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Miniaturwelten auf Schienen

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Von: Jürgen Streicher

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Die Modellbahn von Gerd Hegny aus Eltville ist eine wetterfeste Gartenmodellbahn, die auch Dampf machen kann.
Die Modellbahn von Gerd Hegny aus Eltville ist eine wetterfeste Gartenmodellbahn, die auch Dampf machen kann. © Michael Schick

Die Modelleisenbahn-Ausstellung in Gonzenheim lässt große Jungs schwärmen. Im Zentrum steht der alte Bahnhof von Bad Homburg.

Jürgen Tuschick ist ein begeisterter Geschichtenerzähler. Das ist gut, sonst könnten die Betrachter seiner fantastischen Miniaturwelten ganz viele Details einfach übersehen, die er in sein „Flaggstone East Terminal“ eingebaut hat. Neben den technischen Finessen sind es auch die „Gimmicks“, wie Tuschick sie nennt, die kleinen Dinge am Rande, in denen der Bastler seinen Spieltrieb auslebt. Der entflogene Papagei auf der Laterne etwa und die im Hintergrund hoppelnden Hasen, oder gar die Sekretärin, die hinter einem der Fenster im Bürohaus „lasziv an den Schreibtisch gelehnt steht“, als der Chef reinkommt. Für diese ganz kleinen Dinge holt er eine Lupe raus, da braucht es einen Verstärker zum Sichtbarmachen der wunderbaren Welt des Eisenbahners mit Leidenschaft.

„Jürgen T. 1:220“ steht auf dem T-Shirt des Mannes, der bei der Modell-Ausstellung der „Interessengemeinschaft Eisenbahn Bad Homburg“ durchgehend Zuhörer hat. Freaks wie er, die meisten eher älteren Semesters, die all die Feinheiten zu schätzen wissen. Die Akribie im Detail im 110 Zentimeter breiten und 30 Zentimeter tiefen und etwa ebenso hohen beleuchteten offenen Schaukasten, in dem er nach seiner Fantasie ein amerikanisches Industriegebiet mit Eisenbahn-Anbindung gestaltet hat.

„Spur Z, 6,5 Millimeter Spurbreite, 1:220“ ist sein Metier. Die Geschichten gehen nicht aus. „Ich erzähle immer Geschichten“, sagt er. „Die Leute müssen ja ein bisschen Freude haben.“ Nicht nur am detailverliebten „Flaggstone“ mit Verweisen auf das Berufs- und Privatleben seines Schöpfers, auch durch den Anblick des Winter-Weihnachtsdorfes, das Tuschick wie auf einer Tortenplatte unter einer Abdeckung serviert. Damit der schöne weiße Kunstschnee und die Z-Spur nicht einstauben, auf der die Miniatur-Eisenbahn unermüdlich ihre Runden dreht, während in den vier Ecken elektronisch gesteuerte Kerzen flackern. Ab nächsten Sonntag ist das Weihnachtsdorf „wie wir es uns wünschen“ nämlich „Adventskranz“ im Hause Tuschick.

Lokaler Aufhänger ist der alte Bad Homburger Bahnhof von 1860. „Wie Weihnachten und Ostern an einem Tag“ war es für Georg Ament, als er auf ein Luftbild aus der Zeit „um 1900“ stieß, das ihm die ganze Pracht der Bahnanlage offenbarte. Perfekt angerichtet für den Nachbau, in dem alte Kurstadt-Zeiten aufleben. Wiederbelebt von Männern wie Ament, für den die Arbeit am Modell das Schönste am Gesamtprojekt ist. Männer, die mit ihren kunstvollen Werken diesen kindlichen Glanz auf fast ausschließlich Männergesichtern erzeugen. Eine Männerwelt ohne Mitte. Ein paar kommen mit Enkelkindern an der Hand, der Grad an fachlicher Expertise ist hoch.

Die Spurbreite 2M ist das Gegenstück zur Spur Z. Modelleisenbahn im Großformat, Fachgebiet vom Gerd Hegny, Gast aus Eltville. Seine Lokomotiven und Wagen brauchen die große Bühne, meist fahren sie unter freiem Himmel. Dafür hat der frühere Chefingenieur einer großen Firma eine spezielle Schienenzange aus Messing mit Edelstahlschrauben entwickelt, um Korrosionsprozessen vorzubauen. Fast alles an seinem Modell der Harzer Schmalspur Bahnen HSB ist Eigenbau.

Die älter gewordenen spielenden Jungs wie Gerd Hegny, Georg Ament und Jürgen Tuschick haben ihre Hausaufgaben gemacht. Haben die Herausforderungen der digitalen Steuerung angenommen und sich für ihr Hobby in neue technische Welten eingearbeitet. „Der Reiz liegt darin, dass man was erschaffen kann“, sagt Altmeister Hegny mit einem Lächeln der Begeisterung. Allerdings sind wenige Jungs in Sicht, die als Bewahrer dieser Kunst auftreten wollen. Diese Sorge treibt die älteren Herren schon ein bisschen um.

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