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Migranten sind Brückenbauer

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Von: Madeleine Reckmann

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High Five mit dem Volk: Gauck wird in Offenbach herzlich empfangen.
High Five mit dem Volk: Gauck wird in Offenbach herzlich empfangen. © dpa

Bundespräsident Gauck besucht Offenbach, weil er wissen möchte, wie Integration funktioniert.

Ein Empfang wie für einen Popstar. Hunderte Schüler warten hinter der Absperrung an der Theodor-Heuss-Schule, einige sitzen auf einem Baum, um besser zu sehen; andere halten Plakate in unterschiedlichen Sprachen hoch, die den Bundespräsidenten Joachim Gauck in Offenbach willkommen heißen. Die Schüler wissen, dass Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt ihretwegen Offenbach besuchen. Denn Gauck wünscht die Stadt kennenzulernen, in der Integration so gut gelingt. In keiner anderen deutschen Stadt ist der Anteil der Migranten so hoch wie in Offenbach, 60 Prozent der Einwohner hat familiäre Wurzeln im Ausland, unter den Jugendlichen sind es 76 Prozent. Gauck möchte daher insbesondere die Jugend sprechen und wissen, wie sie das so macht mit der Integration. Kaum rollt die Präsidentenlimousine ein, beginnen die Schüler zu johlen und zu winken. Gauck nimmt die freudige Stimmung auf, geht auf sie zu, klatscht Hände ab und lacht. Dann ruft das Protokoll. Denn Gauck ist mit 21 Schülern aus drei ausgewählten Schulen verabredet.

„Was macht ihr, damit Integration gelingt?“ und „Was fehlt euch noch?“ das sind die Fragen, über die Gauck mit den Schülern reden möchte; das Bundespräsidialamt hatte sie vorab verschickt. Geduldig und großväterlich hört der Ehrengast zu, wie die Schüler aus ihrem Alltag berichten, den Arbeitsgruppen gegen Rassismus, dem gemeinsamen Religions- und Ethikunterricht, in dem alle Schüler unabhängig von ihrer Religion unterrichtet werden, von Fußballtrainings und Musikgruppen.

Er will genau wissen, woher die Familien der Schüler stammen und ob die Schüler bereits in Deutschland geboren wurden. Ob es Streit oder Differenzen unter den Schülern gebe wegen unterschiedlicher Herkunft und Kultur? „Offenbach ist ein toller Ort, wo sich alle Kulturen ausleben können“, antwortet eine Schülerin. Auch die anderen berichten nur Positives: wie sie in der Schule und im Verein Toleranz und Verständnis lernen, dass man seine eigene Kultur nicht verleugnen müsse, um die anderen zu achten. Da fällt Gauck plötzlich ein, nach den Offenbacher Kickers zu fragen. Als Rostocker habe er Mitgefühl. Wehklagen unter den Zuschauern ertönt. Die Jugendlichen lassen sich nicht beirren, als hätten sie keine Zeit für Albernheiten, es ist ihnen ernst. Auch bei den Kickers seien viele Nationalitäten in einer Mannschaft und einander gleichgestellt, sagen sie. Als sei es das Normalste der Welt.

Es gibt auch Kritik. Dass einige Schüler trotz guter Noten nicht vom Gymnasium zugelassen worden seien, mache sie traurig, sagt ein Mädchen aus Ungarn. Als Grund sei ihr die fehlende zweite Fremdsprache genannt worden, dabei spreche sie doch Ungarisch, Serbisch, Englisch und andere Sprachen. Andere Jugendliche vermissen Räume in der Schule, um sich zwanglos zu treffen und auch um einander noch besser zu unterstützen. Lehrerstellen kürzen, das gehe gar nicht, sagt ein junger Mann, denn zur Integration gehöre Bildung.

„Ich bin überrascht, wie gut ihr drauf seid, und dass ihr nicht so gequält guckt“ sagt der Bundespräsident, „dieses Selbstverständnis, diese Lockerheit und Herzlichkeit, ich bin stolz auf euch.“ Und dann redet Gauck so versöhnlich, wie man ihn kennt: „Was wir uns wünschen, kann gelingen. Wir laufen nicht immer gegen Wände, auch wenn manche Menschen boshaft sind.“ Deutschland brauche genau diesen Geist junger Leute, die sich etwas zutrauen und die Gesellschaft voranbringen. Offenbach könne zu Recht stolz sein auf seine Erfolge. Als Stadt der Ankommenden mache sie beste Integrationspolitik, von der Deutschland lernen könne.

Für Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD) ist der Besuch des Bundespräsidenten „die lange vermisste Anerkennung der Integrationsleistung, die diese Stadt seit einem halben Jahrhundert für die Region vollbringt“. Die Stadtverwaltung stellt seit Jahren fest, dass für viele Migranten Offenbach die erste Station in Deutschland ist und ein erheblicher Teil weiterzieht, nachdem er in Offenbach fit gemacht wurde. Deshalb nutzt Schneider die Gelegenheit, auch von den „dunklen Seiten“ der Migration zu berichten: von Bildungsverlierern und der Armutsfalle. Nicht alle schafften den sozialen Aufstieg. „Offenbach ist Opfer der schwarzen Null“, sagt der OB. Die Stadt habe zu wenig Geld für die Infrastruktur und müsse mehr tun für die Integration.

Dass Migranten unter den Problemen ihrer Heimatländer leiden, macht Firat Erinc mit seiner orientalischen Langhalslaute deutlich. Der 17-jährige Kurde singt mit der Band der Albert-Schweitzer-Schule ein Lied in der Zaza-Sprache, die nur noch von wenigen Menschen in der östlichen Türkei gesprochen wird. Gauck hat den Hinweis verstanden. Er sagt: „Es ist gut zu wissen, dass Menschen, die in ihren Heimatländern wegen ihrer Kultur, Religion oder Anschauungen Schwierigkeiten haben, hier leben können.“

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