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Überall Scheiben: Plattenhändler Günter Henn.

Record Store Day 2013

Es muss knistern

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„Jede Leidenschaft grenzt ja ans Chaos, die sammlerische aber an das der Erinnerungen“, schrieb Walter Benjamin. Er meinte Bücher. Wir meinen Schallplatten – weil am 20. April Record Store Day ist. Unser Autor hat einen getroffen, der das erinnernde Chaos in Vinyl zu seinem Leben gemacht hat.

„Jede Leidenschaft grenzt ja ans Chaos, die sammlerische aber an das der Erinnerungen“, schrieb Walter Benjamin. Er meinte Bücher. Wir meinen Schallplatten – weil am 20. April Record Store Day ist. Unser Autor hat einen getroffen, der das erinnernde Chaos in Vinyl zu seinem Leben gemacht hat.

Die Erste? Die erste Wichtige? Die Erste überhaupt? Die Erste, mit der man immer noch zu tun hat? Schwierig das.

Günter Henn kann das ganz leichten Herzens beantworten – lachend: „Die Sergeant Pepper.“ Der Autor dieser Zeilen hat es da schon schwerer: Irgendwas von Glenn Miller oder Satchmo? Soundtrack des Dschungelbuchs? Debütalbum von Kim Wilde oder das von Ideal?

Eine Freundin windet sich sogar noch mehr: „Aus der Zeit ist doch alles peinlich.“ Jugendsünden eben. Dann: „Na ja, ,Sommersprossen‘ von UKW?“ Ist doch gar nicht so peinlich. Und apropos: „Ich mag Baccara“, bekennt Henn. Er sagt das ohne jede Folter zuvor. Baccara. Zwei sehr peinliche Disco-Spanierinnen mit dem mega-peinlichen „Yes Sir, I Can Boogie“. Günter Henn steht dazu. „Dabei komm ich doch eigentlich so aus?der härteren Ecke…“ Das glaubt man dem Zweimeter-Batscheträger schon viel eher.

Ohne Liste rien ne va plus

Die Freundin weiß auf jeden Fall was übers Sammeln: „Du brauchst doch eine Liste. Ohne Listen geht Sammeln gar nicht.“ Günter Henn grinst sich eins. „Ja doch, die kommen schon mit Listen zu mir.“

Frau Lingelbach kommt aber ohne Liste in Henns Frankfurter Plattenladen „Lucky Star Records“ in der Heidestraße. Einen Moment lang wirkt sie verloren zwischen all den psychedelischen Konzertplakaten, alt wie aktuell, den auf Regalen gestapelten Plattenspielern und den Hunderten und Tausenden von Schallplatten in ihren akkurat benamten Fächern: Neue Deutsche Welle, Seventies, Rocka-billy/Psychobilly … Aber Frau Lingelbach, so um die 70, weiß, was sie will: „Was haben Sie denn von Ray Conniff da?“ Da runzelt Henn die Stirn. „Na ja, nicht viel …“ Es reicht aber für drei LPs. Frau Lingelbach ist glücklich und Henn ebenso. „E Dutt gibt’s aach noch.“

Günter Henn, gelernter Schlosser aus Rheinhessen, Vater Winzer, der Sohn Plattensammler, ist seit gut 20 Jahren im Schallplattengeschäft. Aus Leidenschaft, weshalb sonst?

Am Durchgang nach hinten, wo er in einem winzigen Kabuff, wenig mehr als einen Alkoven neben dem Klo, Büro und Kasse hat, sind zig Konzerttickets und Autogrammkarten an die Wand gepinnt. Ganz weit oben hängt ein Ticket mit dem Albumtitel von Pink Floyds „Wish You Were Here“, das Shakehands mit einem brennenden Mann in Anzug. „18 DM“ steht darunter. „Das war damals viel Geld“, meint Henn. „240 hab ich in der Lehre verdient. Bin dann extra rübergefahren für das Konzert. Zweiter Rang – das war alles, was ich mir leisten konnte. Aber groß war’s!“ Da hängen noch Tickets von Motörhead, Zappa, Lindenberg, France Gall, The Cramps, John Cale, The Gardenias… The Gardenias? Egal. Ein reiches musik-freakiges Leben stellt sich an der kleinen Durchgangswand des grade mal 24 Quadratmeter großen Ladens (mit Klo!) dar.

Die FR warnt...

Und ansonsten ist alles voll mit Schallplatten. Alles. Über und über und über und … Natürlich hat Günter Henn zu Hause mindestens noch mal so viel stehen. Sind’s dort mehr, sind’s weniger? „Schreib bloß net, wie viele! Sonst breche die noch bei mir ein.“ Verdammt soll sein, der einen Plattensammler um seine Scheiben erleichtert, merkt dazu die FR-Redaktion an. So.

Platten sammeln, sie besitzen, auflegen, abhören, all das Haptische, das es bei einem Download nie geben kann: „Das Aufstehen nach 20, 25 Minuten zum Umdrehen – du kaufst halt die Freude daran“, sagt Henn. Es ist aber nicht nur der materielle Besitz von Musik. 2011 organisierten er und andere einen „Vinyl-Flohmarkt“ und gaben einen Sonderdruck des Textes „Über das Sammeln“ von Walter Benjamin heraus. Der Philosoph schrieb: „Jede Leidenschaft grenzt ja ans Chaos, die sammlerische aber an das der Erinnerungen.“

Das ist es: Die Musik-Konserve konserviert eine (in der Regel) glückliche Vergangenheit: das Gefühl jugendlicher Unbesiegbarkeit, einen Kuss für die Ewigkeit … und dann die Freude am Erinnern. „Eine alte Soul- oder Rock-’n’-Roll-Single muss einfach knistern.“ Das haben sogar Musikfreunde verstanden, die nach dem Ende der LP Mitte der 80er Jahre geboren sind. Henn, der zusammen mit seiner Frau Birgit auf Radio X noch eine echte DJ-Sendung macht, berät immer wieder junge Leute, die just entdeckt haben, dass ihnen Musik sehr viel bedeutet. „Die kaufen sich dann eben gern eine Schallplatte.“

"Mehr für die Freaks"

Es gibt Leute, die sich jede Version einer LP kaufen. Henn bedient sie, aber „ich bin mehr für die Freaks da“. Für die, „die bis Lübeck fahren, um sich eine Band anzuhören, die ein Platte in einer 200er Auflage herausgebracht hat“. Ein Kumpel Henns hat ein solches Label: „Alles handmade. Der faltet die Kartons sogar selbst.“

Solche Sachen erfährt man, wenn man miteinander redet. Im Internet informiert man sich und weiß dann auch, was man will, was es gibt, was man sucht. „Aber das Fachsimpeln im Laden“, das gibt’s eben nur da. Und es gehört zur Leidenschaft genauso dazu. Das treibt auch den Sammler Günter Henn an. „Ich bin selbst bloß einer von denen, ich sitz’ nur zufällig hinterm Tresen.“

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