+
Blumen markierten im November 2009 den Ort, an dem Büsra G. verblutet war.

Landgericht Darmstadt

Mord an der Ex-Freundin

Hür S. hat seine Ex-Freundin mit drei Messerstichen getötet. Er muss lebenslang in Haft - weil er sich "letztmals über sein Opfer erheben" wollte, so urteilt das Gericht.

Von Sonja Jordans

Er musste sie töten. Er habe nicht anders handeln können – so sieht es das Gericht. Hür S. habe sich „letztmals über sein Opfer erheben wollen“. Ein letztes Mal habe der 24-Jährige seine Dominanz über Büsra G. (26) demonstrieren müssen. Dieses letzte Mal endete mit dem Tod der jungen Frau. Sie verblutete, nachdem ihr Hür S. vergangenen November in einem Computerraum der Hochschule Darmstadt ein Messer mit 14 Zentimeter langer Klinge drei Mal in den Rücken rammte – weil das Opfer einen anderen Mann kennengelernt und sich vom Täter getrennt hatte.

Für seine Tat muss der 24-Jährige lebenslang hinter Gitter. Das hat das Landgericht Darmstadt am Montag unter Vorsitz von Richter Volker Wagner entschieden. Damit ist die Kammer dem Antrag der Staatsanwaltschaft gefolgt. Die Verteidigung des Mannes hatte zuvor acht Jahre Haft wegen Totschlags gefordert.

Das Schluchzen der Angehörigen von Büsra G. begleitet die Urteilsbegründung Wagners am frühen Montagnachmittag. Die Familie der getöteten Studentin ist aus deren Heimatort in der Türkei angereist, um zu verfolgen, welche Strafe der Mörder ihrer Tochter, der ebenfalls aus der Türkei stammt, erhält. Lebenslang, jedoch ohne die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld, so das Gericht. Den Täter erwartet keine Sicherungsverwahrung, wenn er seine Haftstrafe verbüßt hat. Er solle, wenn er irgendwann aus dem Gefängnis entlassen werde, noch Perspektiven haben, so die Kammer. Das lebenslang in Deutschland nicht wirklich Haft bis zum Tode hinter Gittern bedeutet, ist für die Mutter der Getöteten nur schwer begreiflich, wie eine Freundin übersetzt.

Das Gericht habe es sich mit seiner Entscheidung, einen jungen Menschen wegen Mordes zu einer lebenslangen Haft zu verurteilen, nicht leicht gemacht. „Aber wir haben eine Verpflichtung dem Opfer gegenüber, das Opfer hat es nicht verdient, dass wir es uns leicht machen“, betonte Wagner in seiner knapp dreiviertel-stündigen Urteilsbegründung. Dennoch müsse man dem Sachverhalt unbefangen entgegentreten.

Dazu würdigte das Gericht unter anderem Zeugenaussagen von Freundinnen der Getöteten. Diese hatten im Prozess ausgesagt, dass Büsra G. von ihrem späteren Mörder während ihrer vierjährigen Beziehung gedemütigt, geschlagen und kontrolliert worden sei. Auch Tagebucheintragungen, die nach Auffassung des Gerichts von Büsra G. stammen, berichten von Beschimpfungen und Beleidigungen. Kurz vor ihrem Tod habe es die junge Frau jedoch geschafft, sich von ihrem Freund zu trennen: Sie hatte einen anderen Mann kennen und lieben gelernt. Handy-Kurzmitteilungen, die sich Büsra G. und ihr neuer Freund geschrieben haben, zeugen von Verliebtheit und den Plänen, für immer zusammenzubleiben. Dies habe Hür S. nicht verwunden. „Büsra hatte ihr Lebensglück sicher und zweifelsfrei gefunden“, so der Richter zu Hür S.. „Daraufhin haben Sie das Messer gekauft und sind auf direktem Weg zu ihrer Ex-Freundin gegangen, es passt einfach alles.“

Täter kündigte Tat an

Auch der Satz, den Hür S. in einem Telefongespräch zum neuen Freund des späteren Opfers gesagt haben soll, passe in das Verhaltensmuster: „Wenn ich sie nicht bekomme, soll sie keiner haben.“ Die Aussage „es wird Blut fließen“ soll in diesem Zusammenhang gefallen sein. Für das Gericht eine Ankündigung der Tat. „Viele Indizien sprechen dafür, dass es niedere Beweggründe waren“, so Wagner. Wer einem Menschen drei Mal in den Rücken steche, wolle töten – heimtückisch, wie es heimtückischer nicht sein könne. Denn das Opfer sei zum Tatzeitpunkt völlig arg- und wehrlos gewesen: Es saß am Computer, als sich der Täter lautlos von hinten näherte und vor den Augen zahlreicher Kommilitonen zustach.

Zwar habe die Verteidigung des Mannes alles gegeben, Zweifel an der Mordtheorie der Staatsanwaltschaft zu säen, betont Wagner. Doch: „Das ist Mord und auf Mord steht lebenslänglich.“ Die Verteidigung wird gegen das Urteil das Rechtsmittel der Revision einlegen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare