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Die Sonne strahlt hinter ernetreifem Getreide auf einem Feld am Rande des Taunus.

Wetter

Menschen, Tiere und Pflanzen haben Durst

In Hessen lechzen Pflanzen, Tiere und Menschen derzeit nach Wasser. Manche Bereiche sind stärker betroffen, manche weniger. Ein Überblick.

Nach dem trockenen Jahr 2018 regnet es in Hessen auch in diesem Jahr zu wenig. "Wir sind im unteren Bereich dessen, was wir in den letzten Jahrzehnten gesehen haben", sagt Andreas Brömser vom Deutschen Wetterdienst (DWD). Bis Mitte kommender Woche sehe es weiterhin nicht nach nennenswerten Regenmengen aus. Dabei ist das Defizit mittlerweile groß. Beispiel DWD-Messstation Frankfurt Flughafen: Hier fehlen seit Beginn vergangenen Jahres rund 230 Liter Regen pro Quadratmeter. Das entspräche drei bis vier Monatsniederschlägen, die der Natur nun fehlen. Ein Überblick über die aktuelle Situation im Land:

- Die GRUNDWASSERSTÄNDE haben sich noch nicht vom Regenmangel im vergangenen Jahr erholen können und sind auf einem niedrigeren Niveau als vor einem Jahr, wie das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) mitteilte. Die Niederschläge seit Januar lägen nur 8 Prozent unter dem Schnitt, das sei unter anderen Bedingungen unproblematisch. In Kelkheim im Taunus wurde am Montag der Trinkwassernotstand ausgerufen, da der Verbrauch in den Tagen zuvor um bis zu 60 Prozent über dem Normalverbrauch gelegen hatte und Brunnen an ihre Fördergrenzen gerieten. Am Dienstag und Mittwoch habe sich die Lage aber wieder entspannt, sagte Stefan Sowade, Technischer Betriebsleiter der Stadtwerke. Vergangene Woche hatte Hessenwasser, der Versorger der Rhein-Main-Region, einen neuen Tagesrekord beim täglich abgegebenen Trinkwasser gemeldet.

- Auch mehr als die Hälfte der Pegelstände der FLÜSSE UND BÄCHE in Hessen liegen laut HLNUG wegen der relativ geringen Niederschläge seit Januar und der Hitze der vergangenen Wochen unterhalb des Durchschnittswerts. Im Taunus und in Wiesbaden wurden die Bürger aufgefordert, kein Wasser mehr aus Bächen zu entnehmen, wie das Regierungspräsidium Darmstadt mitteilte.

Für den Main spiele die Trockenheit keine Rolle, da er "staugeregelt" sei und immer eine Fahrrinnentiefe von 2,90 Metern garantieren könne, sagte Stephan Momper, Leiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Aschaffenburg. Indirekt könne die Schifffahrt am Main betroffen sein, wenn auf Schiffe am Rhein nicht mehr voll beladen werden können. Dies sei derzeit aber nicht der Fall.

Stadtbäume brauchen Regen

- Die STADTBÄUME brauchen ebenfalls Regen. Das Grünflächenamt Frankfurt erfasst rund 200 000 Bäume im Stadtgebiet, nur die jüngsten werden gegossen. Einige Bäume überleben die Trockenheit also nicht. Während normalerweise zwischen 0,5 und 0,7 Prozent der Bäume gefällt werden müssen, liege die Rate aktuell bei fast 1,5 Prozent. Auch Pilze sind dafür mitverantwortlich. Bereits geschwächte Bäume seien anfälliger für Schädlinge, sagt Bernd Roser vom Grünflächenamt: "Das ist wie beim Menschen, wenn die Immunabwehr wegen Stress geschwächt ist, werden wir krank." Deshalb schaut sich das Amt nach anderen Baumarten um, die Trockenheit besser wegstecken. Immerhin macht der Rasen in der Stadt Roser keine Sorgen. Beim nächsten Regen treibe der in der Regel wieder gut aus, solange er nicht zertrampelt wurde.

