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„Das Kultusministerium hatte sich unter Hartmut Holzapfel und anderen für die Geschicke der Odenwaldschule praktisch nicht interessiert“, sagt Adrian Koerfer.

Interview

Missbrauch-Skandal Odenwaldschule: „Zwei Haupttäter leben ungestraft“

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Opfervertreter Adrian Koerfer über die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs.

Adrian Koerfer weist seit Jahren darauf hin, dass die Zahl der Opfer sexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule weit höher waren als bisher öffentlich diskutiert. Koerfer, der Gründungsvorsitzender des Opfervereins Glasbrechen war, zeigt sich erfreut, dass dies nun wissenschaftlich anerkannt wird. Koerfer lebte sieben Jahre lang in der Odenwaldschule und wurde zum Opfer der Übergriffe.

Herr Koerfer, was bedeutet es Ihnen, dass die Vorgänge an der Odenwaldschule nun wissenschaftlich aufgearbeitet worden sind?
Ich fange mit dem negativen Teil an. Es ist aus meiner Sicht keine Erleichterung. Das kann es auch nicht sein, angesichts der ungeheuren Zahl an Tätern, Täterinnen, Taten und Opfern. Genugtuung kann es auch nicht geben, weil mindestens zwei Haupttäter noch ungestraft leben und nie Verantwortung für ihre schrecklichen Taten übernommen haben.

Wie kann das sein?
Die Taten wurden nicht angezeigt, und heute sind sie verjährt.

Bedeutet Ihnen die wissenschaftliche Aufarbeitung also nichts?
Doch, durchaus. Durch die Aufarbeitung sind einige Fakten unabhängig dokumentiert, die wir schon lange kannten, zum Beispiel die Zahl der Opfer. Claudia Burgsmüller und Brigitte Tilmann hatten schon 2010 einen großartigen Teil der Aufarbeitung geleistet. Aber aus ihrer Arbeit ist öffentlich die Zahl von 132 Opfern verbreitet worden, obwohl sie schon von mindestens 132 Opfern geschrieben hatten. Wir haben immer von mindestens 500 Opfern gesprochen. Das bestätigt jetzt eines der Gutachten. Es spricht von einer Zahl von Opfern im oberen dreistelligen Bereich.

Adrian Koerfer, 63, war Odenwaldschüler und Gründungsvorsitzender des Vereins Glasbrechen.

Wie sehen Sie die Rolle des Landes bei der Aufarbeitung, aber auch mit Bezug auf die Schuld, die es selber auf sich geladen hat?
Ich gebe dem Sozialministerium sehr viel weniger Schuld als dem Kultusministerium. Das Kultusministerium hatte sich unter Hartmut Holzapfel und anderen für die Geschicke der Odenwaldschule praktisch nicht interessiert, und wenn es negative Hinweise gab, wurden sie außer Acht gelassen. Solche Vorwürfe kann man dem Sozialministerium nicht machen. Es ist ein starkes Zeichen, dass der neue Sozialminister Kai Klose die sexuelle Gewalt zum Thema seiner ersten Landespressekonferenz macht.

Waren die Opfer ausreichend beteiligt an dieser Aufarbeitung?
Ich kann das nicht für jedes einzelne Opfer beantworten. Aber ich persönlich als langjähriger Vorsitzender des Opfervereins Glasbrechen und damit als Repräsentant war von Anfang bis Ende an dieser Form der Aufarbeitung beteiligt.

Wie geht es den Opfern heute und welche Unterstützung bekommen sie?
Vielen Opfern der Odenwaldschule geht es nicht gut. Aber trotzdem: Den Opfern der Odenwaldschule geht es meiner Ansicht nach besser als vielen anderen. Ich möchte daran erinnern, dass 80 Prozent der Missbräuche in Familien und im familiennahen Umfeld passieren. Dagegen haben wir schon viel Aufmerksamkeit erreicht. Das Sozialministerium hat noch einmal 200 000 Euro bereitgestellt, um den Opfern der Schule weiter zu helfen.

Die Odenwaldschule gibt es nicht mehr. Welche Konsequenzen sollte die Aufarbeitung für andere Institutionen haben?
Die Studien müssen natürlich dazu anregen, sich mit dem institutionellen Missbrauch zu beschäftigen und mit den Bedingungen dafür und dem Umfeld, das diesen institutionellen Missbrauch immer begünstigt. Das heißt: Wir müssen nach vorne gucken. Allerdings will ich dazu sagen, dass das Land Hessen dabei weiter ist als andere. Es hat Beratungsstellen, Traumaambulanzen, eine Kinderschutzbeauftragte. Der brutale Missbrauch an der Odenwaldschule hat dazu geführt, dass Hessen hier weiter ist als andere Länder.

Sind Schülerinnen und Schüler heute besser vor sexueller Gewalt geschützt als zu Ihrer Schulzeit?
Ich würde gerne davon ausgehen. Allerdings sagt mir meine Erfahrung im Betroffenenrat in Berlin etwas anderes. Die Zahlen verändern sich nicht. Wir dürfen nicht nur auf den Schulbereich schauen. Wir müssen auf Familien schauen und auf den Sportbereich. Es gibt nach wie vor unendlich viele Tätermöglichkeiten im Bereich des sexuellen Kindesmissbrauchs.

Ist das Kapitel Odenwaldschule jetzt abgeschlossen?
Aus meiner Sicht ist das Kapitel Odenwaldschule abgeschlossen, aber nicht das Thema Reformpädagogik. Es gibt nach wie vor Befürworter der Reformpädagogik. Ich bin da skeptisch. Ich halte von dem Prinzip der Nähe zum Kind nach wie vor gar nichts.

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