Der Hauptangeklagte Stephan Ernst (M), der des Mordes an dem Politiker Walter Lübcke beschuldigt wird, betritt den Gerichtssaal des Oberlandesgerichts hinter dem Mitangeklagten Markus H. (r) und seine Anwältin Nicole Schneiders.
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Der Hauptangeklagte Stephan Ernst (M), der des Mordes an dem Politiker Walter Lübcke beschuldigt wird, betritt den Gerichtssaal des Oberlandesgerichts hinter dem Mitangeklagten Markus H. (r) und seine Anwältin Nicole Schneiders.

Rechter Terror

Hautschuppe auf dem Hemd führte zu Stephan Ernst

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Im Lübcke-Prozess berichtet der Leiter der zuständigen Sonderkommission „Liemecke“ von der Arbeit der Ermittler. Auf die Spur des Angeklagten Stephan Ernst kamen die Beamten eher durch Zufall.

Der entscheidende Hinweis war winzig, mit bloßem Auge schwer zu erkennen. Es war eine einzelne Hautschuppe, gefunden auf dem karierten Kurzarmhemd des Opfers, die die Ermittler im Mordfall Walter Lübcke auf die Spur von Stephan Ernst brachte. Seit Mitte Juni sitzt der 46-jährige Ernst als Angeklagter vor dem Oberlandesgericht Frankfurt, weil er den Kasseler Regierungspräsidenten im Juni vergangenen Jahres erschossen haben soll. Der Neonazi hat die Tat gestanden. Am nunmehr 13. Prozesstag wurde deutlich, wie stark der Zufall den Ermittlern unter die Arme griff.

Als Zeuge wird an diesem Donnerstag Daniel Muth vernommen, Kriminaldirektor beim hessischen Landeskriminalamt und Leiter der Sonderkommission „Liemecke“, die zur Aufklärung des Mordfalls Lübcke gebildet worden war. Über Stunden gibt der 46 Jahre alte Beamte Auskunft über das Vorgehen seiner Organisation. Die Polizei, so Muth, sei in der Tatnacht erst Stunden nach dem Schuss gerufen worden. Lübckes Sohn, der seinen Vater auf dessen Terrasse gefunden hatte, die Ersthelfer, selbst die Ärzte im Kreiskrankenhaus hätten die Schusswunde über Lübckes rechtem Ohr gar nicht bemerkt. Sie alle hätten gedacht, der 65-Jährige habe einen Herzinfarkt erlitten.

Als die Ermittler mit der Spurensicherung begannen, sei als erster Verdächtiger daher der Ersthelfer in ihren Blick geraten, der den Tatort ohne erkennbaren Grund „mit Felgenreiniger und Wurzelbürste“ gereinigt habe, so Muth. Weitere Hypothesen seien gewesen, Lübckes Tod könne mit einem Unfall, einem Suizid, militanten Windkraft-Gegnern oder der organisierten Kriminalität zusammenhängen. „Das war alles möglich“, so Muth.

Als der verdächtige Ersthelfer eine Woche nach der Tat überraschend an die Nordsee gefahren sei, habe man Sorge gehabt, er könne eine mögliche Tatwaffe im Meer versenken wollen. Der Mann wurde daraufhin im niedersächsischen Harlesiel verhaftet. Nachdem klar war, dass der Ersthelfer den Tatort ohne böse Absicht gereinigt hatte, trat bei den Ermittlern laut Muth „eine gewisse Ernüchterung ein“.

Mangel an anderen Erklärungen

Er berichtet, wie aus Mangel an anderen Erklärungen für ihn ein politisches Tatmotiv immer wahrscheinlicher wurde. Man habe eine Untergruppe für diesen Bereich gebildet und „mit Hochdruck an dieser Hypothese gearbeitet“. Weil Lübcke nach einer Bürgerversammlung in Lohfelden im Herbst 2015 von Rechten bedroht worden sei, habe man sich mit der rechtsextremen Szene in Hessen befasst und Fotos von dieser Veranstaltung gesichtet. „Das war zumindest ein Anfasser, den wir hatten.“

Der entscheidende Anruf kam dann knapp zwei Wochen nach Lübckes Tod. Zu einer Hautschuppe auf dem Hemd des Opfers, das im Krankenhaus bereits im Mülleimer gelegen hatte, hatte sich ein Treffer in einer DNA-Kartei ergeben. Die Methode, die für die Analyse der Schuppe benutzt worden sei, werde von anderen Landeskriminalämtern gar nicht angewendet, sagt Muth. So aber wurde klar: Die Schuppe stammte von Stephan Ernst. Noch in der kommenden Nacht wurde er in seinem Haus in Kassel verhaftet.

Im Anschluss wird Muth noch zu Details befragt. So berichtet er, dass Stephan Ernst ab 2016 politische Kommentare eingefügt habe, wenn er seinen monatlichen Rundfunkbeitrag überwies. „Volksverräter“ habe Ernst beim Überweisungszweck eingetragen, „Lügenpresse“ oder auch „An die Wand mit euch“. Und bei Ernsts Mitstreiter Markus H., der wegen Beihilfe zu dem Mord angeklagt ist, wurde das Buch „Umvolkung“ des deutsch-türkischen Autors Akif Pirinçci gefunden. Der Name Walter Lübcke war darin mit orangenem Textmarker angestrichen.

Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.

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