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Die Witwe von Walter Lübcke, Irmgard Braun-Lübcke, und ihre Söhne Christoph und Jan-Hendrick betreten den Saal.

Mordfall Lübcke

Über das Opfer „keine Gedanken gemacht“

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Im Prozess zur Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübckes wird der Angeklagte Stephan Ernst von der Nebenklage befragt. Zur Rolle des Mitangeklagten Markus H. erfährt man weitere Details.

Stephan Ernst schweigt. Er scheint nachzudenken. Im Saal 165 C des Frankfurter Oberlandesgerichts könnte man die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. Nach einer Weile atmet Ernst hörbar in sein Mikrofon und bespricht sich mit seinem Anwalt. Dann sagt der 46-Jährige tonlos: „Ich hab’ mir darüber keine Gedanken gemacht.“ Ernst, der angeklagt ist, den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke erschossen zu haben, antwortet damit auf die Frage, ob er sich nie gefragt habe, ob Lübcke sein Leben noch genießen wollte, seinen Ruhestand, Zeit mit seinen Enkelkindern.

Der zwölfte Verhandlungstag im Prozess zum Mordfall Lübcke beginnt mit einer besonderen Konfrontation. Nachdem der Hauptangeklagte Ernst an mehreren Tagen Fragen des Senats und der Staatsanwaltschaft beantwortet hat, liegt das Fragerecht nun bei der Nebenklage. Holger Matt, Anwalt der Familie Lübcke, fragt im Namen von Lübckes Witwe und seiner beiden Söhne, die selbst im Gerichtssaal sitzen. Was in ihnen vorgehen mag, ist von außen nicht zu beurteilen: Die Lübckes sitzen wie immer seit Beginn der Hauptverhandlung ruhig auf ihren Stühlen und richten ihre Blicke auf Ernst. Sie hofften, „dass der Angeklagte morgen im Angesicht der Opfer reinen Tisch macht“, hatten sie ihren Sprecher tags zuvor erklären lassen.

Neue Ergebnisse bringt die Befragung durch Holger Matt kaum. Stephan Ernst wiederholt alte Angaben, etwa dass er und sein Freund, der Mitangeklagte Markus H., sich nach einer Bürgerversammlung 2015 in einen Hass auf Walter Lübcke hineingesteigert hätten. Dass „alte Ansichten“ aus seiner Zeit in der Neonazi-Szene und H.s Warnungen von einer „Überfremdung“ ihn radikalisiert hätten. Dass er und H. gemeinsam beschlossen hätten, Lübcke zu töten. Auf Nachfrage sagt Ernst, ihnen sei bewusst gewesen, dass während der Tat jemand aus dem Haus der Familie Lübcke kommen könnte. „Das war ein Risiko, das wir eingegangen sind.“ Manche von Matts Fragen beantwortet Ernst nicht – etwa die, warum er im Prozess erklärt habe, an einem Aussteigerprogramm für Neonazis teilnehmen zu wollen, obwohl er schon Jahre vor Lübckes Tod nicht mehr in der rechten Szene gewesen sein will.

Im Anschluss hört das Gericht drei Polizisten als Zeugen, die bei Markus H. sichergestellte Handys, Computer und Tablets ausgewertet hatten. Eine Beamtin berichtet von bereits gelöschten Dateien, die man auf einem Computer habe wiederherstellen können. Die Funde erlauben weitere Einblicke in H.s Gesinnung. Es handelt sich um nationalsozialistische Propaganda-Schriften, darunter Hitlers „Mein Kampf“ und Titel wie „Juden machen Weltpolitik“. Außerdem geht es um Rechtsrock-Musik, Fotos von Panzern und Neonazi-Aufmärschen sowie Bilder von Markus H. mit Waffen und in Uniform.

Die Zeugin berichtet auch von einem Handy-Chat, den Markus H. mit dem Neonazi Alexander S. geführt hatte. Am Tag nach dem Mord an Lübcke schickte S. einen Link zu einem Medienbericht über die Tat an H., versehen mit dem Kommentar „Kopfschuss“. Zwei Wochen später antwortete H: „Das kann nur ... gewesen sein. Ganz miese Sache.“ Alexander S. fragte nach: „S.?“ Damit sei wohl Ernst gemeint gewesen, so die Polizistin.

Eine weitere Beamtin hat sich mit H.s Handy befasst und festgestellt, dass es zur Tatzeit nicht mit einem Sendemast in Nähe des Tatorts verbunden war. Der dritte Zeuge hat auf einem Tablet von Markus H. ebenfalls Nazi-Propaganda und Hinweise auf Waffenhandel gefunden.

Eine Richterin verliest am Ende noch einen Ermittlungsbericht: Kurz vor der Tat ist demnach von H.s Handy noch eine Whatsapp-Nachricht verschickt worden. Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.

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