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Anwohner und Passanten haben am Heumarkt in der Hanauer Innenstadt Blumen für die Opfer niedergelegt. 

Hanau

Morde von Hanau: „Das waren alles unsere Jungs“

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  • Gregor Haschnik
    Gregor Haschnik
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Freunde der Opfer in der Weststadt sind fassungslos und berichten von schon länger anhaltender Hetze gegen Migranten.

Das waren unsere Jungs. Eine Katastrophe. Unfassbar“, sagt Kemal Kocak mit Tränen in den müden Augen. Er habe sich so eine grausame Tat nicht vorstellen können. Jetzt ist sie bittere Realität geworden.

Kocak steht nach einer schlaflosen Nacht mit ein paar anderen Männern vor seinem Kiosk in der Hanauer Innenstadt, nicht weit von dem Ort, an dem Tobias R. seine ersten Opfer fand. Die Männer trinken Kaffee und rauchen, ringen um Fassung. Kocak betreibt den 24-Stunden-Kiosk in der Hanauer Weststadt, zu dem eine Bar und ein Café gehören. Auch dort mordete R.; Kocak kam kurz nach den Schüssen an, fast gleichzeitig mit der Polizei.

Sechs junge Menschen lagen dort, blutüberströmt. Kocak kannte sie, hat zu einigen der Eltern seit vielen Jahren ein enges Verhältnis. Die jungen Männer mit Wurzeln im Ausland, etwa in der Türkei und Bosnien, haben den Anschlag nicht überlebt. Die Rettungskräfte, die einige Minuten später eingetroffen sind, konnten ihnen nicht mehr helfen. Die Familien seien geschockt und in tiefer Trauer, erzählt Kocak.

Am Donnerstagmorgen ist bereits bekannt, dass der Täter offenbar aus rechtsradikalen Motiven handelte. Kocak und die anderen sind entsetzt. Sie beobachteten schon seit längerem eine aufgeheizte Stimmung und „Hetze gegen Migranten“. Das laufe schon seit Jahren und sei schlimmer geworden, sagt einer von ihnen. Gleichzeitig werden Zweifel daran laut, dass es ein Einzeltäter gewesen sein soll: Konnte ein Mann tatsächlich kurz nacheinander an mehreren Orten so viele Menschen töten?

Kocaks Kiosk im Zentrum liegt nur wenige Schritte von den Tatorten am Heumarkt, zwei Shisha-Bars, entfernt. Sie sind weiträumig abgesperrt, werden von Polizisten mit Maschinenpistolen bewacht, während Mitarbeiter der Spurensicherung in weißen Schutzanzügen Spuren sichern und fotografieren. Schräg gegenüber betreibt Kadir Köse eine Bar. Als er am Abend die ersten Schüsse hört, findet dort gerade ein Dart-Ligaspiel statt.

Köse schaut raus und sieht einen Mann, der einen schwarzen Pullover und eine Kapuze trägt, erzählt er. Ein Toter soll da schon auf der Straße gelegen haben. Der Barbesitzer geht schnell wieder rein. „Ich hörte aus der Ferne weitere Schüsse und hatte Angst, dass er auch auf uns schießen könnte“, berichtet er. Zuerst sei lediglich ein Polizeiwagen gekommen, dessen Besatzung danach Verstärkung anforderte. Köse beendete das Spiel in seinem Lokal und schloss die Tür.

Auch der Deutschtürke Köse beobachtet, dass in den vergangenen Jahren in Deutschland einiges hochgekocht sei und die AfD Zustimmung finde. Manchmal höre er ausländerfeindliche Sprüche. Aber dass so etwas passiert, „ist nicht zu fassen“.

Unter den Opfern war der 37 Jahre alte Gökhan G., der an diesem Abend in dem Kiosk in der Weststadt arbeitete. Freunde beschreiben ihn als „guten Typen“, der bekannt gewesen sei und einiges durchgemacht habe, Höhen und Tiefen. So sei er mehrfach in gefährliche Situationen geraten, einmal von einem Bus angefahren, einmal bei einer Auseinandersetzung mit einem Messer verletzt worden. Damals habe er noch Glück im Unglück gehabt. Manchmal hätten Bekannte gewitzelt, was ihm wohl als Nächstes widerfahren werde. „Und jetzt ist er getötet worden“, sagt ein Freund. Unglaublich schrecklich sei das. Die Familie G. trauert um mehrere Opfer: Neben Gökhan starb auch dessen 22-jähriger Neffe.

Selbst die Polizisten hätten geschockt gewirkt, als sie die vielen Toten fanden. So berichten es Beobachter.

Der Vater des Täters, ein Betriebswirt, hat 2011 als parteiloser Kandidat auf der Liste der Grünen für den Ortsbeirat Kesselstadt kandidiert, zu dem auch die Weststadt gehört. Er hat 2011 für den Ortsbeirat Kesselstadt kandidiert, zu dem auch die Weststadt gehört. Öffentlich trat er zuletzt nach der Kommunalwahl 2016 in Erscheinung. Er legte Widerspruch gegen das Ergebnis ein, weil sich der Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) als „Scheinkandidat“ an die Spitze der SPD habe setzen lassen und sein Mandat im Parlament später nicht annahm.

