklärungsarbeit gefragt, meint der Hessische Museumsverband in Kassel. „In den meisten Museen, die wir betreuen, herrscht sehr wenig Kenntnis darüber, wie die Sammlung zustande gekommen ist“, so Christina Reinsch. Viele kleinere Museen seien jetzt dabei, das Thema auf die Tagesordnung zu bringen.

Die Zentrale Stelle für Provenienzforschung in Hessen ist seit 2015 am Museum Wiesbaden angesiedelt. Dort sind schon mehrfach Kunstwerke gefunden worden, die unter den Nationalsozialisten den zumeist jüdischen Besitzern geraubt worden waren. Nach Angaben des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst ist die Zentrale Stelle die erste ihrer Art in Deutschland.

Mehr über die Herkunft der Objekte zu wissen, trage immer zur Qualifizierung der Sammlungen bei, so die Museumsberaterin. Die Rekonstruktion der Werksbiografien sei wichtig, um zu klären, ob das Werk während der NS-Zeit einem privaten Eigentümer unrechtmäßig entzogen wurde, aber auch für die Geschichte der Sammlungen, wie Merz darlegt. Nicht selten entstünden durch ihre Arbeit neue Anreize für Ausstellungen. Für Merz und ihre Kollegin ist das Objekt der Ausgangspunkt, also die Vorderseite des Gemäldes sowie die Rückseite. Gibt es eine Unterschrift des Künstlers? Sind Aufkleber auf der Rückseite, die auf eine Ausstellung hindeuten? Dann beginnt die Recherche. Die Wissenschaftlerinnen wälzen Bildakten, Museumsarchive, Inventarbücher, Ausstellungs- und Auktionskataloge oder andere Literatur. Den Rücken des Beckert-Gemäldes etwa ziert der Aufkleber einer Wanderausstellung. Im Januar/Februar 1943 präsentierte die Deutsche Kunstgesellschaft das Werk im Herzog-Anton-Ulrich-Museum Braunschweig. „Diese Kunstgesellschaft zeigte nur Künstler, die den Vorstellungen des Nationalsozialismus entsprachen“, sagt Merz.

Aber was hat das große W5 auf der Rückseite des Gemäldes zu bedeuten? Merz recherchierte, dass der Beckert 1944 von Hermann Voss, damals Direktor der Gemäldegalerie in Wiesbaden, für ebendiese erworben wurde. Er erhielt das Bild mit drei anderen im Tausch gegen ein Gemälde aus hessischem Bestand. Merz: „Der Tausch ging über viele Ecken. Es hat lange gedauert, ihn nachzuvollziehen.“

Voss sammelte im Auftrag Adolf Hitlers Kunst für das geplante Führermuseum in Linz. Dieser „Sonderauftrag Linz“ war organisatorisch an die Gemäldegalerie Dresden gebunden. Hier war Voss ab 1943 bis 1945 parallel zu seiner Arbeit in Wiesbaden Direktor. Allerdings gelangte das Werk erst 1988 in Hessens Landeshauptstadt. Das Schloss Weesenstein in der Sächsischen Schweiz war Merz zufolge der kriegsbedingte Auslagerungsort der Gemäldegalerie. Sämtliche Objekte, die eigentlich zu Wiesbaden gehörten, wurden mit einem W gekennzeichnet. Das Museum Wiesbaden hat seit 2000 in sieben Fällen Gemälde restituiert, berichtet das Ministerium für Wissenschaft und Kunst auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion im Landtag. (dpa)

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