+
Harte Arbeit wartet auf den Baustellen im Rhein-Main-Gebiet auf Männer aus Osteuropa. Der versprochene Lohn bleibt oft aus.

Schwarzarbeit und Menschenhandel

Moderne Arbeitssklaven im Rhein-Main-Gebiet

  • schließen

Auf einigen Gebäuden in der Wohnsiedlung Lehrhöfer Park in Hanau sollen Bulgaren ohne Arbeitsverträge beschäftigt und kaum bezahlt worden sein. Und ständig werden neue Männer rekrutiert.

Petko T. hört sie schon jetzt, die Fragen von Freunden und Verwandten, sobald er zurück ist in Bulgarien: „Drei Monate auf dem Bau in Deutschland, und du hast kein Geld dafür bekommen? Da musst du doch was falsch gemacht haben, Petko!“ Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau steigen dem 48-Jährigen die Tränen in die Augen. Er zündet sich noch eine Zigarette an. „Nie hätte ich gedacht, dass mir so etwas passiert“, sagt er. „Der Vermittler in Bulgarien hat mir versichert, dass es keine Probleme geben wird.“ Stattdessen habe er von Anfang an nicht den versprochenen Lohn für seine Arbeit erhalten, seit mehr als vier Wochen keinen Cent mehr. Um sich etwas zu essen und zu trinken zu kaufen, musste sich Petko T. Geld von Kollegen leihen.

Er ist einer von vielen, die auf Baustellen im Rhein-Main-Gebiet ausgebeutet werden, in einem undurchsichtigen System von Firmen, Mittels- und Hintermännern, die abkassieren, aber nicht verantwortlich sein wollen. Petko T. hat Angst. Um ihn und seine Familie zu schützen, haben wir seinen Namen geändert.

System zum Schutz von Schwarzarbeit und Menschenhandel

Gemeinsam mit dem Gewerkschafter Ivan Ivanov vom Projekt Faire Mobilität beim Europäischen Verein für Wanderarbeiterfragen hat sich die FR ein Bauprojekt im Lehrhöfer Park in Hanau genau angeschaut, mit betroffenen Arbeitern und Subunternehmern gesprochen und das Firmengeflecht und die Akteure dahinter recherchiert. Ergebnis: ein System, das Schwarzarbeit und Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung begünstigt. Und sobald die modernen „Arbeitssklaven“ zurück sind in ihren Heimatländern, kommen die nächsten nach.

Im Lehrhöfer Park werden ehemalige Kasernen saniert. Käufer der denkmalgeschützten Eigentumswohnungen können Steuern sparen, wie ein ortsansässiger Immobilienmakler erzählt. Mehr als 3000 Euro legen Wohnungskäufer mittlerweile für den Quadratmeter im Park auf den Tisch. Und die Preise steigen weiter.

Petko T. arbeitete auf einem von sechs Gebäuden im Park, die der Investor Dolphin Trust aus Langenhagen 2013 gekauft hatte. Der Projektentwickler gliedert seine Immobilien in Gesellschaften aus, in diesem Fall in die Dolphin Capital 184. Projekt GmbH & Co. KG, und verkauft sie dann. Seit Ende 2017 gehört die 184. Projektgesellschaft samt der Gebäude in der Bertha-von-Suttner-Straße, in der Lehrhöfer Heide und in der Schäferheide der SIM Süddeutsche Immobilien Verwaltungs GmbH, Berlin, die außerdem sechs weitere solcher Dolphin-Trust-Gesellschaften gekauft hat. Die SIM ist außerdem alleiniger Gesellschafter der GSP Projektbau GmbH, Berg, die als Generalunternehmen mit der Sanierung der sechs Gebäude beauftragt sein soll. Allein von April bis Anfang August 2018 sollen hier 18 Bulgaren gearbeitet haben.

Petko T. erzählt, wie er mit fünf Freunden, die er selbst geworben hatte, nach Hanau kam. Der Vermittler habe ihnen Arbeitsverträge und guten Lohn in Aussicht gestellt. Petko T. arbeitet seit 30 Jahren auf bulgarischen Baustellen – zuletzt für zwei Euro Stundenlohn. Im Raum Magdeburg habe Georgi D. die Gruppe zuerst in Empfang genommen. Plötzlich sollten die Männer Gewerbescheine beantragen. Petko T. und drei weitere weigerten sich. Georgi D. habe versprochen, „dass das noch geregelt wird, dass wir Papiere bekommen“. Drei Männer der Gruppe reisen nach drei Wochen heim. Sie hätten gemerkt, dass hier was nicht stimmt. Petko T. bleibt. „Ohne Geld wollte ich nicht gehen.“

Hier und etwas Geld und Drohungen

Georgi D. ist die sichtbarste Schlüsselfigur auf den GSP-Baustellen im Lehrhöfer Park. Den Arbeitern soll sich der Bulgare mit Wohnsitz Magdeburg mal als „Chauffeur“ und meist als „Vermittler“ vorgestellt haben. Eigentlich aber soll er auf drei der Gebäude in der Suttner-Straße und in der Lehrhöfer Heide, wo auch Petko T. beschäftigt war, Arbeit und Arbeitsmittel verteilt, Fragen nach Lohn abgewiegelt und auch mal gedroht haben. Von Bauen hat Georgi D., wie er am Telefon bestätigt, keine Ahnung. Daneben soll er den Arbeitern, hatten sie lange genug gedrängt, hier und da etwas Geld gegeben haben, um sich Essen und Getränke  zu kaufen. Die Rückkehrer aus Petko T.s Gruppe sollen ebenfalls Bargeld erhalten haben. Eine Zahlung über 150 Euro überwies Georgi D. persönlich auf das Konto eines Arbeiters, wie aus einem Beleg hervorgeht.

