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„Menschen, Menschen über alles“

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Von: Andreas Groth

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Probe im Karton: Umzugskisten sind ein wichtiger Bestandteil der Performance.
Probe im Karton: Umzugskisten sind ein wichtiger Bestandteil der Performance. © Rolf Oeser

Das Theater Alte Feuerwache positioniert sich mit dem Performance-Projekt „Menschen, Menschen über alles – über jedes Vaterland“ in der Flüchtlingsdebatte.

Für die Darsteller des Theaters Alte Feuerwache (TAF) sind die Pappkartons das Mittel der Wahl. Sie schieben die Umzugskisten vor sich her, stapeln sie aufeinander und bringen sie zum Einsturz. Aneinandergereiht wirken sie wie eine Mauer. Selbst als Boot dienen sie den Frauen und Männern. „Die Kisten stehen für Flucht“, sagt Pia Nußbaum. Zugleich seien sie ein „Transportmittel für Gefühle“. Auf manchen sind in großen schwarzen Lettern Begriffe geschrieben, zum Beispiel: Patrioten, Identitäre und AfD.

Nußbaum leitet das Performance-Projekt „Menschen, Menschen über alles – über jedes Vaterland“, das am Wochenende zur Aufführung kommt. Es ist eine schonungslose Stellungnahme der Theaterfreunde gegen die unzähligen radikalen und feindseligen Stimmen in der Flüchtlingsdiskussion. „Die Diskussion wird zu sehr von Populisten und Brandstiftern dominiert“, sagt Regisseurin Nußbaum.

Was die Zuschauer im Innenhof des Badehauses 2 geboten bekommen, ist kein Theaterstück. Es ist eine Darbietung von ganz unterschiedlichen Texten, Liedern, Gedichten und auch Bewegung. Die Beiträge stammen im Original von bekannten Künstlern wie Kurt Tucholsky und Georg Kreisler, aber auch von jungen Migranten und Bands. Aberwitzige Leserbriefe aus einer Regionalzeitung werden unter Nennung des Autorennamens verlesen. In ihnen ist von einer „schleichenden Übernahme Deutschlands“ die Rede, von der Furcht, Deutschland werde in spätestens 15 Jahren „Deutsch-Arabien“ heißen. Bitterböse ist die Verleihung des Friedensnobelpreises an das Mittelmeer, das die Auszeichnung für seine bereitwillige Aufnahme unzähliger Flüchtlingen erhält.

Ungeschminkt machen die TAFler auf Missstände aufmerksam. „Alles wurzelt darin, dass wir bestimmte Aussagen des täglichen Diskurses nicht mehr überhören wollen“, sagt ein Ensemble-Mitglied.

Die Probezeit für die Performance war mit etwa sechs Wochen denkbar kurz. Erst im Juni begann die Gruppe um Nußbaum damit, ihre Gedanken aufzuschreiben. Der Integrationsbeauftragte des Wetteraukreises, Josef Bercek, habe das TAF gefragt, ob es sich an den Interkulturellen Wochen im Wetteraukreis beteiligen wolle. Der Entschluss, die Stimme zu erheben für jene, die nicht selbst sprechen können oder kein Gehör finden, war aber schon einige Monate vorher gefallen. Im März beschloss die Mitgliederversammlung des Theatervereins, eine Arbeitsgruppe einzurichten.

Sie heißt „Menschen suchen Zuflucht“. Die Gruppe will von Dauer sein und sich immer wieder äußern, mit Texten, Liedern und eigenen Produktionen. Auch Links will sie ins Internet stellen, von denen sie denkt, sie könnten den Diskurs in der Gesellschaft bereichern. Ihren Anspruch hat die Gruppe in einem Manifest formuliert. „Wir halten all jenen Gegenrede, die ihre menschenverachtende Meinung für die einzig Richtige halten“, heißt es darin. Der Text endet mit den Worten: „Wir werben für unsere Vision einer grenzenlosen, mitmenschlichen, global funktionierenden Gesellschaft. Vor allem aber erinnern wir an die Würde jedes einzelnen Menschen.“ Die Performance übermorgen ist der erste künstlerische Debattenbeitrag der Gruppe.

„Ein absurdes Stück“, sagt Sarah Senst, die erst vor kurzem zum Theater Alte Feuerwache gestoßen ist. Sie wird einen der Leserbriefe vorlesen. In einer der Kisten stehend, wird sie die vermeintlichen Ängste des Autors verlesen. An ihn hat sie einen ganz einfachen Rat: „Man sollte sich immer überlegen, ist es vertretbar und wahr.“

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