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Der hessische Wirtschaftsminister Heinz Herbert Karry 1978 vor dem Ministerium für Wirtschaft und Technik.

Mord

Mord an Politiker Karry in Frankfurt: Fall bis heute nicht aufgeklärt

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Der Fall des 1981 erschossenen hessischen Wirtschaftsministers Heinz-Herbert Karry ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Und er ist bis heute ungeklärt. Am Freitag (06.03.2020) wäre er 100 Jahre alt geworden.

Um den Mordfall an Heinz-Herbert Karry aufzuklären, ist Ralf Baum um den halben Erdball geflogen. Baum ist 1993 gerade mit dem Studium fertig und bekommt als junger Kommissar im Staatsschutz des Landeskriminalamts (LKA) den Fall Karry übertragen. Der Mord liegt da schon zwölf Jahre zurück. In den Morgenstunden des 11. Mai 1981 steigt der Attentäter in der Seckbacher Hofhausstraße 51 auf eine Leiter und gibt durch das geöffnete Schlafzimmerfenster sechs Schüsse auf den schlafenden hessischen Wirtschaftsminister ab. Karry wird vier Mal getroffen, ein Schuss verletzt seine Beckenschlagader, er verblutet.

Die Aluminiumleiter, eigens auf das Gefälle auf dem Grundstück zugeschnitten, bleibt am Tatort zurück. Die Tatwaffe wird später auf einem Seckbacher Feldstück gefunden. Aus heutiger Sicht würden sich Ermittler bei solchen Beweisstücken die Hände reiben. Doch die DNA-Analyse steckt Anfang der 80er Jahre noch in den Kinderschuhen. Ermittelt wird anfangs in alle Richtungen. Der umtriebige Karry habe „mehr Feinde gehabt, als wir dachten“, verrät seinerzeit ein Ermittler.

Feinde unter Rechtsextremen wegen seiner jüdischen Wurzeln, Feinde unter Startbahngegnern, in der Baubranche wegen Preisabsprachen, die der Minister gedeckt haben soll. Selbst Frauengeschichten sollen die Ermittler nachgegangenen sein, um auf mögliche Nebenbuhler zu stoßen.

Die heißeste Spur aber ist die Tatwaffe und die führt in linksextremistische Kreise. Die kleinkalibrige Pistole stammt aus einem Arsenal von Waffen, die 1970 zwei GIs, die der Black-Panther-Bewegung angehörten, aus einer US-Kaserne im mittelhessischen Kirchgöns entwendet hatten. Die Waffen tauchen noch Jahre später überall auf der Welt auf, meist in linksterroristischen Kreisen. „Eine Waffe ist sogar bei der japanischen RAF aufgetaucht“, erinnert sich LKA-Ermittler Baum.

Glaubt man einem Bekennerschreiben, das drei Wochen nach dem Attentat beim Frankfurter Stadtmagazin „Pflasterstrand“ einging, landete eine der Waffen bei den Revolutionären Zellen. Die bekennen sich zu dem Anschlag, erklären aber, Karrys Tod sei „nicht beabsichtigt, sondern ein Unfall“ gewesen. Man habe dem „Türaufmacher des Kapitals“ durch Schüsse in die Beine lediglich einen Denkzettel verpassen wollen. Bei einer Tötungsabsicht, so heißt es in dem mit Schreibmaschine erstellten Bekennerbrief, hätte man eine großkalibrige Waffe verwendet.

Der Generalbundesanwalt als Herr des Verfahrens wertet die Tat aber als Mord. Doch als der junge Kommissar Baum den Fall 1993 übernimmt, sind all diese Spuren ohne Ergebnis ausermittelt. „Auf den Akten lag aber kein Staub“, betont Baum. Denn die Gauck-Behörde hatte gerade ihre Archive geöffnet und die LKA-Ermittler erhoffen sich aus den Stasi-Unterlagen Rückschlüsse auf RAF-Aussteiger, die Kenntnis von dem Attentäter gehabt haben könnten. Baum reist häufig nach Berlin, um ehemalige hochrangige Stasi-Mitarbeiter zu vernehmen, die im Gefängnis sitzen. Hinweise aus den Stasi-Akten und den Verhören führen Baum nach Dänemark, Spanien und in einem Fall sogar bis Los Angeles, wo er eine ehemalige Aktivistin aus dem Dunstkreis der Revolutionären Zellen als Zeugin befragt. All das bleibt vergebens. Immer wieder tauchen Gerüchte auf. Etwa, der RAF-Terrorist Wolfgang Grams habe Karry erschossen. „Grams war bei Karry nie ein Thema, wir sind auch nicht auf jeden Strohhalm angesprungen“, so Baum.

1999 bringt der Kronzeuge Tarek Mousli neuen Schwung in die Ermittlungen. Mousli, der einräumt, von 1985 bis 1990 Mitglied der Revolutionären Zellen (RZ) gewesen zu sein, beschuldigt Rudolf Schindler, der Schütze in der Hofhausstraße gewesen zu sein. Das LKA gründet eine kleine AG mit vier Leuten, um der Sache nachzugehen. Mousli sagt, Schindler sei der beste Schütze der RZ gewesen und habe auch 1987 beim Attentat auf den Richter am Bundesverwaltungsgericht Günter Korbmacher geschossen. Er selbst, so Mousli, sei das Motorrad gefahren, auf dem Sozius Schindler saß und geschossen habe. Anders als bei Karry sind die Schüsse auf Korbmacher nicht tödlich und der Anschlag ist zum Zeitpunkt des Geständnisses bereits verjährt. „Die Argumentationskette von Mousli war schlüssig, aber es hat für uns nie ausgereicht, gegen Schindler konkret als Beschuldigten zu ermitteln“, so Baum. Denn DNA-Spuren, die heute häufig bei der Aufklärung lange zurückliegender Verbrechen helfen, sind aus jener Zeit nicht erhalten.

Im Jahr 2010, nach 17 Jahren, in denen er für den Fall Karry zuständig war, verlässt Baum den Verfassungsschutz in Richtung Präsidialamt des LKA. Der Fall gilt zu dem Zeitpunkt als zu den Akten gelegt. Jene Akten, die sich laut Baum auf eine Länge von 15 Metern aneinanderreihen. „Wir hatten 1330 Spuren“, weiß der 58-Jährige noch heute. Er habe zu dem Fall immer eine „professionelle Distanz und Gelassenheit“ gehabt, sagt Baum, betont aber: „Die Motivation war immer da, es war der einzige politische Mord an einem Regierungsmitglied.“ Ein Mord, der noch immer nicht aufgeklärt ist.

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