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PORTRAIT DER WOCHE

„Mein Papa ist dran schuld“

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Feuerwehrfrau Christina Bernhard über ihr extremes Hobby, Überfürsorge und Einsätze an Silvester.

Einsatz in einem Mehrfamilienhaus in Neu-Isenburg im November. Der Aufzug klemmt. Christina Bernhard gelingt es, die Tür zu öffnen. Eine glückliche Frau stürzt ihr aus dem Inneren des Aufzugs entgegen und bedankt sich überschwänglich. „Genau deswegen mache ich das“, sagt Feuerwehrfrau Bernhard. Bereits mit zwölf Jahren stieg die Neu-Isenburgerin bei der Jugendfeuerwehr ein. „Mein Papa ist dran schuld“, sagt die 27-Jährige und lächelt. Denn Papa Thomas ist selbst bei der Freiwilligen Feuerwehr in Neu-Isenburg und nahm seine beiden Töchter in jungen Jahren immer wieder mal mit auf diverse Feste. „Ich fand die Feuerwehrautos toll und Blaulicht natürlich sowieso“, erinnert sich Bernhard. Druck gemacht, bei der Feuerwehr einzusteigen, hat der Vater nie. Aber als die kleine Christina dann dazu kam, „war er schon stolz wie Bolle“, erinnert sich die Tochter, zumal ihre ältere Schwester Anna dann später auch noch zur Feuerwehr ging.

Mit 17 wechselte Christina dann von der Jugendfeuerwehr in die Einsatzabteilung und hat sich richtig reingehängt. Mittlerweile ist sie Gruppenführerin und hat zwei rote Punkte an ihrem Feuerwehrhelm. Das zeigt an, dass sie auch befugt ist, in Einsätzen ein Atemschutzgerät zu tragen. Mit Atemschutzgeräten kennt sich die 27-Jährige sowieso richtig aus, sie organisiert und leitet auch das entsprechende Notfalltraining für die Kollegen und für die Kolleginnen, denn auch die gibt es bei der Freiwilligen Feuerwehr Neu-Isenburg. Etwa zehn Prozent der rund 130 Einsatzkräfte sind weiblich. Das ist in der absoluten Männerdomäne Feuerwehr schon mehr als sonst üblich. „Vielleicht ist es der Respekt vor der Technik“, sagt Bernhard zu den Vorbehalten der Frauen vor der Feuerwehr. Es müsse schon auch schwer gearbeitet werden. „Wer unter Atemschutzgerät arbeitet, sollte fit sein“, betont Bernhard, die für ihre Fitness regelmäßig laufen geht, jetzt im Winter auf dem Laufband im Sportraum der Feuerwehr.

Probleme in der Männerwelt hat die 27-Jährige nicht. „Es gibt mal ein paar unterschwellige Sprüche, aber das darf man nicht persönlich nehmen.“ Bernhard hat stattdessen eher „eine Übervorsorge“ beobachtet und erinnert sich an einen Fall, als ein Toter zu bergen war und ihr der männliche Kollege bedeutete, sie brauche da nicht mit anzupacken. „Ich habe das während des Einsatzes nicht diskutiert und so stehen lassen, den Kollegen aber danach zur Seite genommen“, so Bernhard. Denn Rücksicht brauche auf sie niemand zu nehmen. „Egal ob kurze oder lange Haare, wir müssen alle die gleiche Arbeit machen.“

Eher sei es sogar mal so, dass auch Männer mit gewissen Situationen nicht zurechtkämen. „Das ist schon ein extremes Hobby und kein Schachverein, man sieht schon extreme Situationen.“ So hat Bernhard schon in jungen Jahren „Tote in sämtlichen Situationen“ gesehen. Erhängt, vom Zug überrollt oder in einem Brand umgekommen. Bernhard hat für so schlechte Erinnerungen ein Schubladensystem entwickelt. „Manchmal macht man die Schublade auf und spricht darüber, dann wird die Schublade wieder zugemacht.“

Mit 19 hat sie eine Frau aus einem brennenden Haus geholt und war überrascht, als sie von dem Opfer angesprochen wurde. „Das ist eher unüblich, dass die Personen noch bei Bewusstsein sind. Problematisch war die Bergung aus dem dritten Stock insofern, weil die Frau gar nicht gerettet werden wollte. Nicht immer sind die Einsätze so spektakulär. Aber bei jedem noch so kleinen Einsatz lerne ich immer wieder was dazu.“ Allein in diesem Jahr war Gruppenführerin Bernhard bei über 100 Einsätzen dabei.

Wer das hört, vergisst schnell, dass die junge Frau ja auch noch einem Beruf nachgeht. Bernhard arbeitet als Personalreferentin bei Merck in Darmstadt und hat, wie sie sagt, einen extrem verständnisvollen Arbeitgeber. Bei einer brennenden Mülltonne wird sie tagsüber nicht alarmiert, das würde die Fahrt von Darmstadt nach Neu-Isenburg auch nicht lohnen. Aber bei Großeinsätzen, nach Nachteinsätzen oder wenn sie auf einen Lehrgang wolle, habe es noch nie Probleme gegeben.

Ein paar Lehrgänge werden wohl auch noch dazukommen. „Ich habe noch nicht genug“, sagt Bernhard und grinst. Zuletzt hat sie gelernt, wie sie Personen aus Unfallfahrzeugen richtig rausschneidet und Opfer angesprochen werden sollen. Wenn sie noch ein bisschen mehr Erfahrung hat, will sie vielleicht noch Zugführerin werden. Als Gruppenführerin leitet sie kleine Einsätze und ist für bis zu acht Einsatzkräfte zuständig, als Zugführerin wäre sie dann für zwei Gruppen verantwortlich.

Wer denkt, ein Hobby wie die Freiwillige Feuerwehr sei für Christina Bernhard schon genug, der irrt. Denn seit Mai hat sie auch noch den elfjährigen Fuchswallach Herbert unter ihre Fittiche genommen und springt mit ihm. „Da ging ein Kleinmädchentraum in Erfüllung“, sagt Bernhard über ihr eigenes Pferd. Den Kleinmädchentraum vom Feuerwehrauto hat Bernhard nicht mehr, aber ihr Hobby Feuerwehr will sie trotzdem nicht missen. Die Kameradschaft ist groß, man hat viel zusammen erlebt, trifft sich auch viel privat. „Es kommt schon vor, dass wir zu einem Einsatz ausrücken müssen und ohnehin schon zusammen irgendwo beim Essen saßen“, sagt Bernhard.

An diesem Silvesterabend wird Bernhard mal anderen Kolleginnen und Kollegen den Vortritt lassen. Sie hat schon ein paar Mal an Silvester Bereitschaft gehabt und erinnert sich an brennende Mülltonnen neben denen Schaulustige La Ola machten. An diesem Silvesterabend macht Christine Bernhard bei einer privaten Feier selbst La Ola, aber im neuen Jahr wird sie wieder Menschen aus klemmenden Aufzügen und anderen Notsituationen befreien.

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