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Heinz-Herbert Karry im September 1978 vor dem Hessischen Wirtschaftsministerium.
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Heinz-Herbert Karry im September 1978 vor dem Hessischen Wirtschaftsministerium.

Gedenken

Mord an Wirtschaftsminister Karry: Auf den Spuren der Revolutionären Zellen

  • Oliver Teutsch
    VonOliver Teutsch
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Robert Wolff hat sich in seiner Doktorarbeit auch mit der Ermordung des ehemaligen hessischen Ministers Heinz-Herbert Karry befasst. Genau vor 40 Jahren wurde er erschossen.

Auch 40 Jahre nach dem Tod von Heinz-Herbert Karry gibt es noch Menschen, die sich intensiv mit der Ermordung des ehemaligen hessischen Wirtschaftsministers befassen. Robert Wolff hat für seine Doktorarbeit an der Goethe-Universität monatelang Akten darüber studiert, wer Karry am 11. Mai 1981 durch das geöffnete Schlafzimmerfenster seines Hauses in Frankfurt-Seckbach heimtückisch erschoss. „Alle Experten haben mir abgeraten von dem Thema, da die Aktenlage sehr schlecht sei“, erinnert sich Wolff.

Dabei befasst sich der studierte Historiker zunächst nur mittelbar mit der Ermordung. Für die Ausstellung des Anne-Frank-Hauses zum 40. Jahrestag der Entführung eines Passagierflugzeugs nach Entebbe soll Wolff 2016 einen Aufsatz über die Revolutionären Zellen (RZ) schreiben und staunt, wie wenig er darüber findet. Die Berichterstattung ist meist überlagert von der RAF um deren charismatische Köpfe Ulrike Meinhof und Andreas Baader.

Doch über die selbst ernannten Feierabendterroristen der Revolutionären Zellen gibt es trotz deren 186 Anschlägen wenig profundes Material. „Da hat mich das Thema dann gepackt“, bekennt Wolff. Richtig Fahrt nimmt die Sache auf, als Wolff erfährt, dass das Bundeskriminalamt (BKA) die meisten Ermittlungsakten an das öffentlich zugängliche Bundesarchiv in Koblenz abgegeben hat. Wolff sichtet die Akten und merkt: Der Fall Karry fehlt. Denn den hat nicht das BKA, sondern das hessische Landeskriminalamt (LKA) bearbeitet. Nach den Schüssen in Seckbach war nämlich zunächst unklar, ob es sich um ein terroristisches Attentat handelt. Zu viele Indizien sprachen dagegen. So war die Tatwaffe auf einem Feld unweit des Tatorts weggeworfen worden. „Das ist völlig untypisch für Linksterrorismus“, so Wolff.

Auch das zunächst fehlende Bekennerschreiben war atypisch. Das Muster der Revolutionären Zellen war immer gleich, hat Wolff herausgefunden. Anschläge im Morgengrauen, die dazugehörigen Bekennerschreiben gingen am selben Morgen in diversen Redaktionsstuben ein. Im Fall Karry trudelte ein Bekennerschreiben erst drei Wochen nach der Tat bei der Redaktion des „Pflasterstrands“ ein. Die Tötung des hessischen Politikers sei „nicht beabsichtigt, sondern ein Unfall“ gewesen.

Die Polizei vermutet, dass deswegen zunächst ein Bekennerschreiben fehlte. Doktorand Wolff hält das für einen Logikfehler der Behörden: „Die Bekennerschreiben wurden ja immer vor der Tat abgeschickt.“ Das LKA weiß bei den Ermittlungen bald nicht weiter und bittet das BKA um Hilfe bei möglichen Täterkreisen. Diese Einschätzungen finden sich wiederum in den Akten, die Wolff sichten darf. Genauso wie die Wege der Tatwaffe, die aus einem Arsenal stammt, das zwei US-Soldaten der Black-Panther-Bewegung 1970 aus einer Kaserne in Kirchgöns entwendet hatten. „Es ist superspannend, wo die Waffen überall gelandet sind“, so Wolff.

Robert Wolff, Goethe-Universität Frankfurt

Der 30-Jährige taucht immer tiefer in die Materie ein, verbringt drei Monate in der Stasi-Behörde, um die dortigen Akten über die RZ zu sichten. Über die Anwälte erhält er auch Kontakt zu einem halben Dutzend ehemaligen RZ-Terroristen wie Johannes Weinrich, den er im Knast in Berlin-Tegel besuchen darf. Einhelliger Tenor aller RZ-Leute, mit denen Wolff gesprochen hat: Wir lehnen diese Tat vollständig ab. „Das wurde unabhängig voneinander mit unglaublicher Vehemenz vorgebracht“, so Wolff, der feststellt, dass er der Lösung im Mordfall Karry weiter entfernt ist, je tiefer er in die Materie eintaucht. „Mein Ziel war aber auch nicht, den Mordfall Karry zu lösen“, betont er.

Feinde hatte der umtriebige Karry viele. Darüber hatte das LKA bei den Ermittlungen zuallererst gestaunt. Im kollektiven Gedächtnis bleibt der Mord an dem liberalen Politiker eine Tat von Linksterroristen. Das beweisen auch die politischen Reaktionen zu Karrys 40. Todestag. So bekannten sich die Landtagsfraktionen von FDP, Grünen und CDU, dazu „dass das Gedenken an Heinz-Herbert Karry und die Opfer der linksextremen Terrororganisation Roten Armee Fraktion (RAF) bleibende Aufgabe ist“. Die Grünen erinnern an die Welle von Terroranschlägen durch die RAF. Karry sei eines der Opfer gewesen. Die FDP selbst würdigte den ehemaligen Parteikollegen als „wirtschaftlichen Vordenker seiner Zeit“ und gab zu bedenken, dass die Tat bis heute nicht aufgeklärt sei.

Bis zum Sommer will Robert Wolff seine Dissertation nach vier Jahren Recherche fertig haben, im kommenden Jahr sei eine Buchveröffentlichung geplant. Darin enthalten seien einige Zitate ehemaliger RZ-Köpfe, die bislang aber nur für die Dissertation freigegeben sind. Der Mordfall Karry wird unabhängig davon wohl ungelöst bleiben.

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