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Missstände am Bau in Hessen: „Viele geraten in eine fatale Abwärtsspirale“

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Von: Gregor Haschnik

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Alexandru Firus studierte Politikwissenschaft und Wirtschaftsgeografie in Temeswar (Rumänien) und Frankfurt. Für das Peco-Institut, einen gewerkschaftsnahen Bildungsträger, macht er aufsuchende Sozialarbeit für Bauarbeiter aus Mittel- und Osteuropa.
Alexandru Firus studierte Politikwissenschaft und Wirtschaftsgeografie in Temeswar (Rumänien) und Frankfurt. Für das Peco-Institut, einen gewerkschaftsnahen Bildungsträger, macht er aufsuchende Sozialarbeit für Bauarbeiter aus Mittel- und Osteuropa. © Privat

Sozialarbeiter Alexandru Firus spricht im FR-Interview über das Leben von prekär Beschäftigten Bauarbeitern, geduldete Missstände und aufsuchende Hilfe.

Alexandru Firus ist gerade in Rumänien. Das Interview will er dennoch führen, nimmt sich zwei Stunden Zeit und schickt weitere Informationen. Er brennt für seine Aufgabe. Auf dem Bau schuftende Wanderarbeiter unterstütze er, wo er nur könne, sagt sein Vorgesetzter Michael Baumgarten, Geschäftsführer des Peco-Instituts. Arbeiter bezeichnen Firus als Helfer in der Not.

Herr Firus, was war Ihr erster prägender Eindruck in der aufsuchenden Sozialarbeit?

Während des Studiums habe ich ein Praktikum beim Europäischen Verein für Wanderarbeiterfragen gemacht, bei dem ich später auch angestellt war. Wir haben mal die Unterkunft eines Landwirtschaftsbetriebs bei Darmstadt besucht. Je sechs Menschen lebten auf etwa 20 Quadratmetern. Warmes Wasser gab es nur etwa für die ersten zehn von 150 Leuten. Ich war entsetzt, auch weil wir den Ort zufällig ausgewählt hatten.

Vor sechs Monaten gerieten rund 100 Arbeiter nach einer Razzia gegen Subunternehmen, unter anderem wegen des Verdachts des Steuerbetrugs, in Not. Sie hatten, wie die FR berichtete, ihr Gehalt noch nicht bekommen, einige wurden zeitweise obdachlos. Wie haben Sie den Fall erlebt?

Ich war in einer Großunterkunft und traf auf verzweifelte, zum Teil wütende Männer. Gleichzeitig positionierten sich draußen andere dubiose Firmen und boten den Leuten, die in einer schlechten Verhandlungsposition waren, Arbeit an. Es war eine skurrile Situation und ein Zeichen dafür, dass sich kaum etwas ändern würde.

Wie haben Sie geholfen?

Ich habe mich mit meinen Kolleg:innen von der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt sowie der Beratungsstelle Faire Mobilität vernetzt, um die große Menge an Leuten besser beraten zu können. Wir haben beispielsweise nach Lösungen für diejenigen gesucht, die ihren Platz in der Unterkunft verloren, weil der Arbeitgeber diesen bezahlte. Wir haben Arbeitsnachweise und andere Unterlagen gesammelt, um die ausstehenden Löhne später beim Generalunternehmen einfordern zu können.

Mit welchen grundlegenden Problemen kämpfen die Arbeiter?

Sie werden wie Tagelöhner behandelt, arbeiten unter der Woche zehn Stunden und mehr. Beides ist im deutschen Baugewerbe nicht zulässig. Wer mal krank ist, bekommt an den Tagen häufig kein Geld. Gesetzeskonform, mit Steuern und Sozialabgaben, wird nur ein Teil des Lohns ausgezahlt, der Rest schwarz, wodurch die Arbeiter in die Illegalität gezogen werden. Urlaub oder Feiertage werden fast nie bezahlt. Unter diesen Umständen würde es sich für die Beschäftigten ohne das Schwarzgeld nicht lohnen, in Deutschland zu arbeiten. Der Mindestlohn oder nicht tarifgebundene Stundenlöhne für Handwerker sind zu gering.

Welche Missstände gibt es noch?

Den Arbeitern wird oft Lohn vorenthalten oder sie haben Probleme mit der Krankenkasse, oft aufgrund unfreiwilliger Schwarzarbeit. Sie können mit den Schwierigkeiten nicht klarkommen, schon weil sie kaum Deutsch sprechen und die Bürokratie hier nicht kennen. Wann sollen sie bei bis zu 250 Stunden Arbeit pro Monat die Sprache lernen? Ein Antrag auf Krankengeld zum Beispiel ist eine große Herausforderung. Viele Arbeiter geraten in eine gefährliche Abwärtsspirale. Die Arbeits- und Wohnbedingungen sind hart; sie sind weit weg von der Familie.

Welche Folgen hat das?

Abends schauen sie häufig fern und trinken Alkohol. Übermäßiger Konsum verursacht weitere Probleme, mit der Gesundheit, dem Arbeitgeber und der Familie. Manche landen sogar auf der Straße. Wir müssen die Menschen ganz unten abholen.

Wie sind die Bedingungen in den Arbeiterunterkünften?

In den eigenständig betriebenen Unterkünften leben mehrere Hundert Leute in beengten Verhältnissen. Drei bis vier Leute teilen sich ein 20 Quadratmeter großes Zimmer, drei bis vier Zimmer teilen sich ein Bad und eine Küche. Dafür zahlt jeder etwa 350 Euro. Für die Betreiber ist es ein lukratives Geschäft. Demgegenüber liegen in Heimen von Arbeitgebern, die kaum kontrolliert werden, schon mal viele Matratzen nebeneinander. In einem Fall wurde ein Bordell umfunktioniert, wobei sich an der Einrichtung wenig änderte. Die Arbeiter wurden dort regelrecht zusammengepfercht.

Gibt es Fälle, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Im Sommer brach sich ein Beschäftigter aus Rumänien beim Bau einer Schule das Bein. Er war nicht bei einer Krankenversicherung gemeldet, und der Arbeitgeber weigerte sich auch noch, ihn ins Krankenhaus zu fahren und ihm die Behandlung zu bezahlen – wohl aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen. Unter starken Schmerzen fuhr der Verletzte 1500 Kilometer in die Heimat, ließ sich dort behandeln. Zudem wartet er auf einen Teil seines Lohns. Das Generalunternehmen weigerte sich, für das Subunternehmen zu haften. Wir setzen uns dafür ein.

Warum braucht es aufsuchende Hilfe?

Die Betroffenen kommen gegen 19 Uhr zurück in die Unterkünfte. Dort sind sie ansprechbar, nicht auf den Baustellen. Eine Beratung im Büro zwischen 9 und 17 Uhr lässt sich auch deshalb schwer einrichten, weil es bezahlten Urlaub de facto nicht gibt. Wenn man in diese Welt „eintaucht“, lassen sich Kontakte leichter knüpfen, Dynamiken in der Branche schneller erfassen und Beratungsfälle effizienter bearbeiten. Aufsuchende Arbeit setzt aber die Bereitschaft voraus, abends und wochenends zu arbeiten, sowie Durchhaltevermögen bei emotional belastenden Fällen.

Dass sich jemand für die Wanderarbeiter einsetzt, kommt bei deren Chefs bestimmt nicht gut an.

Der Hilfebedarf ist riesig, so dass ich bei vielen Betroffenen auf Offenheit stoße. Gerade bei EU-Bürger:innen, weil diese ganz gute Chancen haben, bei einer anderen Firma einen Job zu finden. Drittstaatler:innen, bei denen der Aufenthalt an die Stelle gekoppelt ist, meiden den Kontakt eher. Was mein Verhältnis zu den Subunternehmen angeht: Ich mache nichts Verbotenes, nur meine Arbeit. Ablenken oder einschüchtern – ein paar Versuche gab es – lasse ich mich nicht, auch weil ich starke Organisationen im Rücken habe.

Welche Rolle spielen General- und welche Subunternehmen in dem System?

Wenn eine Firma „hochgeht“, tun Generalunternehmen häufig so, als hätten sie nichts geahnt, wie im Juni. Dabei waren in der Branche und bei mir und meinen Kolleg:innen die Machenschaften bekannt. Fragt man Subunternehmen, sagen einige, sie seien gezwungen, so zu handeln, weil die Generalunternehmen ihnen zu wenig zahlten. Löhne müssten gedrückt, Steuern hinterzogen werden. Einer zeigt auf den anderen.

Was müsste sich ändern?

Zunächst einmal die Vergabekriterien bei öffentlichen Aufträgen: Auch wenn weitere Aspekte berücksichtigt werden – ausschlaggebend ist in den meisten Fällen der Preis. Auch gerät oft aus dem Blick, an wen ein Generalunternehmen Teile des Auftrags weitergibt. Dadurch dass manche Subunternehmen selbst Aufträge weitergeben, entstehen undurchsichtige Ketten. Und nach juristischen Konsequenzen werden kriminelle Firmen manchmal einfach von anderen Leuten oder unter einem neuen Namen weitergeführt. Es bräuchte viel mehr Kontrollen.

Was noch?

Anreize oder Zwänge für Tarifbindung, vor allem in puncto Lohn. Deutschland hat den größten Niedriglohnsektor Europas. Gleichzeitig sollte die Kommunikation mit den Beschäftigten gefördert werden. In Frederikshavn, Dänemark, betreibt die Kommune ein Projekt wie meines mit staatlichen Mitteln. Arbeiter werden aufgefangen und sogar an gute Firmen vermittelt. Meine Stelle in Frankfurt läuft aus und wurde mit überschüssigen Eigenmitteln des Peco-Instituts finanziert.

Was treibt Sie an?

Jeder Erfolg: Wenn meine Kolleg:innen und ich durchsetzen können, dass Lohn oder Urlaubsgeld nachgezahlt werden. Einem Arbeiter, der große gesundheitliche Probleme hatte und länger krankgeschrieben war, wurde die Lohnfortzahlung verweigert. Nach einem langen Kampf hat er den Großteil mittlerweile bekommen.

Was ist Ihr wesentliches Ziel?

Ich will zur Veränderung beitragen. Wenn der Mangel an Fachkräften in Deutschland so groß ist, sollte man attraktive Arbeitsplätze bieten. Die Realität sieht anders aus: Ich kenne um die 350 Bauarbeiter, die fast alle schon betrogen wurden. Viele gehen nach Großbritannien, in die nordischen Länder oder in die Heimat, wo die Löhne steigen. Auch deshalb müssen wir sie hier auffangen und Probleme bei den Arbeitsbedingungen lösen.

Interview: Gregor Haschnik

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