- Auch dem WALD macht das trockene Wetter zu schaffen. "Wir haben extreme Probleme mit Schädlingsbefall durch die Trockenheit", sagte der Sprecher von Hessen Forst, André Schulenberg. Die Bäume seien geschwächt, die Rinden brüchig. Pilze hätten daher bei Laubbäumen, Borkenkäfer bei Nadelbäumen leichtes Spiel. Dabei sei immer noch der trockene Sommer 2018 zu spüren. Je nach Region würden seitdem 200 bis 300 Liter Wasser pro Quadratmeter fehlen. "Das sind spürbare Mengen, die solche Ökosysteme vor Herausforderungen stellen", sagte er. Borkenkäfer hätten sich im vergangenen Jahr gut ausbreiten und jetzt überwintern können. "Das stellt uns vor riesengroße Probleme", sagte Schulenberg. Gegen die Käfer werde vorgegangen, indem befallene Bäume gefällt und weggebracht oder mit Insektiziden besprüht werden. Gegen den Pilzbefall der Laubbäume gebe es keine Maßnahmen. "Wir können nur auf Regen hoffen", sagte er.

- Die Feuerwehren in Hessen mussten bereits zu mehreren WALDBRÄNDEN ausrücken. So brannte es im Frankfurter Stadtwald und in Münster (Landkreis Darmstadt-Dieburg). Das hessische Umweltministerium zählt in diesem Jahr bisher rund 40 Waldbrände. Das Ministerium hat außerdem die zweithöchste Alarmstufe A wegen der Waldbrandgefahr ausgerufen. Das Brandrisiko hängt aber nicht nur mit Hitze und Trockenheit zusammen, heißt es vom DWD. Auch Faktoren wie Sonneneinstrahlung, Windgeschwindigkeit und Luftfeuchtigkeit seien entscheidend. Momentan bleibe das Waldbrandrisiko in weiten Teilen Hessens hoch, immerhin habe die Hitze aber etwas nachgelassen.

Wildtiere leidehn unter der Trockenheit

- Auch viele WILDTIERE leiden unter der Trockenheit. Große Schwierigkeiten haben Amphibien wie Gelbbauchunke oder Kreuzkröte, weil zahlreiche Tümpel austrocknen. Der Naturschutzbund Hessen (NABU) hat deshalb schon mehrfach kleinere Gewässer aufgefüllt. "Den Wald müssen wir aber noch nicht gießen", sagt Berthold Langenhorst vom NABU. Größere Tiere wie Rehe könnten sich Bäche in einem anderen Revier suchen. Dem widersprach der Deutsche Jagdverband (DJV). Rehe deckten ihren Wasserbedarf nahezu komplett über pflanzliche Nahrung und seien sehr standorttreu, sagte ein DJV-Sprecher. Die Tiere suchten weder bei Trockenheit noch sonst gezielt Bäche auf. "Wir haben nach dem Rekordsommer 2018 aus dem gesamten Bundesgebiet viele Hinweise bekommen, dass Rehe unter andauernder Trockenheit leiden. Wenn der Morgentau wegfällt und die Vegetation verdörrt, bedeutet das erheblichen Stress. Bemerkbar hat sich dies gemacht durch einen verstärkten Parasitenbefall, geringeres Gewicht der Rehe und eine erhöhte Sterblichkeit bei Kitzen." Auch bei Wildschweinen habe der Rekordsommer 2018 nach Meinung von Wissenschaftlern dazu geführt, dass überdurchschnittlich viele Frischlinge gestorben sind.

- Schwieriger sei das für weniger mobile Tiere wie zum Beispiel MÄUSE, erklärte der NABU. Die müssten auf kältere Nächte und Morgentau hoffen. SCHMETTERLINGE freuten sich dagegen über die Trockenheit, denn bei Regen flögen die Insekten nicht. Allerdings fänden die Raupen kaum Futter. "Der Wald ist ein Ökosystem. Die Trockenheit betrifft nicht nur das Tier, auch die Nahrungspflanzen verdorren", sagt Langenhorst.

- In der LANDWIRTSCHAFT leidet vor allem der Winterweizen unter der Hitze und der Trockenheit. "Die Weizenfelder sind insbesondere im Rhein-Main-Gebiet schon ziemlich gelb", sagte der Sprecher des Hessischen Bauernverbands, Bernd Weber. "Sie müssten eigentlich noch grün sein." Der Winterweizen - der laut Weber etwa die Hälfte der hessischen Ackerflächen ausmacht und einen hohen Stellenwert hat - werde früher reif, die Körner deshalb kleiner. "Wir müssen mit Einbußen rechnen", sagte er. Bei anderen Pflanzen wie der Wintergerste, dem Mais, den Zuckerrüben und den Obstbäumen sehe es noch besser aus. Auf die Schädlingssituation hätte ein Zeitraum von wenigen Wochen Hitze keine massiven Auswirkungen, sagte Michael Lenz vom Pflanzenschutzdienst des Regierungspräsidiums Gießen. (dpa)

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