Beratung und Hilfe

Für Opfer,Angehörige und Augenzeugen, die psychischen Belastungen ausgesetzt sind, gibt es Rat und Hilfe. Die Polizei empfiehlt diese Stellen:

Landeskriminalamt,Opferschutz-Telefon: 0611 – 83 131 00, Email: opferschutz.hlka@polizei.hessen.de

Weißer Ring:Opfertelefon: 11 60 06 (täglich 7-22 Uhr); Email: Opferhilfe@weisser-ring.de

Hanauer Hilfe e.V.,Opfer- und Zeugenberatung, Telefon: 06181 – 24871; Email: kontakt@hanauer-hilfe.de 

Neben dem Kioskbesitzer Kocak war Sercan als einer der Ersten am Tatort in der Weststadt. „Ich wohne hier gleich um die Ecke, habe drei Schüsse gehört und dann noch weitere“, erzählt der 20-Jährige. „Ich bin gleich hierhergelaufen, Polizei und Notarzt waren noch nicht da, da habe ich Gökhan tot im Laden liegen sehen und noch einen Toten, und da waren auch Verletzte“, berichtet er.

Vor Kälte und vielleicht auch vor Aufregung und Übermüdung zitternd steht er am Rand der Absperrungen, die die Polizei großräumig um den Kiosk gezogen hat. Auch das rot-weiße Absperrband zittert im kalten Wind. Noch gestern, sagt Sercan, sei er selbst hier einkaufen gewesen. „Die Leute, die hier immer sind, die kenne ich alle“, erzählt er. „Ich hätte auch hier sein können, als das passiert ist.“

Der Kiosk befindet sich im Erdgeschoss eines der Hochhäuser, die für die Weststadt prägend sind. 60er-Jahre-Bauten, viele etwas heruntergekommen. Gleich neben dem Kiosk liegt der Friseursalon „Simone“, der an diesem Morgen genauso geschlossen bleibt wie das Nagelstudio im Stockwerk darüber. Der Lidl-Markt ist ganz neu, durch die großen Scheiben sieht man die leeren Regale. Er soll am 2. März öffnen.

Die Heinrich-Heine-Schule gleich nebenan ist verlassen, die Fenster dunkel, der Schulhof leer. Am Tor flattert ein weißes DIN-A-4-Blatt im Wind, „Die Schule bleibt HEUTE geschlossen“ steht darauf. Direkt neben dem Schulgebäude stehen einige Bungalows, daneben Reihenhäuser. In einem davon lebte der Täter.

Absperrungen und Einsatzfahrzeuge auch an der Wohnung von Tobias R., keine 500 Meter vom Tatort entfernt. Die Helmholtzstraße ist eine Tempo-30-Zone, ein weißes Schild weist den Weg zum evangelischen Gemeindezentrum. An dem rosa Reihenmittelhaus sind die grauen Kunststoffrollläden heruntergelassen, ein schmiedeeisernes Gitter versperrt den Zugang zur Terrassentür.

Auf dem unbefestigten Gehsteig entlang des Gartenzauns sind noch die Reifenspuren der Einsatzfahrzeuge zu sehen, mit denen die Beamten anrückten, die das Gebäude in der Nacht stürmten. Auf der schmalen Zufahrt vor der Haustür haben die Polizisten ein blaues Zelt aufgeschlagen, Beamte in Uniform und Zivil gehen ein und aus.

Die Nachbarn in Hausnummer 15 wohnen erst seit zwei Wochen hier. Von dem nächtlichen Einsatz hätten sie nichts mitbekommen, erzählt einer der Bewohner. Er wirkt ob des Trubels vor seiner Tür etwas verstört, verfolgt das Geschehen mit der Zigarette in der Hand. Eine Nachbarin gegenüber hat die Gardinen zurückgezogen und beobachtet den Schauplatz durch das geschlossene Fenster.

In der nahen „Sachsenhäuser Feinbäckerei“ gibt es an diesem Morgen keine frischen Brötchen und auch keine „Bild“-Zeitung. Wegen der großräumigen Absperrung in der Nacht fiel die Anlieferung aus. „Ich bin so gegen 23 Uhr aufgeschreckt, war schon etwas eingedöst, als mich der Hubschrauber geweckt hat, der hier gekreist ist“, erzählt die Bedienung. „Vom Balkon aus habe ich dann die Polizisten gesehen und einen Notarztwagen mit Blaulicht.“ Noch in der Nacht habe ihr Sohn aus Frankfurt angerufen und gefragt, ob sie alle gesund seien.

Im Café sind die ausgebliebenen Brötchen, der nächtliche Aufruhr und die schreckliche Tat im Stadtteil das Thema. Einige der Polizisten, die die Weststadt bevölkern, versorgen sich mit einem heißen Kaffee. Es ist kalt draußen.

An der Helmholtzstraße fährt derweil die Postbotin Briefe aus, der Mitarbeiter eines privaten Reinigungsunternehmens bläst mit Riesengetöse ein paar letzte Blätter der Platanen vom Gehsteig. Für einen Augenblick scheint es, als sei überhaupt nichts passiert.

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