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Mord aus Geldgier

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Die Angeklagten Rainer Körppen (M.) und sein Sohn Sven (Dritter v.l.) am möglichen Tatort.
Die Angeklagten Rainer Körppen (M.) und sein Sohn Sven (Dritter v.l.) am möglichen Tatort. © picture-alliance / dpa

Diese Geschichte ist ein bedeutendes Stück Frankfurter Kriminalgeschichte: 1996 wird der reiche Unternehmer Jakub Fiszman entführt und anschließend ermordet. Die Täter, ein Familientrio, liefern einen spektakulären Prozess vor Gericht.

Von Christoph Albrecht-Heider

Der Name Körppen hat mir absolut nichts gesagt“, sagt der Chef des Wiesbadener Landeskriminalamtes, als die Sprache auf Fahndungspannen im Fall Fiszman kommt. Jakub Fiszman, 40, aus Frankfurt, ist am 1. Oktober 1996 entführt worden. Es wird bis zum 16. Oktober dauern, bis die Polizei drei Verdächtige mit dem Namen Körppen festnimmt: Rainer, seinen Sohn Sven und seine Frau Renate.

Die Ermittlungen im Umfeld Fiszmans haben sich in den ersten Tagen nach der Entführung auf die Beschäftigten aus Fiszman-Firmen konzentriert, die kürzlich gekündigt worden waren oder gekündigt werden sollten. Renate Körppen zählte nicht dazu. Sie arbeitet seit Jahren für Fiszman – und ist für die Polizei ein unbeschriebenes Blatt. Nicht jedoch ihr Ehemann, Rainer. Der hat in jüngeren Jahren einen Zuhälter erschossen, „aus Notwehr“, wie das Gericht urteilt, und einige Jahre im Gefängnis gesessen für den Tod seiner ersten Frau; „Körperverletzung mit Todesfolge“ hieß das Delikt. Der psychiatrische Gutachter im Fiszman-Prozess wird später Körppen einen „Verbrecher aus Leidenschaft“ nennen.

Vier Millionen Mark bezahlt

Von der Entführung des Unternehmers Fiszman, dessen Vermögen auf 400 Millionen Mark geschätzt wird, erfährt die Öffentlichkeit erst am 12. Oktober. Zwei Tage zuvor hat ein Bruder Fiszmans vereinbarungsgemäß vier Millionen Mark auf einem Autobahn-Parkplatz in der Nähe Bad Cambergs deponiert. Das Geld wird abgeholt, Jakub Fiszman aber bleibt verschwunden. Unter dem Eindruck der Entführung von Jan Philipp Reemtsma im Frühjahr desselben Jahres, von der die Öffentlichkeit erst nach der Freilassung Reemtsmas erfuhr, hat die Polizei auch im Fall Fiszman zunächst eine Nachrichtensperre verhängt. Nach der Festnahme der Familie Körppen gräbt sie im Garten von Körppens Eltern in Wiesbaden das Lösegeld aus. Die Tatbeteiligung der Körppens steht außer Frage. Aber wo ist Fiszman? Lebt er noch?

Zwei Tage nach Festnahme der Körppens bricht einer der drei sein Schweigen. Sven Körppen führt die Polizei in ein Waldstück bei Reckenroth im Hintertaunus. Hierhin seien sein Vater und er mit Fiszman gefahren. Er, Sven, sei im Wagen geblieben, während sein Vater mit dem Entführten in den Wald gegangen und ohne ihn zurückgekommen sei. Hundertschaften der Polizei durchsuchen die Gegend – und finden die Leiche Jakub Fiszmans. Er wird am 22. Oktober unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt.

Dass die Polizei erst spät auf Körppen stößt, ist das eine. Sie ist auch Hinweisen auf ein verdächtiges Auto nicht nachgegangen. Nachbarn von Jakub Fiszman, der in der Bockenheimer Lilienthalallee wohnte, hatten von einem weißen Fiat-Transporter berichtet, der ihnen mehrmals vor dem Haus des später Entführten aufgefallen war. Der Polizei entging, dass es sich um ein gestohlenes Auto handelte. Wie sich später herausstellte, saßen Rainer und Sven Körppen wiederholt in dem Lieferwagen, um Fiszmans Haus zu beobachten.

Gegenseitige Beschuldigungen

Im Prozess, der im Oktober 1997 beginnt, beschuldigen sich Vater und Sohn Körppen gegenseitig des Mordes. Der psychiatrische Sachverständige diagnostiziert ein Abhängigkeitsverhältnis des Sohnes: „Er war vermutlich unfähig, das manipulative Vorgehen seines Vaters wahrzunehmen.“ Die Indizien gegen Rainer Körppen sind erdrückend: Blutspuren Fiszmans in seiner Garage in Langen, DNA von ihm an einer Zigarettenkippe, die in dem Lieferwagen gefunden wird, Faserspuren Fiszmans an seiner Kleidung. Und dann kommt der Auftritt des Computerfachmanns Rainer-Lionel d’Arcy.

Das LKA hat die Festplatte des Computers von Rainer Körppen, die dieser vermeintlich zerstört hatte, untersucht und dort den Anfang des Erpresserbriefes gefunden, der da lautete: „Wie Sie ja bereits wissen…“. D’Arcy („Ich habe mit einem sehr viel leistungsstärkeren Programm als das LKA gearbeitet.“) entdeckt auf der geschredderten Festplatte jedoch insgesamt 80 Teile der Erpresserbriefe und ein komplettes Erpresser-Schreiben.

Rainer Körppen wird zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Sein Sohn Sven bekommt 14 Jahre. Er wird 2007 entlassen und nimmt sich 2010 das Leben. Im Laufe der Ermittlungen findet die Polizei Beweise dafür, dass Vater und Sohn auch die Entführung eines Dietzenbacher Kaufmannssohnes 1993 zu verantworten haben, für dessen Freilassung zwei Millionen Mark gezahlt wurden. Und auch die Entführung eines Sohnes eines Fiszman-Bruders in Köln 1991 geht auf das Konto Körppens. Das Kind kam frei, mit den zwei Millionen Mark Lösegeld machte sich Körppen davon. Auch für diese Taten wird Rainer Körppen verurteilt.

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