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Weidenbachs traditionell-moderne Kreationen sind unter anderem im Victoria & Albert-Museum in London zu sehen.

Hanau

Barocke Opulenz in 3D

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Die neue Stadtgoldschmiedin Silvia Weidenbach ist eine oft ausgezeichnete Grenzgängerin, die traditionelle und digitale Techniken kombiniert.

Ich liebe Opulenz“, sagt Silvia Weidenbach. Gleiches gilt für historische Dinge. Für ihre Broschen ließ sie sich von teils jahrhundertealtem, royalem Schmuck inspirieren. Sie griff auf gängige Materialien zurück wie Gold und Perlen, aber auch auf geheimnisvolles Material. „Moondust“ nennt Weidenbach es – ohne mehr darüber zu verraten, als dass der „Mondstaub“ mit Hilfe eines 3D-Druckers hergestellt wurde. Das Schmuckstück ist sowohl auf bizarre als auch klassische Art schön. Und tragbar, auch weil der Kunststoffanteil es leicht macht. Sie möchte Volumen kreieren ohne Gewicht, so Weidenbach, und die Epochen und Disziplinen „auf respektvolle Weise“ verbinden. Die Künstlerin ist eine Grenzgängerin. Sie kombiniert traditionelle Schmuckkunst zum Beispiel mit Foto-, Video-, Schauspielkunst und 3D-Druck, um ein „visuelles Fest“ zu kreieren.

Weidenbach ist Hanaus neue Stadtgoldschmiedin, sie folgt auf Tabea Reulecke. Der mit 15 000 Euro dotierte Titel wird seit 2004 alle zwei Jahre von der Stadt Hanau, der Staatliche Zeichenakademie und der Gesellschaft für Goldschmiedekunst verliehen. Die sechs Mitglieder der Jury um die Leiterin des Deutschen Goldschmiedehauses, Christianne Weber-Stöber, bringen jeweils mehrere Vorschläge ein und wählen den besten aus.

Die Essenz des aktuellen Juryurteils: Weidenbachs Werke seien überschwänglich und verspielt zugleich. Virtuos vereine sie Schmucktradition mit modernsten technischen Möglichkeiten. Als Siegerin wird auch Weidenbach im Sommer in die Goldschmiedestadt kommen, hier arbeiten und an der Zeichenakademie, deren Werkstätten sie nutzen kann, lehren. Außerdem wird das Goldschmiedehaus eine Ausstellung mit ihren Werken zeigen.

Die 1980 in Annweiler am Trifels geborene Künstlerin studierte nach ihrer Ausbildung zur Silberschmiedin an der Universität für Kunst und Design Burg Giebichenstein in Halle und machte danach am Londoner Royal College of Art ihren Master. Ihre digitalen Fertigkeiten konnte die Goldschmiedin unter anderem während eines Projekts von Microsoft in Cambridge verfeinern. Für ihre Arbeiten erhielt Weidenbach bereits zahlreiche Auszeichnungen. Im vergangenen und in diesem Jahr war sie zum Beispiel die erste „Artist in Residence“ der Rosalinde und Arthur Gilbert Collection am Victoria & Albert Museum in London, das auch eine große Schau von ihr präsentierte.neuen, inspirierenden Ansatz

Neuer, inspirierender Ansatz

Benjamin Pfister, stellvertretender Direktor an der Zeichenakademie, gehört ebenfalls der Jury an und sprach sich entschieden für Weidenbach als künftige Stadtgoldschmiedin aus. Er ist beeindruckt von ihrem „neuen, inspirierenden Ansatz“ und hofft, dass sie dazu beiträgt, die 3D-Gestaltung in Hanau „wachzuküssen“. Die Akademie, eine der ältesten Ausbildungsstätten für Goldschmiede in Europa, hat ihr Engagement in dieser Disziplin ausgebaut. Hier gibt es mittlerweile nicht nur die Möglichkeit, Objekte zu galvanisieren oder zu emaillieren, sondern mehrere 3D-Drucker. Gleichzeitig werde Weidenbach in Hanau die Gelegenheit haben, viele Orte zu besuchen, die sie interessieren könnten, so Pfister, etwa das Hessische Puppen- und Spielzeugmuseum und das Historische Museum Schloss Philippsruhe mit ihren umfangreichen Sammlungen.

Weidenbach ist zuversichtlich, dass es spannend wird: „Ich bin sehr an Historie interessiert. Hanau hat hier einen enormen Schatz. Das passt.“ Sicher ist: „Isoliert vor mich hinarbeiten werde ich nicht.“ Weidenbach sucht den Austausch, kooperiert beispielsweise mit Tattoo- oder Tanzkünstlern und lässt die Begegnungen in ihre Arbeiten einfließen. Sie führt gern spielerische Dialoge, auch mit Ausstellungsbesuchern, „wie beim Ping Pong“. Wobei die Gespräche gern sportlich-fordernd sein dürfen: „Aus Reibung entsteht Anziehung entsteht Glanz.“

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