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Mordurteil aufgehoben

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Von: Gregor Haschnik

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Der Bundesgerichtshof sieht Fehler bei der Entscheidung des Landgerichts Hanau gegen die Sektenchefin Sylvia D.

Der Bundesgerichtshof (BGH) hat das im Herbst 2020 gefällte Urteil des Landgerichts Hanau gegen Sektenführerin Sylvia D. – lebenslange Haft wegen Mordes am vierjährigen Jan H. im Jahr 1988 – aufgehoben. Wie das Gericht am Montag mitteilte, verwies der BGH das Verfahren an eine Schwurgerichtskammer des Landgerichts Frankfurt, wo eine neue Beweisaufnahme erfolgen soll.

Die erste große Strafkammer des Hanauer Landgerichts sah es nach einem einjährigen Prozess als erwiesen an, dass D. den Jungen am 17. August 1988 in einem über dem Kopf verschnürten Sack ersticken ließ, obwohl sie seine Schreie gehört und gewusst habe, dass er in Lebensgefahr war. D. habe seinen Tod nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern vorsätzlich, aus niedrigen Beweggründen gehandelt, sagte der damalige Vorsitzende Richter, Peter Graßmück. Die Angeklagte habe den Jungen, den Sohn ihrer Anhängerin Claudia H., als Wiedergeburt Hitlers und vom Bösen besessen betrachtet. Auch wirtschaftliche Motive hätten eine Rolle gespielt, weil sich H.s Eltern fortan ganz auf ihre Arbeit und die Gruppierung hätten konzentrieren können.

D. gab vor, Träume exakt deuten zu können und Anweisungen von Gott zu erhalten, welche die Mitglieder der Gruppierung umsetzen sollten.

Schuldfähigkeit unklar

Bevor Jan starb, soll seine Mutter ihn mit Brei gefüttert und – wie D. es angeordnet habe – in dem Sack auf einer Matratze im Bad schlafen gelegt haben. Dann fuhr sie zum Markt und gab ihn in D.s Obhut. Später habe er Panik bekommen, geschrien, sei ohnmächtig geworden und schließlich an Erbrochenem erstickt.

In der Entscheidung gegen D. sieht der BGH Rechtsfehler: So hätte sich die Kammer eingehender damit beschäftigen müssen, ob es sich um eine Tötungshandlung durch Unterlassen oder durch aktives Tun handelte. Die Staatsanwaltschaft hatte auf Mord durch Unterlassen plädiert.

Darüber hinaus gebe es Mängel in der Auseinandersetzung des Gerichts mit D.s Tötungsvorsatz und ihren „Vorstellungen zur Möglichkeit des Todes des Kindes“, die nicht richtig beschrieben und belegt seien. Das Gericht sei nicht ausführlich genug auf das eigene Handeln der Angeklagten zum damaligen Zeitpunkt eingegangen, sondern habe sich auf „vorhergehendes Handeln“ – die Anweisungen an die Mutter – bezogen. Das sei nicht zulässig.

Außerdem, erklärte der BGH, müsse die Schuldfähigkeit von Sylvia D. erneut geprüft werden. In Hanau hatte sich das Gericht dem Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen angeschlossen, laut dem D. zwar eine narzisstische Persönlichkeitsstörung habe, aber voll schuldfähig sei, da ihre Steuerungsfähigkeit nicht eingeschränkt sei.

D. und ihre Verteidiger hatten alle Vorwürfe zurückgewiesen und eine Hetzkampagne beklagt.

Das Gericht stützte sich bei seinem Urteil unter anderem auf ein rechtsmedizinisches Gutachten sowie zahlreiche Aussagen und interne Unterlagen aus der Gruppierung, die den Hass auf Jan H. belegten. In Tagebucheinträgen wurde er beispielsweise als gemeiner Sadist bezeichnet, dessen „Wahn“ jahrelang nicht zu bremsen gewesen sei.

Gegen Jan H.s Mutter begann im Herbst 2021 in Hanau ein Prozess wegen des Vorwurfs des gemeinschaftlichen Mordes beziehungsweise der Beihilfe zum Mord, wobei das Landgericht keinen dringenden Tatverdacht mehr gegen sie sieht und den Haftbefehl aufgehoben hat. Ein Grund: Es lasse sich nicht ausschließen, dass H. ihren Sohn an jenem Tag in den Sack gesteckt, aber Sylvia D. diesen über dem Kopf zugeschnürt habe.

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