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Mit mulmigem Gefühl zum Einsatz

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Haben schon einiges erlebt und lassen sich trotzdem nicht entmutigen: die Rettungssanitäterinnen Nina Pflanz (links) und Katharina Rühl mit ihrem Kollegen Florian Theiß.
Haben schon einiges erlebt und lassen sich trotzdem nicht entmutigen: die Rettungssanitäterinnen Nina Pflanz (links) und Katharina Rühl mit ihrem Kollegen Florian Theiß. kleemann © Kleemann

Rettungskräfte erleben im Dienst immer mehr Aggressivität und Verrohung

HOchtaunus - Thorsten Schreiber, seit 15 Jahren bei der Feuerwehr in Bad Homburg, erinnert sich noch gut an diesen Einsatz. Ein Autofahrer hatte ihn damals angefahren, er ignorierte einfach die Fahrbahnsperrung. Weil er es eilig hatte. „Die Ungeduld der Menschen hat definitiv zugenommen“, sagt Schreiber. Da löst dann ein quer auf der Straße geparkter Rettungswagen schon ähnliche Aggressionen aus wie ein Müllauto. „Man hat das Gefühl, dass es immer weniger Akzeptanz für die Einsatzmaßnahmen in der Bevölkerung gibt. Viele meinen auch, es besser zu wissen.“

Der jüngste Tiefpunkt dieses Trends waren die Krawalle in der Silvesternacht in Berlin, die bundesweit für Aufsehen sorgten. Bilder der von Feierwütigen blockierten Rettungswege, alkoholisierten Menschenmengen und des verantwortungslosen Hantierens mit Feuerwerkskörpern sind jedoch nur ein Ausschnitt des Alltags der Einsatzkräfte, der in den vergangenen Jahren immer herausfordernder wurde.

Nach Angaben des Bundesinnenministeriums gab es bereits im Jahr 2021 einen erheblichen Anstieg der Angriffe auf Rettungskräfte im Vergleich zum Vorjahr. In Nordrhein-Westfalen allein ist jeder achte Retter bereits Opfer von körperlicher Gewalt geworden.

Einsätze, bei denen die Gefahr deutlich spürbar war, sind auch Rettungssanitäter Nina Pfalz und Florian Theiß von der Rettungswache Bad Homburg noch präsent. So gab es Situationen, in denen Personen sie zurück zum Rettungswagen gedrängt oder ihnen den Ausgang einer Wohnung bedrohlich versperrt haben. Doch im Hochtaunus sind solche Einsätze oder die Schilderung von Feuerwehrmann Schreiber noch Einzelfälle, die Tendenz zur Eskalation lässt sich im Taunus also noch nicht beobachten. Das sagen Rettungsdienst und Feuerwehr unisono. Und dennoch: Die örtlichen Retter sind besorgt. Das gesellschaftliche Klima habe sich gewandelt, so Pfalz und Theiß. In der Bürgerschaft nähmen Verrohung, Respektlosigkeit und Ungeduld immer weiter zu.

Pöbeleien und viel Ungeduld

„Was wir in den letzten Jahren wahrnehmen, ist ein deutlich gestiegenes Aggressionspotenzial unserer Patienten“, sagt Pfalz. „Durch ein gewisses Unverständnis für unseren Beruf kommt es leider öfter mal zu verbalen Auseinandersetzungen.“ Oft spielen auch Alkohol und Drogen eine Rolle und lassen die Hemmschwelle weiter absinken. Heiko Himmelhuber, stellvertretender Rettungsdienstleiter, fasst es in Zahlen zusammen: Die Fälle körperlicher Gewalt beziffert er auf lediglich eine Handvoll im Jahr - und das bei rund 35 000 Einsätzen.

Auch wenn Himmelhuber bei Respektlosigkeiten und Bedrohung keine konkreten Zahlen nennen kann - schließlich werde nicht über jede Beleidigung, jeden Tritt gegen das Auto oder Spuck-Attacke Buch geführt -, kommt er zu der ernüchternden Bilanz: Die Anfeindungen nehmen stark zu. „Die Bürger müssen verstehen, dass wir noch immer im Zeichen der Menschlichkeit arbeiten“, sagt Himmelhuber. „Wenn wir bei unserer Arbeit behindert werden, ist das vor allem eine Respektlosigkeit gegenüber dem Patienten, der behandelt wird - in einem oft lebensbedrohlichen Zustand.“

Auch die größtenteils ehrenamtlichen Einsatzkräfte der Feuerwehr beklagen die sinkende Hemmschwelle. Möglicherweise hat diese Verrohung auch damit zu tun, dass in der Gesellschaft der Stresspegel gestiegen ist, angesichts der vielen Krisen der vergangenen drei Jahre. Das schlage sich nun auch in einem wachsenden Aggressionspotenzial nieder.

Daniel Guischard leitet die Feuerwehr der Kurstadt. Unter ihm arbeiten über 350 Ehrenamtliche. Auch ihn besorgt diese Tendenz. „Wenn Menschen, die anderen helfen wollen, angegriffen werden, ist das eine ganz dramatische Entwicklung“, so der Feuerwehrchef. Denn auch die Retter stehen unter enormem Druck angesichts von Fachkräftemangel und immer mehr Einsätzen - auch durch Bagatellen. Die Retter arbeiten also ohnehin schon an den Grenzen der Belastbarkeit - und jetzt kommen auch noch aggressive Mitmenschen hinzu, die Einsätze behindern. „Das hat ganz massive Folgen für die Moral und Motivation der Ehrenamtlichen“, ist Guischard überzeugt.

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