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Mehr Wertschätzung für Sorgearbeit

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Von: Jana Ballweber

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Der Sozialverband VdK Hessen-Thüringen will mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Pflegearbeit. Helfen sollen eine Pflegezeit und gesamtgesellschaftliches Umdenken.

Benötigt ein Mensch im Alter oder wegen einer Krankheit Pflege, springen oft die Frauen der Familie ein. Auch große Teile der Kindererziehung lasten meist noch auf den Schultern der Mütter. Das führt bei vielen Frauenzu langen Unterbrechungen im Berufsleben, zu niedrigeren Löhnen und damit in die Altersarmut.

Auf seiner Landesfrauenkonferenz hat der Sozialverband VdK Hessen-Thüringen deshalb eine Resolution verabschiedet, die die Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern verringern soll. „In der Pandemie haben wir erlebt, dass die alte Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen wieder aufgelebt ist“, sagt Daniela Sommer, Landesvertreterin der Frauen im VdK. Doch auch schon vorher sei die Belastung durch unbezahlte Care-Arbeit – also Kindererziehung, Altenpflege oder Hausarbeit – ungleich verteilt gewesen.

Etwa 75 Prozent aller Frauen, die heute zwischen 35 und 50 Jahre alt sind, müssten im Alter mit einer Rente unter Hartz-IV-Niveau rechnen, berichtet die Gleichstellungsexpertin Uta Meier-Gräwe: „Viele Frauen kümmern sich um Kinder und Haushalt und rutschen deshalb in schlechter bezahlte Teilzeitjobs oder sind über Jahre hinweg gar nicht erwerbstätig. Und wenn die Kinder dann groß genug sind, dass eine Vollzeitstelle wieder möglich wäre, geht es oft mit der Pflege von Angehörigen los.“

Pflegezeit als Lösung

Die Bundesregierung habe sich immer noch nicht vom Gedanken verabschieden können, pflegende Angehörige als Ehrenamtler:innen zu sehen. So könnten diese aber keine Rentenpunkte sammeln und seien von Altersarmut gefährdet, erkärt Meier-Gräwe. Das betreffe immer noch viel häufiger Frauen. „Männer treten zwar auch als pflegende Angehörige auf, allerdings seltener und oft erst, wenn sie selbst schon in Rente sind.“

Eine Lösung für dieses Problem könnte die Einführung einer Pflegezeit sein, die ähnlich wie die Elternzeit die Sorgearbeit ermöglichen soll, ohne dass die pflegenden Menschen sich Sorgen um ihren Lebensunterhalt machen müssten. Eine solche Unterbrechung des Berufslebens könne dann auch bei der Rente berücksichtigt werden, sagt VdK-Vertreterin Sommer.

Um den Karriereknick möglichst gering zu halten, wenn Arbeitnehmer:innen für Kinderbetreuung oder Pflege eine berufliche Auszeit einlegen, sieht Sommer auch die Arbeitgeber in der Pflicht. „Eine solche Pause muss eine Selbstverständlichkeit werden, auch für Männer.“ Dazu müsse sich in den Köpfen der mehrheitlich männlichen Führungskräfte etwas verändern.

„Wir müssen Care-Arbeit gesamtgesellschaftlich mehr wertschätzen“, meint auch Meier-Gräwe. Sonst bekomme man Männer nicht dazu, diese Arbeit zu erledigen. „Unsere Gesellschaft ist noch viel patriarchalischer als wir uns das oft vorstellen“, stellt die Expertin fest. Das zeige sich auch in den politischen Entscheidungen. Denn so groß das Problem der Pflege angesichts einer alternden Gesellschaft auch erscheine, die Lösungen gebe es bereits: „Auf Ebene einzelner Einrichtungen gibt es tolle funktionierende Modelle. Aber wenn sie landesweit umgesetzt werden sollen, heißt es immer, dafür fehlten die Mittel. Hier müssen sich die Prioritäten dringend ändern.“

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