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Nadine Winkelbauer, Metallbildnerin in der Ausbildung, lötet einen Silberring für ein Schmuckstück.

Hanau

Zwischen Handwerk und Digital-Welt

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Beim Tag der offenen Tür in der Staatlichen Zeichenakademie gibt es einen Einblick in fünf Ausbildungsgänge.

Mit der Graviernadel ritzt die Auszubildende in der Werkstatt feinste Linien in das Metall. Unter ihren Händen, die oft mehrere Striche pro Millimeter einarbeiten, wächst eine verzierte Initiale heran. Ein Stockwerk über der angehenden Graveurin geht es ebenfalls um kleinste Details, nur entstehen sie hier am Bildschirm.

Insgesamt 24 Computer-Arbeitsplätze gibt es in dem CAD-Labor, dazu zwei 3D-Drucker und einen 3D-Scanner. Vor letzterem steht am Samstag beim Tag der offenen Tür in der Zeichenakademie ein blauer Schlumpf als Demonstrationsobjekt. Das Gerät scannt die Objekte und überträgt die Daten in den Computer. Dort können die Auszubildenden sie mit verschiedener Software weiter bearbeiten.

„Der wesentliche Teil der Akademie ist, dass wir Modernes im IT-Bereich mit den klassischen Techniken verbinden können“, sagt Benjamin Pfister, stellvertretender Schulleiter. Er führt Burkhard Meuser, Abteilungsleiter in der ebenfalls Staatlichen Glasfachschule in Hadamar, durch die Räume. Im CAD-Labor angekommen sagt Meuser, bei der digitalen Ausstattung gebe es zwar Überschneidungen, doch sei die Technik in der Zeichenakademie „Bundesliga“, die der Glasfachschule „Kreisliga“.

In der Bundesliga spielt auch Michael Otto mit. Der Graveur-Lehrer erzählt in der Werkstatt, dass sein Bild-Entwurf für die neue Zwei-Euro-Gedenkmünze zum Thema Bundesrat von der Bundesregierung ausgewählt wurde. Das neue Geldstück wird ab 2019 geprägt, Auflage voraussichtlich 30 Millionen Stück. „Der Entwurf besticht durch die sehr detaillierte, feine plastisch durchgearbeitete Gebäudeansicht“, begründet das Bundesfinanzministerium seine Wahl.

Die Symbiose von Altem und Modernem tritt auch in der Architektur der Zeichenakademie zutage. Da ist das historische, langgestreckte dreistöckige Gebäude, das Gänge mit dem benachbarten Neubau verbinden – ein Werk aus Stahl und Glas.

Schon zu Beginn der Besuchertages sind die einzelnen Werkstätten gut besucht. Bei Führungen lassen sich die Gäste erklären, worauf es in den derzeit fünf verschiedenen Ausbildungen (Goldschmied, Silberschmiedin, Metallbildnerin, Graveur und Edelsteinfasser) ankommt. Ronja Zimmermann ist eine von ihnen. Mit ihrem Vater ist die 16-Jährige aus Hofheim hergekommen, sie will sich orientieren, welche Ausbildung für sie infrage kommt.

Eine Führung haben sie mitgemacht, gehen soeben vom Akademie-Café die Treppen zu den Werkstätten hinauf und wollen die Welt der Gold- und Silberschmiede auf eigene Faust weiter erkunden. Sehr modern ist hier alles“, findet Ronja.

Pfister zufolge sind die Chancen auf eine Stelle nach der Ausbildung „derzeit sehr gut“, die freie Wirtschaft boome. Die Metallbranche ist es, in der die hiesigen Auszubildenden – über 90 Prozent Frauen – unterkommen. So finden die Graveurinnen etwa bei industriellen Werkzeugherstellern Anstellung, Silberschmiede in der Schmuck herstellenden Industrie oder Metallbildner – je nach Schwerpunkt – bei Herstellern von metallischen Gebrauchsgegenständen oder im Metallkunsthandwerk.

Beim Blick in die Metallbildnerwerkstatt wird klar, warum es letztgenannten Schwerpunkt gibt. Hier stehen Stühle, die es wohl in keinem (Online-)Kaufhaus gibt, hier hängen Pflanzkübel, die man in keinem Gartenmarkt findet. „Es geht darum, dass wir neue Ansätze finden“, sagt Diplom-Designerin und Ausbildungsleiterin Claudia von Hansemann.

Sie hält ein anderes Produkt in die Höhe: Vier Mineralwasserflaschen aus Plastik hängen in einem Gestell aus Metall mit Tülle. Eine Upcycling-Gießkanne. Umweltfreundlich und gewöhnungsbedürftig. Von Hansemann: „Das wollen wir erreichen, dass ein Produkt polarisiert.“

Originell, kreativ, handwerklich geschickt – es gibt viele Attribute, die auf die Ausbildung in der Zeichenakademie zutreffen. Nicht zu vergessen digitalisiert. Bleibt noch zu sagen: „Der Computer ist nur so gut wie der Mensch, der davor sitzt“, betont Graveur Otto.

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