Stephan Ernst (M), der des Mordes an dem Politiker W. Lübcke angeklagt ist, spricht mit seinen Anwälten Mustafa Kaplan (l) und Jörg Hardies (r), als er im Gerichtssaal zur Fortsetzung seines Prozesses eintrifft.
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Stephan Ernst (M), der des Mordes an dem Politiker W. Lübcke angeklagt ist, spricht mit seinen Anwälten Mustafa Kaplan (l) und Jörg Hardies (r), als er im Gerichtssaal zur Fortsetzung seines Prozesses eintrifft.

Mordfall Lübcke

Die Sekunden vor dem Schuss

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Das Frankfurter Oberlandesgericht befragt den Angeklagten im Lübcke-Prozess zum Tathergang auf der Terrasse des getöteten Regierungspräsidenten. Dabei geht es zunehmend um Details.

Irgendwann ergreift Thomas Sagebiel das Wort. „Hier geht es um etwas“, sagt der Vorsitzende Richter im Strafprozess zum Mordfall Lübcke ruhig und bestimmt. „Und wir müssen genau sein.“ Sagebiel richtet seine Worte am Donnerstag an Mustafa Kaplan, den Verteidiger des Hauptangeklagten Stephan Ernst. Kaplan hat beanstandet, dass Oberstaatsanwalt Dieter Killmer seinem Mandanten Fragen stelle, die längst geklärt seien. Richter Sagebiel sieht das anders: Ernst solle antworten.

Der elfte Verhandlungstag im Lübcke-Prozess ist ein Tag der Details. Es ist der vierte Tag in Folge, an dem Stephan Ernst Fragen beantwortet. Stundenlang hat der 46-Jährige bereits geschildert, wie er und sein wegen Beihilfe zu dem Mord angeklagter Freund Markus H. beschlossen hätten, den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke zu erschießen. Wie H. den CDU-Politiker in der Nacht zum 2. Juni angeschrien und er selbst den Schuss abgegeben habe. Ernst hatte dabei seinen ersten beiden Einlassungen, die vor Gericht als Video vorgespielt worden waren, teils massiv widersprochen.

Auch deshalb geht es jetzt mehr und mehr um die Feinheiten. Staatsanwalt Killmer interessiert sich für die Sekunden direkt vor dem Schuss. Ernst bleibt dabei, dass Markus H. sich von vorne dem auf seiner Terrasse sitzenden Walter Lübcke genähert habe, er von der Seite. Dass er den Politiker in seinen Stuhl gedrückt habe, danach zurückgetreten sei und geschossen habe. Dabei ergibt sich ein logisches Problem: Jan-Hendrik Lübcke, einer der Söhne von Walter Lübcke, hatte zu Beginn des Prozesstages noch einmal detailliert die Terrasse der Familie beschrieben. Wenn man ihm und einem rechtsmedizinischen Gutachten zum Schusskanal glaubt, müsste zwischen Ernst und Walter Lübcke bei der Schussabgabe der Terrassentisch und ein zweiter Stuhl gestanden haben. „Ich habe diesen Stuhl und Tisch so nicht in Erinnerung“, sagt Ernst.

„Weil ich schießen wollte“

Dieter Killmer und Richter Sagebiel wollen auch wissen, warum Ernst nach eigenen Angaben bei seiner Tat nicht vermummt war. Habe er keine Sorgen gehabt, dass Lübcke ihn identifizieren könnte? „Weil ich schießen wollte“, antwortet der Neonazi. Er sei sich nur nicht sicher gewesen, ob er es auch schaffen würde, Lübcke zu töten. „Es sagt sich so einfach, wenn ich sage, ich mache das, ich ziehe das durch.“

Auf diese Weise geht es weiter. Auf einem Lageplan zeichnet Jan-Hendrik Lübcke ein, welche Teile des Gartens von zwei hellen Strahlern beleuchtet waren. Am Ende zeigt sich, dass Markus H. wohl durch einen der Lichtkegel gelaufen sein muss, wenn Ernsts Angaben stimmen.

Am Ende zeigt das Gericht noch ein Video des NDR-Reportageformats „Strg_F“. In dem Youtube-Beitrag waren Auszüge aus den Vernehmungsvideos von Ernst veröffentlicht worden, was für breite Kritik gesorgt hatte. „Das war kein journalistisches Heldenstück“, sagt Richter Sagebiel, der diese Bemerkung als Privatmeinung verstanden wissen will. „Das war Befriedigung des öffentlichen Voyeurismus auf Regenbogenpresse-Niveau.“ Der Prozess wird fortgesetzt.

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