Auch Stanislav K. (Name geändert) läuft seinem Geld hinterher. Mindestens seit Ende 2017, seit Dolphin Trust die Gebäude an die Berliner Gesellschaft SIM verkauft hatte. Stanislav K. ist Bulgare, Kleinunternehmer und beschäftigte auf den drei Baustellen in der Suttner-Straße und Lehrhöfer Heide fünf eigene Arbeiter. Den „Vermittler“ Georgi D. aber kenne er schon länger, erzählt Stanislav K. Denn bis Ende 2017 hatte er noch für eine bulgarische Firma aus Svishtov an der Donau (Name ist der Redaktion bekannt) gearbeitet, die von GSP mit der Sanierung der Kasernengebäude im Lehrhöfer Park in Hanau beauftragt gewesen sein soll. Schon damals habe er seinen Lohn nur bar erhalten, sagt Stanislav K. Viele Bulgaren und Rumänen seien schon da genötigt worden, Gewerbe anzumelden, sobald sie in Deutschland waren. Und Georgi D., ein Freund des damaligen Geschäftsführers Vasilev P., sei bereits als „Vermittler“ aufgetreten. Als die Firma Ende 2017 die Steuerfreistellung für Deutschland verloren habe, habe ihn Vasilev P. gebeten, sich selbstständig zu machen und die Arbeit in Hanau fortzuführen.

Doch Rechnungen, die der Neuunternehmer Stanislav K. nun an das Generalunternehmen GSP schrieb, seien unregelmäßig und unzureichend bezahlt worden, erzählt Stanislav K. Trotzdem habe ihn „Vermittler“ Georgi D. zweimal genötigt, weitere Aufträge im Lehrhöfer Park zu übernehmen, wenn er sein restliches Geld noch haben wolle. Zudem habe er quittieren müssen für Geld, das er nie erhalten habe. Es sollen die Beträge gewesen sein, die Georgi D. bar an die Rückkehrer der Gruppe von Petko T. gegeben habe.

Auch nach dem formalen Ausstieg der bulgarischen Firma hätten Georgi D. und Vasilev P. weiter mitkassieren wollen. Von Stanislav K. hätten sie hohe „Provisionen“ gefordert. Doch der Kleinunternehmer weigerte sich. Deshalb hätten Georgi D. und Vasilev P. Anfang 2018 – mit Hilfe weiterer Hintermänner aus dem Raum Magdeburg – die Berliner Firma Bebas Bauservice GmbH zwischengeschaltet. Die wurde erst Ende 2017 gegründet und sitzt mit fast 200 weiteren Firmen am Kurfürstendamm 194. Bebas soll nun das Geld für die Arbeit von Stanislav K. und seinen Angestellten kassieren und überweist ihm statt der bisherigen 20 Euro nur noch 12 pro Stunde.

Stanislav K., der kein Deutsch spricht und mit der Situation zunehmend überfordert war, holte sich bereits im Januar 2018 Hilfe in einem Beratungsbüro für ausländische Unternehmer in Hanau. Dort bestätigt man: Stanislav K. sei nicht mehr in der Lage, die Abgaben für seine Angestellten zu zahlen, und habe selbst nichts mehr, wovon er mit seiner Familie leben kann. Der Geschäftsführerin von Bebas, die zuvor nie geschäftlich in Erscheinung getreten war, und dem „Vermittler“ Georgi D. telefoniere man wegen des Geldes seit März erfolglos hinterher.

FR-Anfragen bleiben unbeantwortet

Fast alle Anfragen der FR an die beteiligten Unternehmen bleiben unbeantwortet. Dolphin Trust sieht sich für Fragen, auch zu den Jahren 2016 und 2017, nicht zuständig, weil es die Projekttochter, die nach wie vor unter der Adresse von Dolphin Trust in Langenhagen residiert, Ende 2017 verkauft hatte. „Vermittler“ Georgi D. will nicht verraten, in wessen Auftrag oder für welches Unternehmen er arbeitet. Er kenne die Arbeiter im Lehrhöfer Park nicht, nennt aber den Namen seines „Chefs“: Sascha G., vermutlich einer der Hintermänner in diesem Konstrukt. Denn um ihn und weitere der FR namentlich bekannte Männer zieht sich ein weiteres Geflecht von Firmen im Raum Magdeburg, das mit dem Generalunternehmen GSP personell verbunden ist. Transporter vor den ehemaligen Dolphin-Trust-Gebäuden im Lehrhöfer Park tragen die Kennzeichen des Salzlandkreises. Arbeiter berichten, sie gehören Sascha G. Und im Salzlandkreis sind Gewerbe für Arbeiter im Lehrhöfer Park gemeldet.

Das Generalunternehmen GSP hat längst damit begonnen, weitere Gebäude im Lehrhöfer Park, in der Lehrhöfer Heide und in der Schäferheide zu sanieren – während Bebas weiter fleißig Anzeigen auf bulgarischen Jobportalen schaltet: Gesucht werden „qualifizierte Bauarbeiter“ und Bauleiter für Bauprojekte in Deutschland. Geboten wird: ein „gutes Gehalt“.

Petko T. ist längst zurück in Bulgarien, seine Angst war zu groß vor Georgi D., der die blauen Container im Lehrhöfer Park, in denen auch Petko T. geschlafen hatte, wütend nach ihm durchsucht haben soll. Das Geld fürs Benzin hat er von der Eberhard-Schultz-Stiftung für Menschenrechte und Partizipation bekommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare